Cholerischer Kollege - wie kann ich mich wehren?

 

Man kann sich seine Redaktionkollegen nicht aussuchen, muss aber auch nicht alles hinnehmen. Cholerisches Verhalten - Wutausbrüche, Anschreien, subtile und offene Drohungen - gehört regelmäßig zu den Kritikpunkten. Mediencoach Attila Albert sagt, wie Sie sich wehren können.

Die Chefreporter einer Tageszeitung teilten sich zwei Büroräume in der Redaktion, kamen jedoch nur schwer miteinander aus. Insbesondere ein Kollege fiel regelmäßig durch seine Wutausbrüche aus nichtigen Anlässen (z. B. offenstehendes Fenster), mehr oder weniger lautstarke Beschimpfungen (z. B. über den Verlag) und ein allgemein aggressives Verhalten auf. Der Redaktionsleitung war das Problem bekannt, doch sie verlegte sich darauf, es als Streit unter Kollegen abzutun - man möge sich doch bitte "untereinander einigen".

So weit es organisatorisch und räumlich möglich ist, kann man versuchen, solch einem Kollegen für einige Zeit auszuweichen. Doch wenn sich die Situation über Monate oder gar Jahre hinzieht, kann sie zu einer ernsthaften Belastung werden. Wer einen cholerischen Kollegen hat, fühlt sich oft verängstigt, hilflos und zweifelt an sich selbst. Reagiert man überempfindlich, was läßt sich im Ernstfall überhaupt beweisen? Hier einige Strategien, wie Sie sich wehren und die Situation für sich selbst verbessern können.

Klarmachen, dass dieses Verhalten unerwünscht ist

Zuerst sollten Sie dem Kollegen klarmachen, dass sein Verhalten unerwünscht ist. Das klingt banal, doch nicht jedem Choleriker ist klar, dass er sich daneben benimmt. Mancher meint, er sei eben "ein bißchen temperamentvoll" und man solle sich doch "nicht so anstellen". Hier können Sie schon einmal klar sagen: "Wie Du Dich benimmst, das geht nicht." Bleiben Sie dabei ruhig und sachlich, um sich nicht selbst angreifbar zu machen. Sie könnten mitteilen, dass Sie das nicht hinnehmen und beim nächsten Mal die Personalabteilung informieren.

Wenig Sinn hat es in dieser Situation, dem Kollegen inhaltlich zu widersprechen, sich zu rechtfertigen oder mit Argumenten kontern zu wollen. All das würde die andere Person nur anstacheln, wenn sie überhaupt zuhört. Den gleichen Effekt hat der Versuch, besänftigen und beruhigen zu wollen. Das kommt oft so an, als wollten Sie sich herausreden. Tränen lösen eher Verachtung als Mitgefühl und ein Umdenken aus. Versuchen Sie also, das Ganze so distanziert wie möglich anzugehen, auch wenn das für Sie eine Herausforderung ist.

Im Einzelfall das Gespräch beenden

Im Einzelfall können Sie aus dem Zimmer gehen, um die Situation zu deeskalieren: "So lasse ich nicht mit mir sprechen. Ich komme in fünf Minuten wieder, wenn Du Dich beruhigt hast." Häufig wiederholen können Sie das allerdings nicht, der Effekt nutzt sich ab. Zudem bringen Sie sich damit in die Situation, dass sie möglicherweise ihren Arbeitsplatz verlassen, an dem Sie natürlich Ihre Arbeit verrichten müssen. Auch regelmäßige Beschwerden beim Vorgesetzten nutzen sich bald ab. Am Ende gelten Sie selbst als nerviger Querulant.

Eine Schwierigkeit ist, dass "cholerisch" eine sehr persönliche Einordnung darstellt. In vielen Fällen ist es nämlich nicht so, dass die betreffende Person sich tatsächlich lautstark aufregt, jemanden aggressiv angeht oder gar anschreit. Mancher redet sich bei einem Sachthema in Rage und kann einfach nicht mehr aufhören. Andere heben kaum ihre Stimme, verletzen andere aber durch subtile Wortwahl und Tonfall so, dass sie in Tränen ausbrechen. Auch die persönliche Empfindlichkeit spielt eine Rolle dabei, wie sehr Sie solch ein Kollege stört.

