Meinung: Die Reuters-Forscher liegen mit ihren Zahlen zu Paid Content falsch

18.06.2019
 
 

Die Forscher des Reuters Institute for the Study of Journalism kommen regelmäßig zu dem Ergebnis, dass es mit Paid Content in Deutschland nicht so richtig läuft. Markus Schöberl, Herausgeber von pv digest, kritisiert das Forschungsinstitut aus Oxford. Es liefere alljährlich unstimmige Daten.

Problembären in der Natur sind Raubtiere, die sich über in der Kindheit entstandene Erwartungen hinwegsetzen, welche durch Knopfaugen, anscheinend tapsige Bewegungsmuster und Kuscheltiere geprägt wurden.

Ein Forschungsinstitut wird zum Problem, wenn es mit dem Label der legendären Universität im englischen Oxford glänzen kann und, mit erheblichen Finanzmitteln ausgestattet, große Studien zu wichtigen Fragestellungen publiziert, die regelmäßig unstimmige Daten in die Welt setzen.

Zum Problembären wird es, wenn diese Daten anschließend wie der Goldstandard zum Thema Paid Content behandelt werden und wenn dieser Goldstandard regelmäßig anzuzeigen scheint, dass es mit dem Bezahlen für journalistische Inhalte nicht so recht vorwärts geht.

Alljährlich unstimmige Daten

Die Zahlen des Reuters Institute for the Study of Journalism (RISJ) weisen seit Jahren für Deutschland einen Anteil von 8% der Bevölkerung aus, der für Online-Nachrichten bezahlt. In Österreich sollen es 9% sein, in der Schweiz immerhin 11%. Das könnte richtig sein. Nicht richtig sein kann aber, dass die Oxforder Forscher diese Zahlen seit Jahren praktisch unverändert messen. In anderen Ländern sehen sie sogar - teils deutlich - rückläufige Werte.

Das kann nicht sein. Es kann gar keinen Zweifel daran geben, dass - wie wenige Menschen auch immer für digitale journalistische Inhalte bezahlen - die Anzahl dieser Menschen im Zeitverlauf steigt. Das belegen mittlerweile hunderte Einzelfallberichte aus Verlagshäusern. Das zeigen die Geschäftsberichte von Verlage mit digitalen Bezahlangeboten. Das zeigt sich in den E-Paper-Statistiken, die von externen Institutionen überprüft werden.

Auf diesen eklatanten Widerspruch weise ich in pv digest seit Jahren hin. Und seit Jahren stelle ich entsprechende Fragen per E-Mail und Twitter an die Forscher und bekomme darauf unzureichende Antworten. Mal hieß es, die Fehlermarge der Untersuchung sei zu hoch, um Trendbetrachtungen anzustellen. Ein andermal vermutete ein Forscher, dass zwar die Anzahl der Digitalabos und die Menge des Paid Content-Umsatzes ansteigen könnte, dass dahinter aber nicht mehr Personen, sondern eine gleichbleibende Menge Personen mit mehr Abos stehen könnte. In ihrem jüngsten Bericht freilich haben sich die Reuters-Forscher diese Erklärung verbaut. Denn dass der typische Nutzer nur für je ein Digitalabo bezahlt, ist in diesem Jahr eine besonders herausgestellte 'Erkenntnis' des frisch vorlegelegten Digital News Reports.

Anti-Paywall-Propaganda mit der Wahl des Mittelwertes

Wie oben erwähnt ist ein prominent herausgestelltes Fazit des aktuellen Digital News Reports, dass der durchschnittliche Nutzer für nicht mehr als 1 Digitalabo bezahlt: "the average almost never exceeds one, regardless of what group you look at."

Aber: das gilt nur, wenn man für die Durchschnittsbildung den Median-Durchschnitt wählt (d.i. der am häufigsten in einer Verteilung vorkommende Wert). Wählt man den viel bekannteren arithmetischen Mittelwert (Die Summe aller Werte geteilt durch deren Anzahl), dann liegt der Durchschnittswert für die Anzahl der Digitalabos bei 1,76 (mindestens! Nämlich dann, wenn man für alle Mitglieder der Gruppe 'mehr als 5 Digitalabos' von stets genau 6 Abos ausgeht).

