Döpfners neuer Chef

 

Ralph Büchi ist seit diesem Mittwoch Aufsichtsratschef von Axel Springer. Dass die Wahl für den Prestigejob auf den Schweizer fiel, überraschte die Branche. Büchi ist in seiner Laufbahn oft unterschätzt worden. Wie tickt der Manager? Ein "kress pro"-Porträt.

Eigentlich sollte sich Ralph Büchi (61) ja eine gewisse Gelassenheit antrainiert haben. Schließlich ist er seit rund 35 Jahren als Führungskraft im Mediengeschäft und kennt die schnellen Aufregungen der Branche, die morgen schon niemanden mehr interessieren. Und dennoch gibt es auch bei ihm so einen gewissen Punkt, der ihn in Wallung bringt. Als ihn der "Schweizer Journalist" vor Jahren mal als kühl rechnenden Manager beschrieb, wedelte Büchi Monate später bei einem Gesprächstermin zu Beginn mit der entsprechenden Ausgabe in der Hand und sagte: "Darüber müssen wir noch reden." Und dann feuerte er in seinem typischen Schnellsprech mit leicht kratziger Stimme seine Argumente ab. Das wichtigste dabei: "Ich bin im Herzen immer noch Journalist, und guter Journalismus ist die entscheidende Dienstleistung unseres Unternehmens."

Ralph Büchi möchte auch heute nicht als jemand wahrgenommen werden, dem es allein ums Geschäft geht und dem der Journalismus egal ist. Da geht es ihm ähnlich wie dem Medienunternehmen Axel Springer, für das Büchi lange arbeitete. Springer ist europaweit führend bei der Transformation des Geschäfts. Der Preis dafür allerdings ist, dass die digitalen Rubrikenmarktportale inzwischen das Geld verdienen und nicht mehr der Journalismus. Nur: Das hören sie bei Springer nicht so gerne.

Künftig können Büchi und der Konzern gemeinsam den Beweis antreten, dass Inhalte für beide eine Herzensangelegenheit sind. Im November nämlich überraschte Springer mit der Nachricht, dass Büchi, derzeit COO des Schweizer Medienunternehmens Ringier, im April in den Aufsichtsrat von Axel Springer einziehen und dort den Vorsitz übernehmen soll. Damit ist er nun Chefaufseher von Deutschlands drittgrößtem Medienunternehmen mit mehr als 3,18 Mrd. Euro Jahresumsatz und rund 16.000 Mitarbeitern.

Den Prestigejob hätten sich wohl auch in Deutschland viele vorstellen können, aber Verlegerin Friede Springer entschied sich für Büchi. Die Frage, die seither in der Szene herumgeistert: Warum?

Die Antwort: Weil er fleißig, berechenbar und loyal ist. Genau diese Eigenschaften sind auch künftig gefragt, wenn Büchi den Aufsichtsratsvorsitz von Guiseppe Vita (83) übernimmt, der altershalber ausscheidet.

Büchi ist in seinem Berufsleben oft unterschätzt worden, dabei hat er eine blitzsaubere Karriere hingelegt, die jahrelang nur eine Richtung kannte: steil nach oben. 1985 war er als journalistischer Mitarbeiter bei der "Handelszeitung" eingestiegen und schnell zum Verlagsleiter aufgestiegen. 1992 kaufte er (mit Partner Kurt Speck) das Blatt und verkaufte es 1999 mit einem satten Gewinn an Springer. Beim Einstieg ins Unter-nehmertum sah das noch ganz anders aus. "Wir waren damals eine junge Familie mit drei kleinen Kindern und hatten unser gesamtes Geld und zusätzlich einiges an Fremdkapital in die damalige Verlagsgruppe Han-delszeitung investiert", erzählte Büchi einmal. Das Risiko hat sich ausgezahlt. Der ehemalige Handelszei-tung-Eigner dürfte Schätzungen zufolge einen ordentlichen zweistelligen Millionenbetrag kassiert haben.

Als ehemaliger Eigner wechselte Büchi fortan in die Rolle des Managers und kümmerte sich um Springers Schweiz-Geschäft. In Berlin war er bei Führungstreffen gerne gesehen, weil er trotz des reifen Marktes in der Schweiz zuverlässig Rendite ablieferte. Er hatte seinen Markt im Griff. Mit dem Kauf des Jean Frey Verlages ("Beobachter", "Bilanz") Ende 2006 etablierte der hervorragend vernetzte Büchi den Springer Verlag endgültig als vierte Kraft in der Schweiz und empfahl sich für höhere Aufgaben. 2008 stieg er gar zum Präsidenten des internationalen Geschäfts auf. 2012 wurde er dann in den Vorstand berufen.

