Extrem-Entrümpeln: Was der neue Trend für Medien bedeutet

25.04.2019
 

Trendforscher Rohit Bhargava hat mit "kress pro" über die Top-Trends 2019 für die Medienbranche gesprochen. Einer davon: das Extrem-Entrümpeln.

"kress pro": Jedes Jahr wechseln Sie einige Ihrer Trends. Was ist 2019 neu?

Rohit Bhargava: Einer der Trends, der sich im vergangenen Jahr herausgebildet hat, ist etwas, das wir Innovationsneid genannt haben. Wir sehen viele Unternehmen, die darauf achten, was Mitbewerber oder innovative Unternehmen tun, und einfach versuchen, das zu kopieren - ohne zu wissen, warum eigentlich. Hackathons sind dafür das perfekte Beispiel. Viele, die sie veranstalten, wissen nicht, warum sie das tun.

"kress pro": Auch in deutschen Medienunternehmen haben wir Hackathons gesehen, zum Beispiel beim "Handelsblatt", dem Medienhaus Aachen oder dem Mittelbayerischen Verlag. Wie setzt man einen Hackathon richtig auf?

Bhargava: Die meisten sind zu offen angelegt. Selbst die besten Kreativen brauchen eine Form von Briefing, das erläutert, welches Problem gelöst werden soll und in welchen Parametern sich der Lösungsweg bewegen soll. Dann kann es funktionieren, denn die Kreativität bekommt einen Zweck. Die besten Hackathons definieren, was erreicht werden soll, was die Parameter sind und was die folgenden Schritte nach der Veranstaltung sind.

"kress pro": Häufig werden Ideen wie Hackathons von der relativ neuen Funktion des Chief Digital Officer eingeführt. Ist diese Funktion sinnvoll - oder ist sie Ausprägung des Innovationsneids?

Bhargava: Sie kann sinnvoll sein. Die Person muss die Macht und die Autorität besitzen, um Veränderungen anzustoßen. Das Problem ist: Wenn man jemand diese Rolle gibt, sendet man ein Signal an den Rest der Organisation, dass es nicht mehr ihr Job ist, digital zu sein oder sich um Innovationen zu kümmern - dafür gibt es jemand anderes.

"kress pro": Welche Trends abgesehen vom Innovationsneid haben Sie im vergangenen Jahr noch ausgemacht?

Bhargava: Gerade für Medienunternehmen ist der Trend des Extrem-Entrümpelns interessant. Es begann mit der gesamten Bewegung rund um Marie Kondo und der japanischen Idee, das Leben zu vereinfachen, indem man einfach Zeugs loswird. Im Bereich der Medien sind Menschen überwältigt von all den Dingen, die sie konsumieren könnten. Also fokussieren sie sich auf Medien und Anbieter, die sie bereits kennen. Das Problem ist, dass sie dadurch Gefahr laufen, eine einseitige Sicht auf die Welt zu bekommen, weil sie nur noch lesen, was ihre Weltsicht bestätigt.

"kress pro": Mit steigendem Anteil von Paid Content müssten Verbraucher aber zig Abos abschließen  - das ist teuer und lästig. Führt Extrem-Entrümpeln am Ende zu Apple News?

Bhargava: Einer der Gründe, warum Apple seine Lösung anbietet, ist, dass die Menschen es zu kompliziert finden, verschiedene Nachrichtenquellen zu lesen. Aber es gibt ja schon andere Lösungen. Ich nutze zum Beispiel Feedly, das RSS-Feeds aus vielerlei Quellen aggregiert. Hier kuratiere ich selbst. Ich verwende ebenso Pocket. Dort kann ich Artikel für späteres Lesen speichern. Aber ich lese auch kuratierte Newsletter, zum Beispiel Brain Picking oder Next Draft. Diese Newsletter werden meist nur von einer Person verfasst, die zum persönlichen Kurator ihrer Leser wird und mehr Zeit mit Nachrichtenkonsum verbringt, als die Leser haben.

"kress pro": Solchen Kuratoren muss der Leser vertrauen. Sie selbst machen aber den Trend der "Modernen Glaubwürdigkeitskrise" aus. Was ist das?

