Köpfe-Interview: Wie Diana Iljine das Filmfest München zukunftsfit halten möchte

 

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder möchte, dass das Filmfest München zur Berlinale aufschließt, sie letztlich sogar überholt. Längst gilt das Event als Pflichttermin für die TV-Branche - und als Hotspot für neue Serien. Wie Filmfest-Chefin Diane Iljine mit dem Erwartungsdruck und dem vielen neuen Geld - 3 Mio Euro zusätzlich vom Freistaat - umgeht, sagt sie im Köpfe-Interview.

kress.de: Frau Iljine, hinter Ihnen liegt viel Vorbereitungsarbeit, vor Ihnen die Filmfestzeit mit dem großen Rummel zwischen Kinos und roten Teppichen. Welcher Teil ist für Sie eigentlich anstrengender?

Diana Iljine: Filmfest-Chefin ist mein Traumjob. Klar ist er manchmal auch anstrengend, aber das gehört ja dazu. Verhandlungen mit möglichen Sponsoren, politische Hintergrundgespräche, die Arbeit an internen Strukturen im Sinne eines "change management in a cultural institution", das alles kostet natürlich auch Kraft. Aber das, was am Ende dabei herauskommt, nämlich jedes Jahr ein spannendes, großartiges Festival, ist doch alle Mühen wert! Und während des Festivals bin ich tatsächlich jeden Tag 16 bis 18 Stunden auf den Beinen, aber da das Filmfest wie ein Feuerwerk, wie die Krönung aller Arbeit ist, bin ich während dieser Zeit sehr glücklich.

kress.de: Nicht nur strahlende Sonne zählt zu den Markenzeichen des Filmfest München. Wie bereiten Sie sich konditionell eigentlich vor, um auch tatsächlich auf den vielen Empfängen, Partys und Star-Begegnungen strahlen zu können?

Diana Iljine: Ich bin einfach glücklich, wenn all die Vorbereitung, die mein großartiges Team und ich geleistet haben, fruchtet. Da strahlt man dann ganz automatisch und der Adrenalinspiegel ist hoch. Ein bisschen Sport und Yoga übers Jahr gehören natürlich auch zum Programm. Und ich glaube, es ist auch wichtig, dass man von der Familie unterstützt wird.

kress.de: Was ist Ihr wichtigster Tipp, um auch nach den ersten paar Festivaltagen noch genug Atem für die Mitte und den Endspurt in petto zu haben?

Diana Iljine: Mein wichtigster Tipp lautet: Sich die Zeit nehmen und auch Filme anschauen! Denn um die geht es natürlich primär. Ich mache das hauptsächlich im Vorfeld, aber ein Q&A im Kino oder ein Filmmakers-Live!-Gespräch zu erleben und den Enthusiasmus von allen zu spüren, vom Publikum und den Filmemachern, das ist großartig – und gibt mir Kraft.

kress.de: München gilt als großes Publikumsfestival für Kino- und Fernsehfans, aber auch als wichtiger Branchentreff, auf dem Kreative auch Kontakte anbahnen und Geschäfte machen. Wie schwer ist es, als Festivalchefin diesen Spagat hinzubekommen?

Diana Iljine: Es gibt tatsächlich zum Teil etwas unterschiedliche Erwartungen. Die einen wollen vor allem Stars und Hollywood an der Isar, die anderen sind Filmliebhaber und suchen beim Festival nach den verborgenen Schätzen – und das gilt sowohl fürs Publikum also auch für die Presse. Beide versuchen wir glücklich zu machen und auch die Stars kommen bei uns ja immer mit tollen Filmen im Gepäck. Und die Branche kommt ja deshalb besonders gerne zu uns nach München, weil sie hier auf der einen Seite ein cinephiles Publikum erwartet, aber gleichzeitig im Biergarten in wunderbar entspannter Atmosphäre neue Projekte verhandeln kann. Dafür haben wir jetzt mit dem neuen CineCoPro Award ein weiteres Networking-Tool geschaffen, das uns schon bald zu einem "Home of Co-Production" machen wird.

"Weiterentwicklung bedeutet nicht unbedingt Wachstum in Zahlen, sondern inhaltliche Veränderung, um relevant zu bleiben."

kress.de: Zuletzt war viel von der zunächst unerwarteten, großzügigen Ankündigung der bayerischen Staatsregierung zu hören, das Filmfest mit einer kräftigen Finanzspritze neu auszurichten. Bei Geld sagt man nicht nein. Doch wie knifflig ist es, einen guten Wachstumskurs zu finden?

Diana Iljine: Das ist eine sehr gute Frage: Denn Weiterentwicklung bedeutet ja nicht unbedingt Wachstum in Zahlen, sondern inhaltliche Veränderung, um relevant zu bleiben, um weiterhin ein Leuchtturm in der Festivallandschaft und Medienlandschaft zu sein. Da haben wir ja dieses Jahr bereits erste Projekte umsetzen können, mit dem schon erwähnten CineCoPro Award und einem VR Track mit internationalem Wettbewerb und der ersten eigenen Retrospektive eines VR-Studios. Und wir haben Ideen, die wir nach dem Filmfest in Ruhe weiterentwickeln werden, auch zusammen mit externen Spezialisten.

