Was Michael Jürgs Verlagsmanagern rät

17.04.2019
 

Michael Jürgs führte den "stern" als Chefredakteur und schrieb Bestseller über Romy Schneider oder Axel Springer. Im vergangenen August machte er seine Krebserkrankung öffentlich. Im Juni soll Jürgs den Theodor-Wolff-Preis für sein journalistisches Lebenswerk erhalten. "kress pro" hat mit Michael Jürgs gesprochen.

Das Interview, dass "kress pro"-Autor Marcus Schuster mit Michael Jürgs geführt hat, stammt aus dem Dezember 2018 ("kress pro"-Ausgabe 10/2018).

"kress pro": Michael Jürgs, was machen Sie im Moment?

Michael Jürgs: Ich lese die Fortsetzung von Florian Illies' Buch "1913", ich spiele Klavier, eine Sonatine von Mozart, oder schaue in den Himmel und hoffe, dass ich ihn noch lange sehe.

"kress pro": Welche Reaktionen haben Sie auf Ihren "Handelsblatt"-Essay bekommen, in dem Sie die Lage des Journalismus mit Ihrer eigenen "Deadline" verknüpfen?

Michael Jürgs: Es waren bestätigende, teils sehr berührende Rückmeldungen dabei - von Kollegen, Verlagsmanagern und Politikern jeder Couleur, rechts außen einmal ausgenommen, die gesagt haben, sie beten für mich. Es gab aber auch Menschen, die mit dem Gemüt eines Schlachters gefragt haben, ob ich nicht eine Krebskolumne schreiben möchte. Die haben nichts verstanden. Oder die mich zu TV-Talks über den Journalismus einladen wollten. Ich wusste, wenn ich da hingehe, lautet das Thema: "Michael Jürgs, Ex-,Stern'-Chefredakteur, hat Krebs." No way.

"kress pro": Warum haben Sie den Text geschrieben? Viele sprachen hinterher von einem Vermächtnis. Ein Wort, das Sie bestimmt hassen, oder?

Michael Jürgs: So ist es. Nennen wir es lieber vorletzte Worte. Ich wollte einfach noch etwas über unseren Beruf von mir geben. Außerdem hatte ich gehört, dass andere über meine Erkrankung schreiben würden. Das wollte ich selbst machen, mit einer Portion Selbstironie.

"kress pro": Der Essay macht Mut, weil Sie erfolgreiche Ansätze vorstellen, die den Journalismus auf der ganzen Welt vital halten. Explizit loben Sie Verlagsmanager, die wahnsinnige Marketingideen aus dem Hut zaubern, damit aber den Kern ihres Geschäfts schützen.

Michael Jürgs: Ja, denn ich habe das Jammern satt. Man muss hin und wieder das Wagnis riskanter Entscheidungen eingehen. Und man muss langfristig investieren: in Recherche, in Enthüllungen, selbst wenn man dann nur noch ein paar Mal im Jahr bei der Aktualität in der ersten Reihe steht.

"kress pro": Bis zu welchem Punkt sind Nebengeschäfte für Sie okay?

Michael Jürgs: Ich akzeptiere alles - von Waffenhandel einmal abgesehen -, solange einer Redaktion nicht reingeredet wird. Das ist die Bedingung. Wenn dadurch unsere Profession geschützt wird, kann ein Verlag meinetwegen auch Thermomixer verkaufen. Natürlich kommt das Geld aber allzu oft auch nur der Rendite zugute, da braucht man nicht romantisch sein.

"kress pro": Arbeiten Sie an neuen Buchprojekten?

Michael Jürgs: Ja. Eines heißt "Lesen, Leute, lesen! - Wie Bücher gegen die Verrohung der Gesellschaft helfen". Ein schwieriges Thema, das aber Spaß macht, weil ich mit jenen Menschen abrechnen kann, die dazu beitragen, dass wir verblöden. Ich denke dabei immer an Augsteins berühmten Satz, wer schreibt, der bleibt. Obwohl ich weiß, dass mir so viel Zeit nicht mehr bleibt.

"kress pro": Haben sich durch die Krebsdiagnose Ihre Pläne verändert?

Michael Jürgs: Ja, so ziemlich alle, weil es natürlich jederzeit sein kann, dass der erste Satz, den ich an einem Text schreibe, der letzte ist. Andererseits: Wenn ich mich davon beeindrucken lassen würde, würde ich gar nichts mehr tun.

"kress pro": Wie geht es Ihnen heute?

Michael Jürgs: Den Umständen entsprechend. Nach vielen Wochen im Krankenhaus spiele ich wieder Klavier, gehe mit meiner Frau ins Kino oder ins Theater. Natürlich kann ich keine großen Reisen mehr unternehmen so wie früher. Umso mehr zehre ich aus den Erinnerungen. Ich bin froh, dass ich in meinem Leben nie etwas gekauft habe, keine Wohnung, kein Haus, sondern das Geld immer im Hier und Jetzt ausgegeben habe. Ich habe so viel Schönes erlebt. Die Erinnerungen haben mir geholfen, manche dunklen Nächte zu überleben. Irgendwann habe ich nicht mehr gefragt: Wieso denn ich? Sondern die Antwort gefunden: Wieso ich nicht? Danach war ich gelassen.

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