Exklusiv: DJV-Chef Überall unter Druck

11.06.2019
 
 

Im Deutschen Journalisten-Verband (DJV) rumort es. Mehrere Verbandsmitglieder werfen dem Bundesvorsitzenden Frank Überall vor, er stelle die Interessen der CDU über die der Journalisten. Ein Exklusiv-Bericht von Vinzenz Neumaier und Eirik Sedlmair.

Peter Welchering findet in seinem offenen Brandbrief an den Bundesvorsitzenden des DJV deutliche Worte: "Frank, warum zerlegst du gerade aus parteipolitischer Rücksichtnahme diesen DJV?" Der freie Journalist Welchering war bis vor einem Jahr stellvertretender Landesvorsitzender des DJV in Baden-Württemberg. Um seine Kritik offen äußern zu können, ist Welchering nicht mehr zur Wahl angetreten. Seine Vorwürfe wiegen schwer. Viele Journalisten im DJV würde es mit Sorge erfüllen, dass Überalls CDU-Parteibuch für ihn wichtiger sei als der Journalismus. Das sei besonders bei Frank Überalls Verhalten in der Debatte um die EU-Urheberrechtsreform deutlich geworden. Die Reform widerspreche den Interessen vieler Journalisten. Es sei deshalb sehr verwunderlich, dass sich Überall im Namen des DJV für die Reform stark gemacht habe. "Dieser Einsatz für die Urheberrechtsreform ist durch keinerlei Gremienbeschluss legitimiert", meint Welchering.

Die Reform des Urheberrechts bleibt aber nicht sein einziger Kritikpunkt. Welchering stört zudem die Aussage Überalls, dass PR auch eine Art von Journalismus sei (Quelle: Zapp/NDR, Daniel Bouhs). Mit seiner kritischen Haltung im DJV hat sich Welchering offenbar Gegner geschaffen. Er sei bereits 2014 auf dem Verbandstag öffentlich als "krimineller Hacker" diffamiert worden, sagt der freier Journalist Welchering.

In Sachen EU-Urheberrechtsreform veröffentlichte der Bundesverband im März diesen Jahres eine Pressemitteilung, die die geplante Reform verteidigte und ihre Vorteile lobte - zum Ärger vieler Mitglieder. Auf Twitter folgte ein Shitstorm, mehrere Journalisten erklärten, sie würden aus dem DJV austreten, andere wie Welchering distanzierten sich öffentlich. Der Bundesvorstand des DJV habe die Argumente der Gegner einfach weggewischt, sei nicht darauf eingegangen, sagt Welchering im Gespräch mit kress.de: Und das mit "wortgleichen Argumenten, wie das auch Axel Voss und andere CDU-Politiker gemacht haben. Das war schon sehr auffällig".

kress.de bat Frank Überall, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Dieser antwortete nicht und ließ über seinen Pressesprecher Hendrik Zörner ausrichten, dass man die Vorwürfe nicht kommentiere, weil man einen "Troll" wie Peter Welchering nicht füttern wolle. Dessen Kritik sei durch "eine Privatfehde" begründet, sagte der Pressesprecher des DJV weiter.

Doch Welchering ist nicht der einzige der scharfe Kritik an der Bundesspitze des DJV übt. Detlef Schlockermann, Mitglied des DJV-Gesamtvorstandes in Nordrhein-Westfalen, greift Überall ebenfalls an. Ihm "fehlt das Gespür dafür, was ein Interessenkonflikt ist und was nicht", sagt Schlockermann. Das aktuelle Vorgehen des DJV schade nicht nur dem Verband, sondern auch dem Journalismus im Allgemeinen. Verschwörungstheorien gegenüber Journalisten werden so vermeintlich bestätigt: "Das ist doch das Vorurteil gegen Journalisten par excellence: Dass die sowieso alle eine ideologische Mission haben und abhängig sind von Parteien und Wirtschaftsverbänden", sagt Schlockermann. Für die Zukunft wünscht sich Schlockermann, dass der Bundesvorstand Rücksprache mit den Verbandsgremien hält, bevor er zu wichtigen Themen öffentlich Stellung bezieht.

Autoren: Vinzenz Neumaier und Eirik Sedlmair.

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Ihre Kommentare
Kopf
Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

11.06.2019
!

Dieser "Exklusivbericht" ist Kampagnen-Journalismus. Schade, dass sich Kress auf dieses Niveau begibt. Ich werde nie begreifen, warum sich einige Journalisten darin gefallen, jeden anzugreifen, der sich fürs Urheberrecht stark macht. Mit dem Namen des Kollegen Welchering verbinde ich eine Exklusivstory über Uploadfilter, die angeblich Babyfotos blocken, weil sie Windeln für Taliban-Turbane halten. Beim Versuch, die Fakten zu checken, fand ich das bei mehreren Medien – aber alles von einem Autor.


Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

11.06.2019
!

Dieser "Exklusivbericht" ist Kampagnen-Journalismus. Schade, dass sich Kress auf dieses Niveau begibt. Ich werde nie begreifen, warum sich einige Journalisten darin gefallen, jeden anzugreifen, der sich fürs Urheberrecht stark macht. Mit dem Namen des Kollegen Welchering verbinde ich eine Exklusivstory über Uploadfilter, die angeblich Babyfotos blocken, weil sie Windeln für Taliban-Turbane halten. Beim Versuch, die Fakten zu checken, fand ich das bei mehreren Medien – aber alles von einem Autor.


Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

11.06.2019
!

Vielleicht mag Kollege Welchering ja mal seine Quelle nennen. Ich vermute, er ist da eine Falschinformation aufgesessen. Wenn das dann auch noch als Argument gegen die Urheberrichtlinie herhalten muss, die gar keine Uploadfilter vorschreibt, ist das nicht seriös.


Detlef Schlockermann

Westdeutscher Rundfunk
Redakteur

11.06.2019
!

"Kampagnen-Journalismus", sagt der Herr Froitzheim. Begründung? Fehlanzeige! Stattdessen dunkle Andeutungen über angebliche Vergehen Welcherings.
Was die mit der Debatte über #Artikel13 etc. oder dem DJV zu tun haben? Natürlich nichts, weil sie nur dazu dienen, den Kritiker pers. zu diffamieren.
"Kampagnen-Journalismus"? Wenn er sich wenigstens die Mühe machen würde, auf die einzelnen Argumente einzugehen. Fällt bei der Faktenlage aber schwer - zugegeben.


Birgitt U. Euting

12.06.2019
!

Kann es sein, dass ein nicht stringent orientierter sog. Trainer eine PR-Kampagne ohne weitere Kosten vor das befürchtete Sommerloch schiebt und dabei den unangreifbaren Vorsitzenden seines Verbandes nennt, wegen der erhöhten Aufmerksamkeitsrate. Troll trifft es definitiv. Wo war der in seiner Selbstdarstellung etwas verwirrend zu lesende Gesamtbeherrscher beispielsweise auf dem kürzlichen Gewerkschaftstag zur persönlichen Aussprache? Eben! Frank war da.


Tilman Baumgärtel

12.06.2019
!

Die Haltung des DJV in der Urheberrechtsdebatte war in der Tat vollkommen unverständlich. Jetzt kommt die Verlegerbeteiligung an den VG Wort Ausschüttungen wieder, die für Journalisten und Autoren aller Art nur Nachtteile hat und durch nichts gerechtfertigt ist und der DJV unterstützt das sogar noch. Bisher habe ich immer gedacht, dass das aus Unverständnis geschieht...


Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

12.06.2019
!

Braucht mein Düsseldorfer Kollege Schlockermann, den ich nicht persönlich kenne, der aber als WDR-Mitarbeiter doch Profi ist, wirklich eine Erklärung des Begriffs Kampagnen-Journalismus? Ich denke nicht. Ansonsten empfehle ich einen Blick auf das Twitter-Profil des Kollegen Welchering, der seine eigenen Anti-Überall-Posts teilt. Mit einem sachlichen Meinungsstreit hat das nichts zu tun. Ihm dabei hier auf offener Bühne zu sekundieren, entspricht nicht meiner Vorstellung von kollegialem Umgang.


Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

12.06.2019
!

Zu Artikel 17 (vormals 13) wurde viel Falsches verbreitet, etwa dass die Richtlinie Uploadfilter vorschreibe. Kollege Welchering war damals Kronzeuge der Richtliniengegner. Er ritt auf der Microsoft-Taliban-Baby-Story herum, machte aber nie konkrete verifizierbare Angaben dazu. Mich hätten Einzelheiten sehr interessiert, wenn die Story denn stimmte, aber das Netz scheint das Thema komplett "vergessen" zu haben. Daher ist die Aufforderung an den Autor legitim, er möge "Butter bei die Fische tun".


Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

12.06.2019
!

Noch ein Argument zum Thema Kampagnenjournalismus, lieber Marc Bartl: "Um seine Kritik offen äußern zu können, ist Welchering nicht mehr zur Wahl angetreten." Das ist kein Faktum, sondern er stellt es so dar. Das ist PR in eigener Sache. Es wäre schlimm, wenn man im DJV Kritik als Vorstandsmitglied nicht offen äußern könnte. Man kann es aber. Ich habe es in Bayern selbst oft genug getan, wenn es nötig war.


Detlef Schlockermann

12.06.2019
!