Der Median-Mittelwert wird üblicherweise verwendet, wenn extreme Werte in einer Verteilung zu einer Verzerrung des arithmetischen Mittelwertes in Richtung eines der beiden Enden der Skala führen würden. Warum die Reuters-Forscher in diesem Fall den Median-Mittelwert statt des gebräuchlicheren arithmetischen Mittelwertes herausstellen, läd zu Spekualtionen ein.

Anti-Paywall-Propaganda mit dem Prozentwerte-Basis-Effekt

Noch vor wenigen Wochen veröffentlichte das Institut einen anderen Bericht zu Bezahlmodellen für Online News. Darin hatten die Forscher zunächst folgendes Resümee herausgestellt: "Mehr als die Hälfte aller wöchentlichen Zeitungen und Nachrichtenmagazine [in Europa] betreiben eine Paywall, 10%-Punkte weniger als 2017".

"10%-Punkte" klingt gewaltig. Was ist da los? Glauben politische Magazine nicht mehr an Paid Content? In der Studie betrachtet wurden 21 solche Magazine. 10%-Punkte waren also 2 Magazine. Diese betroffenen 2 Magazine stammen aus Polen. Bei einem der beiden Magazine irrten sich die Forscher. Sie haben das auf unseren Hinweis korrigiert. Jetzt heißt es "5%-Punkte weniger Paywalls". Die Botschaft bleibt gleich: 'wir haben weniger Paywalls gefunden als bei der letzten Untersu-chung'. Dass diese Botschaft auf 1 Fall beruht und offenlässt, welchen Hintergrund dieser Fall haben könnte, macht das Fazit unseriös.

Cui bono?

Es passt aber in die permanent ausgestreute Botschaft aus Oxford: so richtig läuft es nicht mit Paid Content.

Wie viele Verlage oder digital only-Startups das entmutigen mag, ist schwer zu sagen. Wem es gut zupass kommt, ist leichter ersichtlich. Für Googles Geschäfte sind zunehmend bezahlpflichtige Inhalte eine Herausforderung. Google hat das RISJ in den Jahren seit 2016 mit rund 10Mio€ gesponsort. Auch Problembären beißen nicht in die Hand, die sie füttert.

PS:

Der Hauptprofiteur der Negativbotschaft ist natürlich nicht Google. Der Hauptprofiteur sind die Forscher und das Institut selbst, weil ihre platte Botschaft weltweit begrierig aufgegriffen und unkritisch nachgeplappert wird. Zum Beispiel vom bekannten Niemanlab in den USA, von deutschen Fachmedien, von der englischen Pressgazette oder der französischen Zeitung Le Monde.

Ein Meinungsbeitrag von Markus Schöberl, Herausgeber von pv digest, einem Informationsdienst rund um den Verkauf journalistischer Produkte - ganz gleich, ob auf Papier oder in digitaler Form.

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Ihre Kommentare
Kopf

Stefan

18.06.2019
!

Ich finde die unsägliche Paywall-Propaganda von Springer und Co will nerviger. Und das fehlende, ernsthafte Hinterfragen ihrer Zahlen. Kommt dazu auch mal ein Artikel?


Prof. Ing. Karl Malik

19.06.2019
!

Sehr geehrter Herr Schöberl,
Sie haben mit einigen Anmerkungen über die Qualität dieser Studie recht. Dennoch läuft - siehe das niederländische Paid-Content-Modell Blendle - die Vermarktung von digitalen Inhalten für Zeitungs- und Zeitschriften-Medien sehr "schleppend". Die Erlöse aus diesem Geschäftsmodell reichen derzeit und wohl auch die nächsten 3 Jahre für die Finanzierung von sorgfältig recherchiertem Qualitäts-Journalismus nicht. Liebe Grüße, Ihr Karl Malik


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