Wie sich der Ex-Rennradler Daniel Sponsel für den Dokumentarfilm abstrampelt

 

Daniel Sponsel, Geschäftsführer des Dok.Fest in München, kämpft für den Dokumentarfilm - und für bessere Sendeplätze im Fernsehen. Zähigkeit und Ausdauer stecken dem Radsport-Fan seit jeher in den Knochen. Zum "kressköpfe"-Interview.

kress.de: Herr Sponsel, Ihr Festival jagt von einem Publikumszahlenrekord zum nächsten. Gleichzeitig versuchen vor allem Fernsehsender gerne mal den Eindruck zu verbreiten, Dokumentarisches wäre ein Thema für die Nische und damit auf dem versteckten Sendeplatz im Nachtprogramm angemessen aufgehoben. Wie gehen beide Befunde zusammen?

Daniel Sponsel: Der Dokumentarfilm hat natürlich nicht die Reichweite von Fußball-Übertragungen oder klassischer Samstag-Abend-Unterhaltung. Aber dass die öffentlich-rechtlichen Sender Dokumentarfilme meistens zu später Zeit "versenden", entspricht weder ihrer Wertigkeit noch ihrer potenziellen Reichweite. Das demonstriert unser Festival, weil wir eben das schaffen, womit sich die Sender schwer tun: eine Aufmerksamkeit für diese Filme herzustellen. Unser Publikum würde öfter auch mal den Fernseher einschalten, wenn man sie über die Filme hinreichend informieren würde.

kress.de: Wie erklären Sie sich, dass offensichtlich bei nicht wenigen Kinogängern der Wunsch besteht, sich neben der eher gefälligen Unterhaltung auch mal auf 90 Minuten durchaus sperrige Themen und politische Brisanz auf der großen Leinwand einzulassen?

Daniel Sponsel: Nicht nur im Dokumentarfilm, sondern in allen anspruchsvollen Kulturgattungen werden Themen verhandelt, die über leichte Kost und Unterhaltung hinausgehen. Ob im Theater, in der Literatur oder eben im Dokumentarfilm haben viele Menschen den Anspruch, sich mit den aktuell wichtigen und substanziellen Themen und Stoffen auseinanderzusetzen, quasi in den Dialog zu treten mit dem, was auf der Leinwand zu sehen ist.

"Tatsächlich ist der Dokumentarfilm in bewegten und instabilen Zeiten präsenter, weil Dokumentarfilme eine Art Kompass bieten für die Wirklichkeit."

kress.de: Inwieweit spielt Ihnen die Unruhe in der Welt und die aufgeheizte Stimmung mit Donald Trump, Krisen allerorten und den Fake News in die Karten?

Daniel Sponsel: Es ist eine gewagte Formulierung, dass uns das in die Karten spielt, denn wir würden uns all das natürlich anders wünschen. Aber tatsächlich ist der Dokumentarfilm in bewegten und instabilen Zeiten präsenter, weil Dokumentarfilme eine Art Kompass bieten für die Wirklichkeit. Wir können diesen Geschichten vertrauen, und sie werden oft substantieller, tiefsinniger und auch emotionaler erzählt als in anderen Medien. Danach gibt es eine echte Sehnsucht, weil die Taktung der Medien generell schneller geworden ist. Wir sind eher übersättigt mit reinen Informationen, aber Informationen sind eben nicht alles. Dokumentarfilme zeugen von Emotionen und erzeugen tiefe Empathie.

kress.de: Die neue Ausgabe Ihres Festivals setzt mit Filmen über die Kämpfe rund um den Hambacher Forst, aber auch um Parallelgesellschaften und Clan-Macht in Deutschland oder die Seenotretter im Mittelmeer wieder bewusst politische Akzente. Was gelingt dem Film bei diesen Themen besonders eindrucksvoll, was etwa die gedruckte Presse weniger gut leisten kann?