Ach, lieber Kollege Froitzheim, die Sprache verrät den Geist. Hier "sekundiert" niemand. Denn hier geht es nicht um ein Duell aus vordemokratischen Zeiten und auch nicht um eine Mensur schlagender Verbindungen, wo es angeblich Interessenvertreter braucht.
Dass sie sich nicht vorstellen können, dass es hier schlicht um freie Meinungsäußerung geht, spricht Bände. Sie sehen halt Verschwörungen wo keine sind. Hier kann ich Ihnen vermutlich nicht helfen.


Detlef Schlockermann

12.06.2019
!

Und nein, ich brauche keine Hilfe bei Begriffsbestimmungen. Mal ehrlich, dass Sie sich nicht schämen, hier mit einer solch alten Geschichte anzukommen und so zu tun, als wäre sie neu.
Wie alt ist die Nummer? 10, 12 Jahre? Nochmal die Frage: Was hat das mit der Debatte über den Interessenkonflikt des DJV-Bundesvorsitzenden Frank Überall zu tun? Spoiler: rein gar nichts!


Detlef Schlockermann

12.06.2019
!

Ich würde gern endlich einmal erfahren, wieso der DJV als Verband ohne Gremienbeschluss einer privaten Zensurinfrastruktur das Wort redet.

Das ist eine direkte Folge von #Artikel13 - schon jetzt spürbar.

Auch wieso es im Interesse der Mitglieder liegen soll, dass Verleger plötzlich wieder VG-Wort-Tantiemen der Autoren abschöpfen, mit Zustimmung des DJV, ist höchst dubios.

Wer diese Geschenke an die Verleger verteidigt, vertritt m.E. nicht die Interessen der Mitglieder.


Detlef Schlockermann

12.06.2019
!

Eine pers. Bemerkung zu Ihren windelweichen Vorwürfen von anno dunnemals sei mir noch erlaubt: Der Umstand, dass Sie es nicht geschafft haben, die Welchering-Geschichte nachzurecherchieren, hat vlt. auch etwas mit pers. Fähigkeiten und fehlenden Quellen/Netzwerken zu tun.

Daraus den Schluss zu ziehen, der Kollege sei unseriös, ist einigermaßen originell. Gegenfrage: Wenn Sie SZ-Geschichten nicht überprüfen können, mangels eigener Quellen, sind die dann auch "unseriös"???


Ulf J. Froitzheim

Ulf J. Froitzheim

Redaktionsbüro UJF.biz
Freier Journalist

13.06.2019
!

1. Es gibt keine "private Zensurinfrastruktur", der der DJV das Wort reden würde.
2. Art. 17 (nicht 13) kann erst Wirkungen entfalten, wenn die DSM-Directive in nationales Recht umgesetzt ist.
3. Es gibt keine "Geschenke an die Verleger". Ihnen zu erklären, wieso ohne Art. 16 der Fortbestand der VG Wort auf dem Spiel gestanden hätte, dürfte müßig sein. Dennoch: Hier steht's: https://vs.verdi.de/themen/nachrichten/++co++6381c0d0-5f8f-11e9-91e1-525400f67940


Detlef Schlockermann

13.06.2019
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Sie müssen sich entscheiden: Führt die Reform des Urheberrechts jetzt zum Einsatz von Uploadfiltern, aka „private Zensurinfrastruktur“? Oder nicht?

Erst sagen Sie NEIN, dann auf einmal doch JA (bei Umsetzung in nationales Recht).

Widersprüchliche Botschaften, die Sie da senden.

So geht es dann weiter im Text: Geschenke an Verleger gebe es nicht, behaupten Sie. In dem verlinkten Beitrag liest man dann, dass die Verleger doch wieder VG-Wort-Anteile abschöpfen werden.


Detlef Schlockermann

13.06.2019
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Danke,

lieber Kollege Froitzheim,

dass Sie meine Thesen bestätigt haben - wenn auch sicher nicht beabsichtigt.

Mein persönlicher Eindruck ist, dass viele Kollegen noch gar nicht verstanden haben, welche Konsequenzen diese verlegerfreundlichen Entscheidungen des DJV-Spitzenpersonals haben werden. Ist ja auch kompliziert.

Deshalb auch diese widersprüchlichen Argumente.

Mit kollegialen Grüßen
Detlef Schlockermann


Peter Welchering

13.06.2019
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Dass Ulf Froitzheim Schwierigkeiten hat, einen komplexeren Sachverhalt zu recherchieren, wundert nun nicht. Er hat aber eine 2. Chance: Am 24.6.19 halte ich an der Uni Gießen 18 Uhr s.t. im Phil. I. C27 einen Vortrag zum Thema. Es werden allerdings Recherche-Grundkenntnisse vorausgesetzt.


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