Warum der Ex-Neon-Chefredakteur das Arbeiten außerhalb der Verlagsbranche genießt

06.05.2019
 

Oliver Stolle betreibt mit ehemaligen Weggefährten und neuen Kollegen ein Redaktionsbüro in München. "Es ist ein viel weniger angstgetriebenes Arbeiten, als ich es zuletzt in der Verlagswelt erlebt habe", sagt der Ex-"Neon"-Chefredakteur im "kress pro"-Interview.

"kress pro": Oliver Stolle, was machen Sie im Moment?

Oliver Stolle: Ich betreibe mit ehemaligen Weggefährten und neuen Kolleginnen und Kollegen ein Redaktionsbüro in München. Wir liefern klassischen Journalismus für unsere Auftraggeber, stellen aber auch Corporate Content her und bieten Kommunikations- und Strategieberatung an.

"kress pro": Für wen sind Sie tätig?

Oliver Stolle: Für Burda haben wir das Living-Magazin "Sense of Home" entwickelt, das wir alle zwei Monate von A bis Z als externe Redaktion produzieren. Für die "Süddeutsche Zeitung" betreuen wir "Stil Leben", die Luxusbeilage des "SZ-Magazins". Für Volkswagen machen wir "Crossing", ein Kunstund Kulturmagazin. Und für das Land Tirol haben wir das Magazin "Mein Tirol" überarbeitet - und gerade Filme gedreht über Schweden, die in Tirol leben.

"kress pro": Warum machen Häuser wie Burda Objekte wie "Sense of Home" nicht selbst? Ihre Dienste sind ja bestimmt nicht ganz billig.

Oliver Stolle: Es ist eine Win-win-Situation: Wir stellen eine geölte Maschine zur Verfügung, die wir nach Bedarf an- und wieder abschalten können. Der Kunde kann etwas ausprobieren, ohne intern komplett die dafür notwendigen Strukturen aufbauen zu müssen.

"kress pro": Viele ehemalige Chefredakteure heuern wie Sie außerhalb von klassischen Redaktionen an. Sind das Indizien für den schleichenden Ausverkauf einer ganzen Branche?

Oliver Stolle: Es ändert sich etwas, keine Frage. Was das für die Verlage bedeutet, will ich nicht beurteilen. Ich kann nur sagen, dass Journalisten, die das Heft selbst in die Hand nehmen und sich in den Dienst verschiedener Auftraggeber stellen, dies nicht immer aus einer Position der Schwäche heraus tun. Es kann auch reizvoll sein, das Handwerkszeug, das man sich aneignen durfte, in eigener Sache auszuprobieren. Ich genieße es sehr, dass wir bei Nansen & Piccard sehr journalistisch arbeiten. Zum Teil bin ich tief involviert in die einzelnen Geschichten und betreue und gestalte sie mit, so wie ich das früher als Chefredakteur auch getan habe. Letztlich ist mein aktueller Job gar nicht so unterschiedlich wie der bei "Neon" und "Nido". Damals hatte ich zwei Hefte zu betreuen, heute laufen eben ein halbes Dutzend Projekte parallel bei mir zusammen. Und ich komme sogar wieder öfter raus und recherchiere und schreibe auch mal selbst eine Geschichte.

"kress pro": Die Konkurrenz unter den Content-Agenturen ist groß, oder?

Oliver Stolle: Wir sind thematisch breit aufgestellt. Trotzdem wollen wir gar nicht zwingend wachsen, sondern die kleine, aber feine Boutique-Agentur bleiben, die wir heute sind. Natürlich tragen wir ein unternehmerisches Risiko. Aber es ist ein viel weniger angstgetriebenes Arbeiten, als ich es zuletzt in der Verlagswelt erlebt habe. Wir sind unabhängig, probieren viel aus. Und wenn mal etwas nicht klappt, probieren wir eben etwas anderes. Es herrscht eine gewisse Freude und Leichtigkeit, die ich wahnsinnig genieße.

"kress pro": War das Ende von "Neon" im vergangenen Sommer eine logische Folge nach dem holprigen Umzug der Redaktion von München nach Hamburg, den diversen Relaunches und Chefredakteurswechseln?

Oliver Stolle: Hm. Ich finde es vor allem schade, dass diese tolle Medienmarke, die für eine bestimmte Form von Journalismus stand, als Heft nicht mehr existiert.

"kress.de"-Tipp! Marcus Schuster hat das Interview mit Oliver Stolle für die Januar-Ausgabe von "kress pro" geführt. Diese und die aktuelle Ausgabe 3/2019 sind in unserem Shop erhältlich.

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