Daniel Sponsel: Ich würde das nicht als politische Akzente bezeichnen. Das würde nämlich bedeuten, dass wir Partei ergreifen. Ich sehe das eher als Diskursangebot. Die drei genannten Filme bieten tatsächlich einen viel tieferen Einblick in die Hintergründe dieser genannten Phänomene. In den Filmen, die wir präsentieren, erfahre ich bewegende Geschichten von Menschen, was der Journalismus so gar nicht leisten kann. Karin de Miguel Wessendorf hat die Aktivisten im Hambacher Forst schon vor vier Jahren begleitet, als noch gar nicht abzusehen war, wo das hinführt, als es noch kein Thema für die großen Medien war. Ihr Film "Die rote Linie" bietet einen Hintergrund, der viel weiter geht als alles, was wir darüber wissen. Bei dem Film "Mission Lifeline" ist es ähnlich.

kress.de: Warum haben Sie die Russland-Themenreihe genau jetzt gewählt und welche Resonanz versprechen Sie sich von ihr?

Daniel Sponsel: Wir hatten letztes Jahr als Gastland die USA, da lag es nahe, Russland folgen zu lassen. Wir verfolgen jeweils den Ansatz, nicht nur vordergründig politische Filme zu zeigen. Bei DOK.guest USA kam Trump gar nicht vor, wurde nicht einmal genannt. Und jetzt bei DOK.guest Russland geht es nicht um Putin und die allseits bekannten Konflikte, sondern um Hintergründe, um Einblicke in Milieus und das Leben von normalen Menschen. Wir wissen viel zu wenig von diesem Riesenland, und diese Lücken wollen wir ein wenig füllen.

kress.de: In wie weit kann das Münchner Festival, das in der Stadtgesellschaft eine wichtige Rolle spielt und oft zu spontanen Diskussionen nach den Filmvorführungen führt, dem Dokumentarfilm in Deutschland allgemein stärkeren Rückenwind geben?

Daniel Sponsel: Wenn der Dokumentarfilm präsent ist und auch im Rahmen von Filmgesprächen die Menschen erreicht, hilft das der ganzen Branche. Durch unsere Reihe "Ganz großes Kino" im Deutschen Theater mit seinen 1.400 Plätzen erfährt der Dokumentarfilm viel Aufmerksamkeit, und die Wertigkeit, die hier sichtbar wird, spiegelt die substanzielle Tiefe des Genres. Damit ist ein Imagetransfer verbunden, eine Aufwertung des Genres. Das bekommen wir so auch in vielen Einzelgesprächen gespiegelt.

kress.de: Wie stark kann ein Publikumserfolg im Kino einem spannenden dokumentarischen Stoff vielleicht doch noch den Weg in die deutschen Fernsehsender ebnen?

Daniel Sponsel: In der Tat haben Erfolge auf dem DOK.fest München schon dazu geführt, dass Filme einen deutschen Sender für die Ausstrahlung gefunden haben. Allerdings sind die Sender noch stark fokussiert auf die regionalen und nationalen Themen, das ist nicht nur in Deutschland so, sondern in allen Ländern.

kress.de: Wie muss man sich die Arbeit eines Festivalchefs eigentlich vorstellen – jenseits der jeweils heißen Phasen kurz vor und während des Festivals?

Daniel Sponsel: Es gibt drei Arbeitsschwerpunkte in meinem Job. Erstens: die Finanzierung, mit allen Förderern, Sponsoren und Partnern, das ist viel Arbeit. Zweitens: Jahr für Jahr ein Team zusammen zu stellen, das gut funktioniert und inspiriert ist. Und drittens: sich ums Programm zu kümmern. Auch wenn ich das alles nicht alleine, sondern im Team mache, ist es ein Ganzjahresjob. Das Festival ist im Mai, und nach dem Jahreswechsel steigt der Stress, da müssen alle Entscheidungen zum Programm getroffen werden, und dann geht es rund, in Sachen Kommunikationsprintmittel, Website, Zielgruppenarbeit, Gästeplanung und so weiter. Nach dem Festival fällt dann der Stressfaktor Deadline weg, aber es gibt immer noch viel zu tun.

kress.de: Sie waren selbst lange Filmemacher. Wie sehr vermissen Sie gelegentlich die Dreh-Praxis angesichts des vielen Netzwerkens, Organisierens und Strippenziehens?

