Johann Oberauer: Warum Langsamkeit ein unterschätzter Wert ist

 

kress-Herausgeber Johann Oberauer erklärte bei seiner Eröffnungsrede beim European Publishing Congress in Wien, warum die Medien dem britischen Seefahrer und Forscher John Franklin ähneln.

Der deutsche Schriftsteller Sten Nadolny hat 1983 einen außergewöhnlichen Roman vorgelegt: Die Entdeckung der Langsamkeit. Erzählt wird das Leben des englischen Seefahrers und Nordpolforschers John Franklin im 18. Jahrhundert. Dessen Lebensziel war die Entdeckung der Nord-West-Passage, der Verbindung von Atlantik und Pazifik.

Franklin ist ein langsamer Mensch, im Denken, Sprechen und Handeln, eigentlich zu langsam für die moderne Zeit der industriellen Revolution. Der vermeintlich schwächliche Außenseiter hat allerdings außergewöhnliche Fähigkeiten: Ausdauer, Gründlichkeit, Gelassenheit und klare Wertevorstellungen. Franklin entzieht sich der Beschleunigung seiner Zeit und setzt ihr seine Haltung und Anschauung entgegen. Sein Credo: Jedes Individuum kann entsprechend seinen Fähigkeiten einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten, schreibt das Online-Magazin Histo-Couch.de.

Auch wenn wir Medien in den letzten Jahren schneller geworden sind, fürchte ich, dass wir immer noch diesem britischen Seefahrer und Forscher ähneln. Zuerst hatten wir ewig schönstes Segelwetter. Das machte uns träge. Als zur Jahrtausendwende mit dem Beginn der Digitalisierung erstmals Sturm aufzog, haben wir auch noch die falschen Segel gesetzt. Wir haben unsere Inhalte verschenkt und gehofft, dass sich das irgendwie schon ausgehen wird. Als dann noch Piraten am Horizont aufzogen, zuerst Google, dann Facebook und all die anderen, haben wir deren Absichten lange nicht erkannt. Und als viele unserer Schiffe bereits schwer beschossen waren, hat es nochmals lange gedauert, bis wir um Hilfe riefen. Die haben wir durch Europas Politiker nun auch erhalten, noch längst nicht vollständig, aber immerhin. Auch vom Geschäftsmodell des Verschenkens haben sich inzwischen viele Medien verabschiedet und teils vielversprechende neue, wendige Schiffe in Betrieb gesetzt.

In der Zwischenzeit haben wir eine neue, noch größere Herausforderung - und unsere Reaktionszeit ist wieder reichlich langsam. Nach dem systematischen und gezielten Vorwurf der Lügenpresse, unfassbar getrommelt durch einen selbst lügenden US-Präsidenten, bedroht die nächste Monsterwelle unsere Schiffe. Auch in Europa beobachten wir, wie Journalisten und Medien gezielt und fortgesetzt diskreditiert oder derart wirtschaftlich unter Druck gesetzt werden, dass sie ernsthaft bedroht sind oder gar aufgeben müssen. Erstmals ist die Pressefreiheit auch hierzulande ein Thema. Nicht überall, und nicht in derselben Ausprägung. Einzelne politische Parteien oder ganze europäische Staaten haben allerdings den ernsthaften Willen, uns auszuschalten. Denn bei all unserer Langsamkeit, scheinen wir - so wie Franklin - eine Qualität zu haben, die uns im neuen politischen Mainstream unbequem, gar gefährlich macht. Wir sind Werten verpflichtet, leben diese, und kämpfen für diese. Wir haben den Anspruch der Gesellschaft zu dienen - oder müssten wir längst sagen, sie zu beschützen? Wir tun dies mit den Mitteln der Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Ja, wir machen auch Fehler. Aber wir benennen sie und versuchen dann besser zu werden.

Das wird allerdings nicht reichen. Wenn wir als Branche bestehen wollen, ist es höchste Zeit, das bisherige Wettbewerbsdenken abzulegen - und Flottenverbände zu bilden. In vielen Redaktionen passiert das bereits mit Rechercheverbunden - was uns schlagkräftiger und zugleich noch unbequemer macht. In anderen Bereich, vor allem im Digitalen, haben wir noch viel Luft nach oben.

Dies ist der 20. European Newspaper Congress und zugleich der erste European Publishing Congress. Philipp Welte, Vorstand von Burda, hat mich letztes Jahr hier in Wien angesprochen, warum wir einen europäischen Zeitungskongress machen - und nicht auch einen für Magazine. Längst sind Zeitung, Magazin, natürlich Digital und Bewegtbild zu einer Publishing-Welt zusammengewachsen. Mit der Änderung des Namens will dieser Kongress diese Entwicklung künftig auch im Titel ausdrücken. Danke Philipp Welte für Ihre Anregung.

Mehr als 500 Journalisten, Chefredakteure und Medienmanager aus 35 europäischen Ländern haben sich für diesen Kongress angemeldet - so viele wie noch nie. Nützen Sie die Tage in Wien, sich zu vernetzen und auszutauschen - und vielleicht ihr Schiff in einen Verband einzubringen.

Franklins Langsamkeit erscheint geradezu als Voraussetzung für eine humane Gesellschaft, getragen vom Respekt der Menschen untereinander und einem verantwortungsvollen Umgang, schreibt das Online-Magazin Histo Couch.de. Seine umsichtige, bedächtige Art trägt letztlich zum Frieden zwischen den Menschen und Völkern bei. Gilt das nicht exakt auch für uns?

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