DDV-Chef Dietmann: Wir wollen hier Wölfe

 

Die DDV Mediengruppe aus Dresden hat mit neuen Services wie der Post-Zustellung oder dem Geschäft mit Reisen und Messen ihre Abhängigkeit von den Zeitungserlösen verringert. Im Interview mit "kress pro" sagt Geschäftsführer Carsten Dietmann auch, wie er Konkurrenz im eigenen Haus fördert.

"kress pro": Herr Dietmann, die DDV Mediengruppe verlegt nicht nur Zeitungen, Tochterunternehmen von ihr verschicken auch Briefe, veranstalten Reisen, organisieren Messen und betreiben die Tourist-Information der Stadt Dresden. Gibt es einen roten Faden, der all diese Aktivitäten noch verbindet?

Carsten Dietmann: Wir verstehen uns nicht mehr als Zeitungsverlag alleine, sondern haben unsere Kompetenzfelder viel breiter definiert. Wir sagen, wir wollen das Beste für unsere Region und dort die Menschen und die Gewerbetreibenden sinnvoll zusammenbringen. Jedes neue Geschäft soll zu diesem Ansatz und darüber hinaus zu einem unserer Kompetenzbereiche Medien, Logistik, Kommunikation/Vermarktung, Freizeit/Tourismus und Verlagsdienstleistungen passen. Wir haben schon die Übernahme von Unternehmen abgelehnt, weil sie diese Voraussetzungen nicht erfüllt haben.

"kress pro": Ihr traditionelles Kerngeschäft mit den Print-Titeln "Sächsische Zeitung" und "Morgenpost" ist aber noch immer Umsatzbringer Nummer eins. Warum spielt es nicht auch in der Außendarstellung der Gruppe die Hauptrolle?

Carsten Dietmann: Schon vor über 15 Jahren haben wir damit angefangen, vorsichtig Neugeschäft aufzubauen, um zu verhindern, dass wir wegen der sinkenden Erlöse im Zeitungsgeschäft eines Tages in eine Schieflage kommen. Das Neugeschäft unterlag aber zunächst restriktiven Bedingungen. Es durfte zum Beispiel Anzeigenkunden nicht tangieren. Vor vier Jahren haben wir gemerkt, dass das so nicht mehr funktioniert. Unser Post-Dienstleister war damals schon älter als 15 Jahre und als zweitstärkste Säule des Unternehmens längst Teil des Kerngeschäfts. Heute betrachten wir die Zeitungen daher nicht mehr als Zentrum unserer Aktivitäten. Sie gehören zu einem von fünf Bereichen, die alle ihre eigene Strategie, ihre eigenen Wachstumsvisionen und die gleichen Rechte und Pflichten haben.

"kress pro": Was meinen Sie mit Rechten und Pflichten?

Carsten Dietmann: Rechte heißt: Wer investieren möchte, hat die gleichen Geldbeschaffungs- und Investitionsregeln wie alle anderen. Pflichten bedeutet: Alle Geschäftsbereiche gehören zum Kerngeschäft und müssen auch Geld verdienen. Wer Wachstum produziert, bekommt Geld, um weiter zu investieren. Wo kein Wachstum produziert wird, fangen wir an zu konsolidieren. Wir haben uns auch von der Vorstellung verabschiedet, dass die Zeitung eine Produktionskette aus Redaktion, Anzeigenabteilung, Satz, Druck und Zustellung ist. Wir mussten den Mitarbeitern dort klarmachen: Ihr seid keine Familie, die zwangsweise zusammenbleibt! Heute besteht die Zeitung insbesondere aus der Redaktion. Sie kann selbst bestimmen, ob sie sich des Vertriebswegs Print oder digitaler Vertriebswege bedient und wie sie sich vermarkten lässt.

"kress pro": Was folgt daraus für die anderen Teile der Produktionskette?