Daniel Sponsel: Das sind temporär aufblitzende Erinnerungen oder Reminiszenzen. Aber generell vermisse ich das gar nicht so sehr, weil ich an vielen Projekten ziemlich unmittelbar Teil habe. Ich sehe auch Rohschnitte oder werde sogar noch früher gebeten, mich zu Projekten und ihren Details zu äußern. Ich bin durch den Job immer noch nahe am Filmemachen dran.

"Ich gucke schon manchmal sehnsüchtig aus dem Fenster und denke an die Zeit zurück, wo ich an so einem Tag spontan mit Freunden entschieden habe, in die Berge zu fahren."

kress.de: Im Büro soll ja bei Wind und Wetter Ihr Rennrad stehen. Mit Ihrer Vergangenheit als Radsport-Profi: Wie groß ist die Versuchung auf dem Weg zur Arbeit einfach anders abzubiegen und Richtung Bergpässe zu strampeln?

Daniel Sponsel: Im Büro steht nicht mein Rennrad, sondern das sportliche Stadtrad, das ungeeignet wäre, um irgendeinen Pass hochzufahren, denn da stimmt die Übersetzung nicht. Wenn ich Rennrad fahren will, dann muss ich zuhause umsteigen. Aber die Sehnsucht ist manchmal da, gerade jetzt im Frühling, wenn die ersten wärmeren Tage kommen und der Stress besonders groß ist. Da gucke ich schon manchmal sehnsüchtig aus dem Fenster und denke an die Zeit zurück, wo ich an so einem Tag spontan mit Freunden entschieden habe, in die Berge zu fahren.

kress.de: Wie viel Zeit bleibt Ihnen eigentlich überhaupt noch fürs Radeln?

Daniel Sponsel: Zwischen Januar und Mai weniger, da komme ich in heißen Phasen auf maximal zwei, drei Stunden Sport pro Woche. Nach Mitte Mai schaffe ich dann etwas mehr, aber auch nicht so furchtbar viel. Wenn es gut läuft, kann ich dann fünf bis sieben Stunden pro Woche Sport machen.

kress.de: Sie führen ein "kressköpfe"-Profil. Wie wichtig ist es, gerade als Festival-Chef, gut auffindbar zu sein und seine Netze auszuwerfen?

Daniel Sponsel: Noch wichtiger als mich zu finden ist, dass man das Festival findet, und das ist gut sichtbar. Aber es ist natürlich gut, wenn man auch mich leicht findet, und da ist eine Plattform wie "kressköpfe" hilfreich.

kress.de: Was inspiriert oder beschäftigt Sie, wenn sie Berichte auf kress.de oder in "kress pro" lesen?

Daniel Sponsel: Die zentrale Veranstaltung unserer Branchenplattform DOK.forum ist dieses Jahr die Konferenz "Alles digital?" Da gehen wir der Frage nach, wie sich mithilfe der Digitalisierung die Zukunft des Dokumentarfilms positiv gestalten lasst. Da hilft es bei der Vorbereitung natürlich, über den Tellerrand zu schauen und festzustellen, wie andere traditionelle Medien in der Digitalisierung nicht nur eine Bedrohung sehen, sondern auch manche Chance erkennen. Und das verfolge ich auch auf kress.de mit Interesse. 

kress.de-Tipp: Alle Informationen zum diesjährigen Dok.Fest, das vom 8. bis 19. Mai in München stattfindet, finden sich hier.

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