Job-Kolumne: Kennen Sie Ihre Stärken und Schwächen?

 

Die Frage nach den eigenen Stärken und Schwächen kommt fast in jedem Bewerbungsgespräch und auch in Momenten des Zweifels und der Reflektion. Doch wie erkennt man sie und was bedeuten sie eigentlich? Mediencoach Attila Albert über den Weg, sein eigenes Profil zu finden.

Was sind eigentlich Ihre Stärken und Schwächen? Diese Frage ist bisher noch in fast jedem Bewerbungsgespräch aufgetaucht und führt doch immer wieder zu einem Zögern: Was soll man an sich selbst loben, ohne überzogen selbstsicher, gar eitel zu wirken - und was nennt man als eigene Schwäche, ohne sich bloßzustellen? Auch in Momenten des Zweifels und der Reflektion, etwa in einer beruflichen oder persönliche Krise, stellen sich diese Fragen.

Seine eigenen Stärken und Schwächen zu kennen ist ein Schritt zu einem wichtigen Ziel: Das eigenes Profil zu verstehen. Zu wissen, was für einen selbst gut funktioniert und wo man selbst gut funktioniert, etwa in welcher Firmenkultur, mit welchen Chefs, Kollegen und Aufgaben. Mit diesem Wissen lassen sich Entscheidungen leichter, sicherer und besser treffen (z. B., wo man sich bewirbt und wo man nicht enttäuscht ist, wenn es nicht klappt).

Was muss man über seine eigenen Stärken und Schwächen wissen und wie findet man sie heraus? Dazu heute einige Gedanken, die Ihnen dabei helfen können.

Zuerst: Lösen Sie sich von der Idee, dass es hierbei um eine charakterliche Bewertung geht - positive Stärken, die man zeigen müsse, und negative Schwächen, die es zu bekämpfen oder zumindest zu verbergen gilt. Die meisten Eigenschaften, die als Stärke oder Schwäche bezeichnet werden, werden völlig subjektiv bewertet, und ihre Wirkung hängt komplett vom Kontext ab. Beispiel: Sie sind sanftmütig und einfühlsam. In einem Job, in dem es um harte Verhandlungen oder die Sanierung einer Abteilung geht, ist das vielleicht eine Schwäche. In einem, in dem Sie andere Mitarbeiter fördern und Konflikte lösen sollen, eine Stärke.

Denken Sie in Beschreibungen, nicht in Bewertungen

Denken Sie daher lieber in neutralen Beschreibungen (statt moralischen Bewertungen) mit einem liebevollen Blick auf sich selbst: Worin sind Sie gut, was macht Ihnen Freude, was loben Kollegen, Freunde und Vorgesetzte an Ihnen? Notieren Sie sich Ihre zehn wichtigsten Stärken, am besten geistige, charakterliche und auch körperliche Stärken. Je mehr Sie aus allen drei Bereichen nennen können, desto ausgewogener sind Sie als Persönlichkeit entwickelt. Beispiel: Sind sind gut darin, eine Situation schnell zu erfassen, analytisch zu denken und eine Fremdsprache zu lernen. Weitere Stärken sind Ihre Empathie, Ausdauer und Ihr Humor auch in schwierigen Phasen. Zudem sind Sie sportlich, weil Sie einmal die Woche laufen, haben durch Yoga ein gutes Körpergefühl und sind kaum krank.

Selbstverständlich sollte die Beschreibung zutreffend sein, gleichzeitig müssen Sie nicht in allen Kategorien der Beste sein, um sie als Stärke einstufen zu können - "ausreichend gut" ist genug genug. Mit ein wenig Nachdenken werden Sie feststellen, dass Sie allerhand Stärken besitzen. Sie sind, für sich allein gesehen, vielleicht nicht alle komplett einzigartig und unterschiedlich stark ausgeprägt. In der Summe aber machen Sie Ihr persönliches Profil aus. Je mehr Sie ihm folgen, desto leichter und potentiell erfolgreicher wird auch Ihr Berufsweg. Wenn Sie ein gutes Auge für Bildkomposition haben und sich zudem für Technik interessieren, sind Sie vielleicht zum Videoredakteur prädestiniert. Sind Sie sowieso kontaktfreudig, ausdauernd und hartnäckig, wird Recherche zum bezahlten Hobby.

