Ich gelobe, mich nicht einzumischen: FFH-Noch-Chef Hans-Dieter Hillmoth im Exklusiv-Interview

 

Am 30. Juni 2019 geht eine Ära zu Ende: An diesem Tag tritt Hans-Dieter Hillmoth als Geschäftsführer und Programmdirektor der Radio/Tele FFH ab. Im Exklusiv-Interview mit kress.de blickt Hillmoth zurück auf 30 bewegte Jahre und spricht über die Zukunft des Radios.

Am 1. April 1989 stieg Hans-Dieter Hillmoth noch vor Sendestart als Programmdirektor ein und machte Radio FFH (heute: Hit-Radio FFH) rasch zu einer großen Nummer im hessischen und bundesweiten Radiomarkt. Gleich bei der ersten Ausweisung in der Media-Analyse zog FFH am Erzrivalen HR 3 vorbei und blieb bis heute Marktführer. Später baute Hillmoth den Sender zu einer Gruppe aus. Im Mai 1997 startete er das Junge-Leute-Programm Planet Radio, im November 2005 ging Harmony FM auf Sendung. Zudem betreibt FFH 20 Online-Audio-Kanäle. Im Exklusiv-Interview mit kress.de blickt der heute 66-jährige Hillmoth zurück auf 30 bewegte Jahre und spricht über die Zukunft des Radios.

kress.de: Ende Juni gehen Sie nach 30 Jahren beim hessischen Marktführer FFH in den Ruhestand. Mit welchen Gefühlen verlassen Sie das Funkhaus in Bad Vilbel?

Hans-Dieter Hillmoth: Ich habe 30 Jahre sehr gern dort gearbeitet. Aber alles hat seine Zeit. Wir stehen als Unternehmen wirtschaftlich gut da, das gilt aber auch für die Gattung Radio insgesamt. Ich werde die Entwicklung von FFH künftig aus der Ferne beobachten und freue mich dann über die Erfolge der Kollegen.

kress.de: Werden Sie der Branche als Elder Statesman erhalten bleiben und ihr künftig die Leviten lesen?

Hillmoth: Zusammen mit Antenne-Bayern-Geschäftsführer Karlheinz Hörhammer, der wie ich am 30. Juni aufhört, habe ich zwischenzeitlich überlegt, künftig in einem Blog das Geschehen im Radiomarkt zu begleiten. Wir haben die Idee aber rasch verworfen. Ich gelobe, mich künftig nicht in das Tagesgeschäft der Radio/Tele FFH einzumischen. Aber wenn ich gefragt werde, werde ich antworten.

kress.de: Sie bleiben nach Ihrem Abschied persönlich haftender Gesellschafter der Radio/Tele FFH. Muss Ihr Nachfolger in der Geschäftsführung, Marco Maier, damit rechnen, dass ihm der Miteigentümer Hillmoth genauestens auf die Finger schaut?

Hillmoth: Als Gesellschafter habe ich natürlich ein Interesse am wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens. Ich habe aber, wie erwähnt, nicht die Absicht zu intervenieren und bin zuversichtlich, dass die Sendergrupe weiterhin wirtschaftlich erfolgreich ist.

kress.de: Als Sie 1989 zu FFH kamen, waren Sie und Ihr Sender Treiber einer Mediendisruption, heute wird das Radio durch digitale Rivalen wie Spotify, Apple oder Amazon disrupiert und zur Transformation gezwungen. Was war rückblickend spannender für Sie: Die Startphase mit FFH oder Ihre letzten Jahre im veränderten Konkurrenzumfeld?

Hillmoth: Als es zwei, drei Jahre nach meinem Einstieg bei FFH sehr gut lief, haben mir viele geraten, zu gehen. Das kam mir aber nicht in den Sinn, denn es war immer spannend. Das liegt auch daran, dass ich immer nach vorne, nicht nach hinten schaue. In den vergangenen 30 Jahren hat Radio alle technischen Herausforderungen genutzt, dazu musste es sich aber immer auch verändern. Früher haben uns die Hörer noch Postkarten geschrieben, um mit uns in Kontakt zu kommen. Heute läuft das über Social Media.

kress.de: Viele befürchten, dass Radio - ähnlich wie andere klassischen Medien - von der Digitalisierung und dem Trend zur nichtlinearen Nutzung in die Bedeutungslosigkeit gedrängt wird. Sind Sie deshalb froh, nun keine operative Verantwortung mehr zu tragen?