Schon zwei Jahre später allerdings musste er seine empfindlichste Niederlage einstecken. Springer verkaufte große Teile seines nationalen Printgeschäfts und verkleinerte den Vorstand. Es traf Büchi. Dabei spielte auch eine Rolle, dass man ihn zwar als hervorragenden operativen Manager schätzt, ihm mitunter aber das Gespür für die großen Linien abspricht.

Manch anderer hätte sich jetzt vielleicht in den Schmollwinkel zurückgezogen oder erbost eine an-dere Aufgabe gesucht. Der Schweizer dagegen kehrte nach Zürich zurück, als sei nichts geschehen, und führte dort die Geschäfte. 2016 wurde er CEO des neuen Schweiz-Joint-Venture von Ringier und Axel Springer, in dem beide Häuser ihre Zeitschriftentitel zusammenlegten, bereits seit 2010 amtete er als Verwaltungsratschef des Osteuropa-Joint-Venture, das er selbst mit aus der Taufe hob.

Bei seinen Mitarbeitern ist Büchi geschätzt und gefürchtet zugleich. Der Manager pflegt klar zu sagen, was er will und was nicht. Büchis Stärke sei seine "verbindliche und berechenbare Führung", sagt einer, der lange Jahre mit ihm zusammenarbeitete. Gelegentlich kann Büchi seinen Untergebenen allerdings mit dem Hang zu Details auf den Geist gehen: "Ich betreibe manchmal gezielt Mikromanagement! Ich greife zum Telefon, wenn mir ein Artikel nicht genügend durchdacht erscheint", sagte er mal in einem Interview.

Mitte 2017 nutzte Büchi dann die Chance, mit Ende 50 nochmals Vorstand zu werden, und wechselte zu Ringier. Die Aufgabenteilung: Ringier-CEO Marc Walder hat die Visionen und Ralph Büchi kümmert sich ums Klein-Klein. Das Ungewöhnliche an der Perso-nalie: Büchi verließ Springer, behielt aber seine Führungsfunktionen in den Joint Ventures. Am Anfang wurde viel spekuliert, wer denn nun bei den Koopera-tionen in Osteuropa und in der Schweiz das Sagen hat. Ringier oder Springer? Heute wissen alle: es ist Büchi.

Seit seiner Nominierung im November hat sich der designierte Aufsichtsratschef zu seiner künftigen Rolle nicht geäußert. Im Dezember allerdings schrieb er einen langen Gastkommentar in der "NZZ", der wohl einen Teil seiner neuen Aufgabe umschreibt und sich in weiten Teilen wie eine Kampfansage an Google und Facebook liest. Sein Kernsatz: "Naiv wäre es hingegen zu glauben, dass die Plattform-Monopolisten ohne regulatorische Einschränkung bei der lückenlosen Eroberung der digitalen Vertriebsmärkte freiwillig auch nur einen Millimeter zurückweichen würden."

Auf dem Papier ist Ralph Büchi bald einer der mächtigsten Menschen im Geschäft. Der Verlagsprofi weiß aber, dass seine Rolle in der Praxis deutlich kleiner ausfallen wird. Springer hat mit CEO Mathias Döpfner an der Spitze einen starken Vorstand, dem Verlegerin Friede Springer einst nicht nur ein millionenschweres Aktienpaket schenkte, sondern auch sonst ungewöhnlich gut bezahlt. Spekulationen, dass Büchi nur ein Übergangskandidat sei und Döpfner schon in zwei, drei Jahren auf den Posten von Büchi wechselt, treten Insider entschieden entgegen. Der neue Aufsichtsratschef hat sich für eine volle Amtsperiode von fünf Jahren verpflichtet.

Sein Vertrag als COO bei Ringier übrigens läuft noch bis April 2020. Bis dahin erwartet Büchi ein strenges Programm. Neben seiner Funktion als Aufsichtsratschef bleibt er parallel ein Jahr lang Ringier-Manager und CEO des Schweiz-Joint-Venture. Wie man hört, kam es für Büchi nicht in Frage, seinen laufenden Vertrag nicht zu erfüllen.

kress.de-Tipp: Das Porträt von Markus Wiegand über Ralph Büchi ist in "kress pro"-Ausgabe 2/2019 erschienen. Diese und die aktuelle "kress pro"-Ausgabe 3/2019 mit der Titelgeschichte "Der neue kluge Kopf hinter der FAZ" und dem Ranking "Zeitung, Zeitschrift, Digital - die besten Redaktionssysteme" können Sie in unserem frisch gestalteten Shop kaufen.

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"kress pro" - das Magazin für Führungskräfte in Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

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