Nicht damit aufhalten, angebliche Schwächen zu bekämpfen

Folgen Sie also Ihren Stärken und bauen Sie diese aus. Halten Sie sich nicht damit auf, angebliche Schwächen zu bekämpfen - Sie würden nur Energie verschwenden, indem Sie pausenlos mit sich selbst ringen. Wenn Sie einmal versucht haben, weniger zu essen oder mit dem Rauchen aufzuhören, kennen Sie das Gefühl. Es ist auch hier immer erfolgreicher, ersatzweisê eine alte (oder neu entdeckte) Stärke zu fördern. Beispiel: Wenn Sie mit Sport beginnen, denken Sie gar nicht mehr ständig als Essen oder Rauchen. Nutzen Sie diese Methode auch im beruflichen Bereich. Wenn Sie z. B. als Journalist ungern und nicht besonders gut schreiben, sollten Sie sich nicht ewig dazu zwingen, sondern vielleicht lieber ein Podcast-Experte werden oder ausprobieren, ob ein Videoformat zu Ihnen passt.

Selbstverständlich ist damit nicht gemeint, seinen Realitätssinn zu verlieren. Sie sollten auf jeden Fall wissen, was Ihnen nicht leicht fällt oder sogar ein echtes Problem für Sie ist, damit Sie pragmatisch damit umgehen können: Bestimmte Fähigkeiten erlernen, einen Ausgleich finden oder sich Unterstützung suchen. Beispiel: Es fällt Ihnen schwer, Ordnung in Ihren Unterlagen (Steuern, Belege) zu halten, obwohl Sie wissen, wie wichtig das wäre. Bitten Sie Ihren Partner oder einen professionellen Organizer, Ihnen dabei zu helfen oder zumindest regelmäßig zu erinnern - ganz ohne Vorwürfe oder schlechte Laune. Automatisch werden sie damit selbst immer auch ein wenig besser. Behalten Sie den liebevollen Blick auf sich selbst, Sie sind in jedem Lebensalter noch dabei, sich zu entwickeln.

Häufig verspüren selbst gestandene Medienprofis den Wunsch, ihre beruflichen Stärken noch einmal genauer zu erfahren. Ein Berufstest, wie er z. B. von den Arbeitsagenturen angeboten wird, hat in diesem Alter (über 30) allerdings nicht mehr viel Sinn. Er eignet sich eher für Jugendliche, die noch gar keine Vorstellung von der Arbeitswelt haben. Sie dagegen wissen bereits sehr gut, was für Sie funktioniert und was nicht, wenn Sie das ein wenig überdenken und auch für sich akzeptieren. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit daher eher darauf, stärker Ihrer eigenen Einschätzung zu folgen, was gut für Sie ist - und möglichst weniger darauf, den Ansprüchen anderer zu folgen ("Schwächen bekämpfen").

Für die Standardfrage im Bewerbungsgespräch nach Ihren Schwächen sollten Sie sich übrigens eine unverfängliche Antwort überlegen. Selbstverständlich kann niemand erwarten, dass Sie sich in dieser Situation durch zu viel Ehrlichkeit selbst schaden. Sie könnten z.B. sagen, dass Sie vielleicht ein wenig zu perfektionistisch sind, gewisse Dinge weniger gern tun als andere oder nicht immer so viel Geduld haben, wie Sie es sich selbst wünschen. Viel mehr muss dazu nicht gesagt werden. Hier geht es vor allem darum zu zeigen, dass Sie auch schon einmal über sich selbst nachgedacht haben und reflektieren können.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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