Wieso hat Prisma mehr Auflage als Leser - und die ARD doch einen Nachrichtenkanal?

 

Prisma ist neuer Marktführer bei den TV-Supplements. Nur in der Reichweite steht die Bestätigung noch aus. Die ARD betont derweil, für einen Nachrichtenkanal fehle der Auftrag der Politik. Doch im Netz sieht sie das offenbar selbst anders. Neue Medienkolumne von Steffen Grimberg.

Es ist zu Ostern ja gute Tradition, sich das ein oder andere Ei ins Nest zu legen - im positiven wie im weniger positiven Sinne. Weil zu Wochenanfang die Sonne noch so wunderbar fast-sommerlich vom Himmel lacht, fangen wir mal mit dem Positiven an.

Angeblich hat das klassische Fernsehen nach dem ausgedruckten Programm ja seine beste Zeit längst hinter sich, was die Macherinnen und Macher bei Prisma allerdings ziemlich kalt lässt: Pünktlich zu Ostern jedenfalls konnte das TV-Supplement die Ernte seiner Akquise-Offensive der letzten zwei Jahre einfahren und sich mal eben bei der ivw als Marktführer vor dem langjährigen Erzrivalen rtv melden: 7.109.868 Tageszeitungsexemplaren liegt Prisma jetzt wöchentlich bei, die Konkurrenz aus dem Hause arvato/Bertelsmann meldet inklusive der nicht ivw-gelisteten Beileger nur noch gut 4,7 Millionen Exemplare - inklusive  des quasi hauseigenen stern-TV Magazins. Funke, die komplette SWMH und die Südwest Presse Ulm sind zu Prisma gewechselt, dazu kommen noch Einzeltitel von Madsack. Kleiner Schönheitsfehler: Mit der fast exakt gleichen Auflage konnte sich vor Jahresfrist noch rtv als Marktführer rühmen. Wir reden hier also bestenfalls von einem klaren Fall von Umverteilung in einem weiter schrumpfenden Markt. Dabei geht Prisma mit der Zeit: Weil die Leserinnen und Leser immer älter werden und das Sehvermögen schrumpft, sind das Heft - und die Schriftgröße darin - gewachsen. Und dann wäre da noch etwas: "Unser nächstes Ziel ist es, die Lücke zwischen Auflage und Reichweite zu schließen", teilte der Prisma-Verlag in eigener Sache mit. Besser ist das, denn wegen der zeitlich versetzen Ausweisung der Reichweitenanalyse der MA und der ivw-Meldung weist das Blatt momentan weniger Leser als verkaufte Exemplare aus.

Ein ganz anderes Osterei hat sich die ARD gelegt. Über die öffentlich-rechtlichen Anstalten brach nach dem Brand der Kathedrale Notre Dame in Paris erwartungsgemäß die gerne mal zu solchen Anlässen aufploppende Kontroverse herein, warum sich das von der Gemeinschaft finanzierte System eigentlich keinen Nachrichtenkanal leistet. Beziehungsweise, warum im Ersten mal wieder Tiere durchs Bild liefen, während andernorts schon die Kirche brannte und gelöscht wurde. Ähnlich erwartbar fiel nach der praktischerweise gleich im Anschluss stattfindenden Sitzung der ARD-Intendantinnen und Intendanten in Hamburg die Reaktion aus: Man habe insgesamt eigentlich alles richtig gemacht, vielleicht wäre eine Sonderausgabe der Tagesthemen um 21 Uhr noch besser gewesen. Und was die Forderung nach dem Nachrichtenkanal anginge: Da sei man nun mal auf die Politik angewiesen, die so etwas beauftragen müsste - bislang aber auch aus Rücksicht auf die privaten Angebote wie n-tv und Welt/N24 nicht tue. Nun kann man über die Sinnhaftigkeit eines öffentlich-rechtlichen 24/7-Nachrichtenangebots durchaus geteilter Meinung sein. Atemlose Ahnungslosigkeit, die im Breaking-News-Geschäft an der Tagesordnung sind, passen nicht recht zum öffentlich-rechtlichen Anspruch. Allerdings ist die ARD-Flotte mit dem digitalen Ableger tagesschau24 und dem gemeinsam mit dem ZDF betriebenen "Ereigniskanal" Phoenix so aufgestellt, dass Produktenttäuschungen beim Zuschauer quasi unumgänglich sind. Und auch das mit dem nicht vorhandenen Nachrichtenkanal sollte sich der ARD-Vorsitzende und BR-Intendant Ulrich Wilhelm nochmal genauer anschauen: "Nachrichten sind heute nahezu überall und jederzeit verfügbar. Ein gigantisches Angebot an Informationen - aber welche davon sind wirklich wichtig und warum?", fragt immerhin der Senderverbund höchstselbst auf seiner Homepage ard.de. Mit den Aussagen nach der ARD-Sitzung im Ohr überrascht die Antwort dann doch ein wenig. Denn da heißt es: "tagesschau24, der Nachrichtenkanal der ARD, bietet dem Zuschauer Orientierung in dieser Informationsflut, täglich, zuverlässig und hintergründig." Ob am Ende die Politik davon weiß?

Zum Autor: Der ehemalige "taz"-Medienjournalist und frühere "Zapp"-Redakteur Steffen Grimberg, der bis Ende 2017 einer der beiden ARD-Sprecher war, arbeitet seit März 2018 als Redakteur für das Erfurter Team des MDR-Medienportals Medien360G. Auf kress.de schreibt Grimberg nun regelmäßig eine Medien-Kolumne.

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