Zeitenwende: David Sieber über direkte Presseförderung in der Schweiz

20.06.2019
 

Und plötzlich ist direkte Presseförderung in der Schweiz kein Tabu mehr. Es hat so weit kommen müssen. Ein Kommentar von Chefredakteur David Sieber im neuen "Schweizer Journalist".

Man ist ja versucht, mit Häme über die Verleger herzufallen. Ein Lächeln auf den Stockzähnen muss jedoch genügen, ob des Spektakels, das die Herren der privatwirtschaftlichen Medien da aufführen. Zum Beispiel, mit welch rhetorischen Pirouetten die Vervierfachung der indirekten Presseförderung auf 120 Millionen Franken ordnungspolitisch gerechtfertigt wird.

Es ist wirklich erstaunlich, wie sie sich in Rekordzeit aller liberalen Grundsätze entledigen und nun auch direkten Beihilfen nicht abgeneigt sind. Natürlich nur zu Bedingungen, die ihnen eine unternehmerische Restwürde lassen. Aber auch auf die wird verzichtet werden, sollte der Abfluss der Werbegelder im gleichen Ausmaß weitergehen. Noch etwas mehr als 1 Milliarde Franken hat die Schweizer Presse 2018 mit Werbung umgesetzt - 50 Prozent weniger als vor zehn Jahren. Die Onlineerlöse stiegen in dieser Zeit zwar stark, spielen aber volumenmäßig in einer deutlich tieferen Liga.

Es wäre ein köstlich zu nennendes Spektakel, wenn der Hintergrund nicht so ernst und für uns Journalistinnen und Journalisten nicht so folgenreich wäre. Zwar scheint die Schweizer Medienlandschaft vorerst arrondiert. Aber eigentlich haben die verbliebenen Großverlage mit ihren Kopfblattsystemen bloß etwas Zeit gewonnen. Nicht lange, und die Synergiegewinne sind aufgefressen. Denn es gibt nicht den geringsten Anlass zur Hoffnung, dass sich Werbe- und Aboerträge auf genügend hohem Niveau stabilisieren. Erstaunlich, wie lange die Verleger zu dieser Einsicht brauchten. Nun soll es aber plötzlich schnell gehen, auch weil im Bundeshaus die Sorge um den Fortbestand der staatspolitisch wichtigen medialen Grundversorgung wächst. Die Hoffnungen ruhen auf der neuen Medienministerin Simonetta Sommaruga, wie unsere Titelgeschichte (ab Seite 14) zeigt.

Und wie wenn die Verleger nicht schon genug zu tragen hätten, kommen sie auch noch in unserem großen Arbeitgeber-Ranking (Seite 30) ziemlich unter die Räder. Jedenfalls im Vergleich zu anderen Branchen. Und zur SRG. Gegen die öffentlich-rechtlichen Arbeitsbedingungen hat kein Privater eine Chance. Natürlich ist so eine Rangliste mit Vorsicht zu genießen. Zumal wenn sie die jüngsten Ereignisse, wie den Zusammenschluss der AZ Medien und der NZZ-Regionalzeitungen zu CH Media, nicht widerspiegelt. Entsprechend haben wir die Mitarbeiterbeurteilungen auf kununu.com auch eingebettet.

Wie sich die Journalistinnen von ihren Arbeitgebern und ihren Kollegen behandelt fühlen, lesen Sie auf Seite 58. Nämlich so, dass sie mit gutem Grund am Frauenstreik vom 14. Juni teilnehmen. Von "systematischer Diskriminierung" ist die Rede. Als ehemaliger (Kader-)Mann hatte ich nie diesen Eindruck und hätte diesen Vorwurf zurückgewiesen. Aber vielleicht ist genau das das Problem. Als Teil des Systems sieht man das Systematische nicht (mehr).

Einer, der genau weiß, wie es um uns Medienschaffende steht, ist Gabriel Vetter. Der Schriftsteller und Kabarettist spendet uns ab sofort Trost. Zum Auftakt erklärt Vetter in seinen "Letzten Worten", weshalb er der "Pfarrer Sieber der Schweizer Publizistik" ist (Seite 82).

Noch ein Wort in eigener Sache: Dies ist die erste Ausgabe, die ich verantworte. Ich habe in den vergangenen Wochen deutlich erfahren, wie weit ich mich in den Jahren als Chefredaktor zweier Regionalzeitungen von der Knochenarbeit entfernt habe. Was ich bisher delegieren konnte, musste ich plötzlich wieder selber machen. Und es geschah ein Malheur, das mir damals als ganz junger Journalist einmal widerfuhr: Ein spannendes Interview geführt, zum Abtippen hingesetzt und festgestellt, da ist nur akustische Leere im Aufnahmegerät. Zum Glück ist Otfried Jarren langmütig und verständnisvoll. Er hat die Fragen dann nochmals schriftlich beantwortet (Seite 20). Ein bisschen peinlich ist es mir immer noch ...

kress.de-Tipp: Der Kommentar von Chefredakteur David Sieber bildet das Editorial im neuen "Schweizer Journalist". Sie können das Heft in unserem Shop bestellen.

Der "Schweizer Journalist" erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist David Sieber.

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