Notieren, welche Äußerungen gefallen sind

Notieren Sie sich in jedem Fall, welche Äußerungen genau gefallen sind und in welchem Zusammenhang. Insbesondere bei Beschimpfungen, Unterstellungen und Drohungen ist es wichtig, sie für spätere Gespräche mit dem Chef, Betriebsrat oder Personalabteilung dokumentiert zu haben. Manche Choleriker haben ihre Methode allerdings angepasst, um sich nicht so leicht angreifbar zu machen: Wer andere mit gezischten sarkastischen oder ironischen Bemerkungen angreift, lässt sich nur schwer mit Wortprotokollen überführen.

Oft werden Ich-Botschaften ("Ich fühle mich von Deinem Verhalten verletzt") empfohlen. Für meinen Geschmack sind derartige Aussagen weinerlich und kraftlos, zudem behandeln sie das falsche Thema. Es geht hier nicht darum auszudrücken, wie man sich fühlt, sondern darum, jemandem eine Grenze zu setzen, die nicht besonders erklärt und begründet werden muss. Es handelt sich schlicht um das geforderte Mindestmaß an professionellem Auftreten und allgemeinem Anstand. Ich-Aussagen eignen sich eher für ein Hintergrundgespräch.

Es ist möglich, den Kollegen zum Freund zu gewinnen

Falls Sie die Energie haben und willens sind, sich auf den Kollegen einzulassen und seine Motivation zu ergründen, können Sie die Beziehung oft nachhaltig verbessern und ihn nicht selten sogar zum Freund machen. Vielfach werden Sie entdecken, dass der Kollege, der Ihnen bisher vielleicht Angst gemacht oder Sie zumindest verunsichert hat, unter großer Anspannung steht, mit der er nicht umgehen kann, selbst ängstlich und unsicher ist. Wenn Sie ihm in ruhigen Momenten mit offenen, interessierten Fragen begegnen und zuhören, ist die Chance groß, dass er in Ihnen schnell eine Vertrauensperson sieht, die er respektiert.

Eine entscheidende Wende für Sie selbst können Sie herbeiführen, wenn Sie sich die Zeit nehmen und z. B. in einem Coaching erkunden, was das cholerische Verhalten anderer bei Ihnen auslöst. Bekommen Sie Angst, fühlen Sie sich klein und hilflos? Fühlen Sie die kalte Wut in sich aufsteigen, möchten Sie am liebsten zurückschlagen? Meist stecken Prägungen aus der Kinder- und Jugendzeit hinter diesen Reaktionen, die Sie als Erwachsener aber komplett verändern können. Andere haben dann keine Macht mehr über Sie: Einen cholerischen Ausbruch beobachten Sie eher, als dass Sie sich davon betroffen fühlen.

Schwierig, wenn der Chef der Choleriker ist

Bei einem cholerischen Chef gelten im Grunde die gleichen Empfehlungen. Sie haben hier aber einen entscheidenden Nachteil: Ihnen fehlt die hierarchische Unterstützung von oben, da der direkte Vorgesetzte nicht nur als Ansprechpartner ausfällt, sondern selbst das Problem darstellt. Sie können zwar eine Ebene höher gehen (z. B. beim stellvertretenden Chefredakteur über den Ressortleiter beschweren) und sich zusätzlich an Betriebsrat oder Personalabteilung wenden. Das Dilemma dabei: Sie sind gezwungen, Ihren Vorgesetzten zu umgehen und anzuschwärzen - schwerlich eine gute Basis für die weitere Zusammenarbeit.

Zudem sind die Vorwürfe selten schwerwiegend genug, als dass der Arbeitgeber den Chef abmahnen oder gar absetzen würde. Typischerweise würde er ermahnt, vielleicht zu einem Konflikttraining geschickt und danach von offener zu subtiler Aggressivität wechseln. Ihr Leben würde etwas leichter, aber nicht entscheidend besser. Bei einem cholerischen Chef empfiehlt es sich daher, nicht zu viel Zeit zu verlieren, sondern sich nach einer neuen Stelle umzusehen oder eine geplante Selbstständigkeit anzugehen. Dieser Ansatz gibt Ihnen auch das Selbstvertrauen und die innere Stabilität, die anderen ohne viel Worte signalisiert: So redet keiner mit mir, das habe ich gar nicht nötig.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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