Bhargava: Die "Moderne Glaubwürdigkeitskrise" basiert auf der Idee, dass wir so viele Medien, so viel Marketing und so viel Werbung sehen, dass wir das Gefühl entwickeln, manipuliert zu werden. Im vergangenen Jahr fanden wir den Trend des "Manipulierten Aufruhrs". Dieser entstand durch die große Zahl von Medien, die vor allem das Ziel haben, Menschen wütend zu machen - denn so erzielen sie Aufmerksamkeit. Eine Folge der "Modernen Glaubwürdigkeitskrise" ist, dass die Menschen sich abwenden von großen Organisationen und Medienmarken und sich hinwenden zu vertrauenswürdigen Individuen. Deshalb funktionieren diese kuratierten Newsletter so gut: Man liest nicht nur eine Nachrichtenzusammenfassung, sondern weiß, welcher Mensch dahintersteht. Und dieser Mensch hat durch seine Persönlichkeit Vertrauen aufgebaut.

"kress pro": Davor fürchten sich Verlage: Die Marke des Redakteurs wird stärker als die Marke des Arbeitgebers. Und wenn der Mitarbeiter geht, verliert der Verlag die Leser des Redakteurs.

Bhargava: Das ist eine klassische Kundenbindungssituation: Wem gegenüber sind Menschen wirklich loyal - der Publikation oder dem Individuum? Ich halte es nicht für realistisch, dass ein Leser sich von einer ganzen Publikation verabschiedet, weil ein Redakteur geht. Auf der anderen Seite gibt es im TV-Geschäft die Late-Night-Show-Moderatoren. Die Menschen schalten wegen dieser Superstars ein. Ich verstehe nicht, warum Medienunternehmen nicht viele solcher Superstars in ihren Reihen aufbauen wollen und sie stattdessen hinter den Kulissen verstecken. Das ist eine alte Art zu denken. Denn wir Menschen wollen eine Beziehung zu den Autoren haben, die wir lesen. Je mehr dieser Beziehungen es gibt, desto treuer bleiben wir bei einer Publikation.

"kress pro": Welche Trends sind für Medienunternehmen noch wichtig?

Bhargava: Vor einigen Jahren schon stießen wir auf den Trend des "Wertvollen Print". Weil so vieles digital geworden ist, wertschätzen wir das, was wir gedruckt bekommen, noch stärker. Beispielsweise drucken wir nur die Fotos aus und stellen sie auf unseren Schreibtisch, die uns besonders viel bedeuten. Im vergangenen Jahr kam der Trend des "Freiwilligen Downgrading" hinzu. Wir haben hochtechnisierte Lösungen, präferieren aber manchmal die ältere Version. Zum Beispiel hören Menschen wieder häufiger Musik auf Schallplatte. Sie entscheiden sich für die ältere Version  - weil diese das bessere Erlebnis bietet.

"kress pro": Gilt das auch für junge Menschen, die noch nie eine Zeitung gelesen haben?

Bhargava: Oft heißt es, alte Menschen lesen gedruckte Bücher - und die Jungen E-Books. Aber eines der am schnellsten wachsenden Segmente bei physischen Büchern ist Teen Fiction. Mein Zehnjähriger nennt physische Bücher "The real book".

"kress pro": Sie klingen deutlich optimistischer für die Verlagswelt als viele in Deutschland ...

Bhargava: Ich liebe die Verlagswelt. Und ich glaube, es gibt eine große Chance. Denn die Infrastruktur, die man für ein Buch, ein wunderschön gestaltetes Magazin oder eine tägliche Zeitung braucht, ist nicht billig. In einer Zeit, in der jeder mal eben ein E-Book veröffentlichen und vertreiben kann, sind wir auch umgeben von einer Menge Mist. Die Menschen suchen nach Wegen, diesen Mist auszufiltern. Einer dieser Wege ist es, sich gar nicht erst mit Onlinebibliotheken zu beschäftigen, sondern direkt dorthin zu gehen, wo es physische Bücher gibt. Denn jemand, der die Ressourcen hat, diese zu veröffentlichen, wird auf die Qualität achten.

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