Hillmoth: Das wäre aber eine fiese Einstellung. Keiner kann sagen, was in fünf oder zehn Jahren ist. Alles ist möglich. Deshalb muss Radio wachsam sein. Es darf nicht immer nur reagieren, sondern muss auch agieren. Ich sehe aber, dass die Branche die Weichen richtig gestellt hat. Anders als zum Beispiel TV wächst Radio im Werbemarkt und ist attraktiv auch für Fachkräfte aus anderen Branchen, wie man an Marianne Bullwinkel sieht. Sie arbeitete früher für eine Mediaagentur, war in leitender Funktion für Facebook und Snap tätig und wechselt im Oktober als Sprecherin der Geschäftsführung zu unserem nationalen Vermarkter RMS. Sie reizt es, zu einem Medium zu wechseln, das Gestaltungsraum bietet. Unsere Branche ist auch deswegen ein interessanter Arbeitgeber, weil sie längst für mehr als das gute alte Dampfradio steht. Der Aufschwung von Streaming, Podcast und On Demand haben auch uns einen Schub gegeben und uns neue Möglichkeiten in der datenbasierten Vermarktung eröffnet. Das zieht gute Leute an.

kress.de: Der Audio-Boom nutzt Spotify aber mehr als dem klassischen Radio. Dessen Vertreter schaffen ja es nicht mal, im digitalen Datenmanagement an einem Strang zu ziehen. Neben der bestehenden Audio DMP von RMS und der von Regiocast initiierten Crossplan steht ein dritter Dienstleister in den Startlöchern.

Hillmoth: Er wird den Arbeitstitel Pia tragen und als gemeinsames Daten-Gefäß für Antenne Bayern, die RTL-Sender, die Radio/Tele FFH und andere fungieren. Ich verstehe die verschiedenen Aktivitäten aber nicht als Gegeneinander und kann mir vorstellen, dass zum Beispiel Pia und Crossplan in naher Zukunft fusionieren.

kress.de: Apropos Digitalisierung. Als VPRT-Vizepräsident haben Sie viele Jahre gegen das digitale Antennenradio DAB gekämpft. Sie hielten es für Geldverschwendung, weil es keine Hörer bringt und nur Kosten verursacht. Inzwischen senden Ihre Sender selbst über DAB+. Haben Sie Standard falsch eingeschätzt?

Hillmoth: Nein, meine Vorbehalte bleiben bestehen. Richtig ist aber, dass wir seit Juli 2018 mit unseren drei Programmen hessenweit in DAB+ vertreten sind. Wir sehen uns dazu gezwungen, weil die ARD und der HR auf diesen Verbreitungsweg setzen und das DAB+-Netz mit jede Menge Gebührengeld ausbauen. Deshalb müssen auch wir mitmachen, selbst wenn uns das kein Income bringt. DAB+ ist nicht mehr wegzukriegen. Es ist aber - genauso wie UKW - ein tumber Verbreitungsweg, über den sich Hörer nicht adressieren lassen. Adressierbarkeit wird aber zu einem immer wichtigeren Kriterium für die Programmmacher und die Werbewirtschaft. Deshalb bin ich überzeugt, dass die Zukunft für Radio im Streaming liegt, weil es genau diese Möglichkeit bietet.

kress.de: Sie waren viele Jahre ein strammer Privatradio-Mann, der den ÖR kritisch gesehen hat. Zuletzt wurden Ihre Spitzen gegen HR und ARD aber weniger. Haben Sie im Herbst Ihrer Karriere doch noch den dezenten Charme des dualen Rundfunksystems kennengelernt?

Hillmoth: Ich bin bis heute ein Befürworter des dualen Systems. Meine Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen besteht aber fort. Leiser geworden bin ich nur deshalb, weil ich seit längerem keine führende Rolle im VPRT bzw. Vaunet mehr innehabe. Die Politik schielt immer nur zu den Öffentlich-Rechtlichen und sieht nicht, was wir Private leisten. Auch die Medienanstalten nehme ich nicht mehr als uneingeschränkten Sachwalter unserer Interessen wahr. Ferner stört es mich, wenn sich die Öffentlich-Rechtlichen als Hüter des Journalismus und Vorkämpfer gegen Fake News inszenieren. Der Beitrag des privaten Rundfunks fällt dabei einfach unter den Tisch. Für uns ist es auch ein Problem, dass es die klassische Medienpolitik nicht mehr gibt. Politiker kümmern sich heute lieber um das Treiben bei Facebook und Co, weil es mehr Aufmerksamkeit verspricht.

kress.de: Was machen Sie am Tag eins nach FFH?

Hillmoth: Am 1. Juli bin ich zur 70-Jahr-Feier der dpa beim Bundespräsident in Berlin eingeladen. Bei dpa wirke ich schon länger im Aufsichtsrat.

kress.de: Und wie verbringen Sie Ihre Zeit ab Tag zwei?

Hillmoth: Mir wird es nicht langweilig. Ich bin seit April 2018 Vorsitzender des Aufsichtsrats bei der Frankfurter Volksbank. Das ist schon jetzt ein ordentlicher Job mit vielen Terminen. Die Bank steht angesichts der Digitalisierung vor einem ähnlichen Umbruch wie jetzt das Radio. Da will ich mich mit meinen Erfahrungen einbringen.

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