Warum Kino- und Blattmachen gar nicht so unterschiedlich sind

17.05.2019
 

Der ehemalige "Freitag"-Chefredakteur und jetzige Programmkino-Macher, Philip Grassmann, im Interview mit "kress pro".

"kress pro": Philip Grassmann, was machen Sie im Moment?

Philip Grassmann: Ich führe zusammen mit meinem Bruder Felix das Hamburger Programmkino Abaton. Das Programm gestalten wir gemeinsam. Daneben kümmere ich mich vor allem ums Marketing und alle Belange der Außendarstellung, vom Onlineauftritt bis zu Social Media.

"kress pro": Ihr Vater Werner Grassmann hat das Abaton 1970 als eines der ersten Programmkinos in Deutschland gegründet. War Ihr Einstieg zwangsläufig?

Philip Grassmann: Nein, das hat sich so ergeben. Unser Vater ist 92, wir haben uns als Familie die Frage gestellt, ob wir das Abaton selbst weiterführen wollen oder es wie bisher in die Hand eines Geschäftsführers geben. Da ich mich super mit meinem Bruder verstehe, haben wir uns schnell für die erste Variante entschieden. Zumal ich den Eindruck hatte, dass mein Job beim "Freitag" erledigt war, als wir nach all den defizitären Jahren zum ersten Mal schwarze Zahlen schreiben konnten.

"kress pro": Ihr Jugendfreund Jakob Augstein hat Ihren Abschied im Blatt massiv bedauert, verbat sich zugleich aber jede Sentimentalität. "Niemand ist unersetzlich", schrieb er. "Und nächste Woche erscheint wieder eine Zeitung." Trotzdem hat es nach Ihnen kein Chefredakteur mehr lange beim "Freitag" ausgehalten, mittlerweile macht Augstein den Job wieder selbst. Was ist da los? Liegt es an ihm?

Philip Grassmann: Das glaube ich nicht. Jakob hat der Redaktion stets freie Hand gelassen. Natürlich haben wir uns abgestimmt über Leitartikel oder Titelthemen, aber ansonsten hat er sich als Verleger immer herausgehalten. Außerdem gibt es neben ihm einen Vize-Chefredakteur, Michael Angele, und zusammen machen die beiden eine gute Arbeit.

"kress pro": Sie haben die Auflage zwischen 2008 und 2017 verdoppelt. Seither hat sie sich bei plus/minus 26.000 eingependelt. Ist das Ende der Fahnenstange erreicht?

Philip Grassmann: Nein. Ich bin überzeugt, dass der "Freitag" eines Tages die 40.000 knacken kann. Das dauert und man braucht Geduld, aber die hat Jakob. Ich hatte auch Glück - in meiner Zeit gab es eine Renaissance von linker Politik und linken Positionen. Heute sind diese in vielen Medien gesellschaftsfähig. Bei Themen wie Kapitalismuskritik und Globalisierungsfragen hat der "Freitag" seinen Lesern aber noch immer mehr zu sagen als andere Publikationen.

"kress pro": Wie sieht Ihr Arbeitsalltag heute aus?

Philip Grassmann: Morgens um zehn Uhr geht es los mit Büroarbeit: Verhandeln mit Verleihern, PR-Agenturen, Gästeakquise. Die Tage im Kino dauern meist lang, abends haben wir viele Veranstaltungen, die mein Bruder und ich in der Regel moderieren. Im Prinzip sind Kino- und Blattmachen gar nicht so unterschiedlich: Man muss die richtige Mischung finden, die richtigen Themen setzen und damit ein Publikum erreichen. Solche Fragen kenne ich aus meinem früheren Berufsleben nur allzu gut. Im Kino ist der zeitliche Vorlauf natürlich wesentlich größer.

"kress pro": Das Abaton ist fest im Hamburger Kulturleben verankert. Müssen Sie trotzdem um die Zukunft kämpfen?

Philip Grassmann: Auf jeden Fall. Wir müssen den Menschen immer wieder erklären, warum sie zu uns kommen sollen. Die Zeit fürs Kino wird immer begrenzter, da müssen wir Anknüpfungspunkte bieten. Wir arbeiten gerade an einer Plattform, mit der unser Publikum über das Programm mitentscheiden darf. Dieser Community-Gedanke war mir schon beim "Freitag" sehr wichtig: Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen. Es bringt nichts, den Leuten die Welt zu erklären, wenn man ihnen nicht zuhört, wie sie selbst die Welt sehen. Wir haben bei der Filmauswahl sicher ein gutes Händchen, aber trotzdem wissen wir nicht alles. Natürlich haben wir ein großes Stammpublikum, aber das reicht auf Dauer nicht. Die Herausforderung ist, neue Kunden zu gewinnen, ohne die alten zu vergraulen.

"kress.de"-Tipp! Marcus Schuster hat das Interview mit Oliver Stolle für die Februar-Ausgabe von "kress pro" geführt. Diese und die aktuelle Ausgabe 4/2019 sind in unserem Shop erhältlich.

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