Carsten Dietmann: Sie müssen eine eigene Marktstrategie entwickeln und sich als Dienstleister im Haus und außerhalb des Hauses anbieten. Ein Beispiel: Unsere Anzeigenabteilung heißt jetzt DDV Media und ist zu einer eigenständigen Agentur geworden. Sie stellt sich digitaler auf, sucht sich Fremdaufträge, und die übrigen Bereiche des Hauses können selbst entscheiden, ob sie mit ihr zusammenarbeiten oder nicht. Das ist kein bloßes Geschwätz: Die "Sächsische Zeitung" lässt sich von DDV Media vermarkten, unser Reichweitenportal Tag24 vermarktet sich selbst.

"kress pro": Sind die Geschäftsbereiche wirklich völlig frei bei der Wahl zwischen Dienstleistern aus der Gruppe und von außerhalb der Gruppe?

Carsten Dietmann: Schon immer haben wir eine redaktionelle Konkurrenz zwischen "Sächsischer Zeitung" und "Morgenpost" gehabt, und es gibt viele weitere Beispiele dafür, dass wir den Wettbewerbsgedanken ehrlich leben: Unser Satzbereich hat sich dazu entschlossen, keine Stellen abzubauen, sondern als DDV Grafik am Markt zu agieren. Er ist heute eine hochflexible Einheit mit rund 30 Prozent Fremdgeschäft und tritt auf dem Markt als weniger strategisch orientierte, aber preisgünstigere Alternative zu unserer Werbeagentur Oberüber Karger an. Es gibt allerdings eine Regel für den Wettbewerb im Haus: Wer einen Auftrag aus der Gruppe nicht bekommt, sollte eine Erklärung dafür bekommen, mit der er leben kann. Wir haben natürlich eine Verantwortung füreinander.

"kress pro": Sie betonen den Stellenwert des hausinternen Wettbewerbs. Aber Sie wollen doch innerhalb der Gruppe auch Synergien heben.

Carsten Dietmann: Natürlich. Jeder wird auch dafür belobigt, Synergien in der Gruppe oder auch mit Externen zu finden. Ich muss guten Leuten aber immer die Freiheit geben, die sie einfordern, sonst kann ich sie nicht an mich binden.

"kress pro": Was genau ist dann Ihre Rolle in der Gruppe?

Carsten Dietmann: Ich bin derjenige, der die übergreifende Strategie formuliert, aber auch der Troubleshooter. Wir haben hier viele kreative Menschen mit unterschiedlichen Ideen. Ich sage immer: Man muss sich entscheiden, ob man sich mit Schafen oder Wölfen umgeben will. Wir wollen hier Wölfe, und die beißen sich gegenseitig und manchmal auch mich. Meine Aufgabe ist es, in solchen Fällen zu moderieren.

Welche Ihrer Geschäftsbereiche tun sich mit der wettbewerbsorientierten Philosophie am schwersten? Wie schwer war es, Führungskräfte und Mitarbeiter beim grundlegenden Umbau der Gruppe mitzunehmen? Wie ist die Stimmung unter den Mitarbeitern jetzt? Können andere Medienhäuser etwas aus Ihren Erfahrungen lernen?

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Sie möchten das Interview mit Carsten Dietmann weiterlesen? Es ist Teil des 16-seitigen "kress pro"-Dossiers "DDV Mediengruppe - Strategien im Regionalgeschäft". Die aktuelle Ausgabe 4/2019 von "kress pro" inklusive DDV-Dossier ist in unserem Shop erhältlich. Eine Übersicht aller erschienenen Dossiers gibt es hier.

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Ihre Kommentare
Kopf

Karl-Erich Weber

27.05.2019
!

Vorsicht. Wölfe wurden gerade zum Abschuss freigegeben. Und irgendwann ist man oder frau des ständigen Beißens satt. Wenn das status quo der Branche ist, mangelnde Kreativität durch Druck- und Angstprofit - oder noch schlimmer durch Klicks - zu erwirtschaften, ohne Rücksicht auf menschliche und journalistische Verluste, dann wundert die hohe Fluktuation genausowenig, wie die Beliebigkeit des Contents.


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