"Serien sind mittlerweile einfach die Erzählform unserer Zeit."

kress.de: Zuletzt hat München immer mehr TV-Serien angezogen. Auf anderen Festivals verwehrt man sich zunehmend gegen Produktionen von Netflix, Amazon Prime & Co. Könnte das eine wichtige Sparte sein, in der Sie das Festival weiter wachsen lassen wollen?

Diana Iljine: Das Filmfest München war mit Rotterdam das erste Festival überhaupt, das Serien auf der Leinwand gezeigt hat. Für uns ist das also nichts Neues. Wir zeigen auch in diesem Segment herausragende Produktionen, bildgewaltige TV-Stoffe, die wir auf der großen Leinwand präsentieren, das ist unser Entscheidungskriterium. Und Serien sind mittlerweile einfach die Erzählform unserer Zeit – mit einer riesigen Fangemeinde.

kress.de: Bayern fördert die Gaming-Szene. Welchen Platz könnten virtuelle Welten auf einem Kinofestival finden?

Diana Iljine: Wir haben ja schon damit begonnen. Ich bin sehr gespannt, wie das Publikum auf die Virtual Worlds reagieren wird, die wir dieses Jahr mit dem Bayerischen Filmzentrum zusammen erstmals als Teil des Filmfest-Programms präsentieren. In der Branche ist das Interesse auf jeden Fall schon sehr groß. Wir arbeiten an den Schnittstellen, genau dort, wo Gaming und immersives Storytelling aufeinandertreffen.

kress.de: Können Sie sich den Tag vorstellen, an dem individuelle Abende mit der VR-Brille einen Kinobesuch endgültig ablösen werden?

Diana Iljine: Vielleicht nicht komplett ablösen, aber sie erweitern unsere Erfahrungswelt durch eine ganz neue Art von Erlebnis. VR hat sich in den vergangenen Jahren ja schon enorm weiterentwickelt und da erwarte ich noch viel. Wir können bei den VR-Experiences heute schon intensiv in andere Welten eintauchen – seien sie real, im Sinne von dokumentarisch oder komplett fiktional und animiert. Das sind sehr spannende Entwicklungen, die sich da im immersiven Storytelling zeigen, die wir als Festival auf jeden Fall ganz nah begleiten möchten.

"Wir sehen uns nicht in Konkurrenz zu Berlin."

kress.de: Wenn es um Festival geht, ist natürlich auch viel die Rede vom Wettbewerb. Primär geht’s ja wohl um die Konkurrenz um die besten Filme und bekanntesten Stars. Aber wie sehr kann München dem A-Festival Berlinale die Zähne zeigen?

Diana Iljine: Wir sehen uns nicht in Konkurrenz zu Berlin. Wir sind anders ausgerichtet und finden im Sommer statt, schon allein deshalb gibt es da kaum eine Konkurrenz-Situation. Wir haben hier den Luxus, dass das Publikum die Stars hautnah erleben kann. Dass wir als Festivalmacher uns gegenseitig beobachten und die Reihen genau analysieren, ist normal, wichtig und gehört zum Geschäft.

kress.de: Vor Ihrem Wechsel zum Filmfest München waren Sie selbst für hiesige Fernsehhäuser tätig. In wie weit ist die Münchner Medienlandschaft eine Kraftquelle für das Festival?

Diana Iljine: Die Filmstadt München und der Medienstandort Bayern sind eine enorme Kraftquelle und auch Treiber für das Festival. Wir haben in München neben großen Sendern und – ganz nebenbei bemerkt auch großen Arbeitgebern wie dem bayerischen Rundfunk und Sky – auch große international agierende Firmen. In der Branche nennen wir das gerne das Münchner ABC, also ARRI, Bavaria und Constantin. Es gibt in München und Bayern zahlreiche weitere Firmen, Verleiher und Weltvertriebe, die ganz weit oben im Filmgeschäft mitmischen. Sie alle unterstützen uns immer wieder – teilweise als langjährige Partner des Festivals, wie unser Hauptsponsor Tele5. Das freut und hilft uns natürlich sehr.

kress.de: Sie hatten sich ja seit Ihrem Antritt einige Ziele vorgenommen, das Filmfest behutsam, aber doch bestimmt auch zu öffnen und zu verändern. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?

Diana Iljine: Gut. Wir haben nach einer Programmstruktur-Reform unter dem Motto "Weniger ist mehr" und der voranschreitenden Digitalisierung unserer Kommunikation und jetzt auch im Bereich Ticketing das Filmfest deutlich verändert und noch bekannter gemacht. Nun machen wir uns an die Zukunft, um weiterhin zeitgemäß und relevant zu bleiben. Nicht leicht, aber machbar bei so einem Team!

kress.de: Wenn Sie auf die Stationen Ihrer Berufslaufbahn zurückblicken: Wo haben Sie am meisten gelernt und welche Persönlichkeiten haben Sie im Rückblick entscheidend geprägt?

Diana Iljine: In erster Linie liebe ich das Kino und konnte in all meinen beruflichen Stationen mit Filmen arbeiten. Neben meinem sehr emanzipierten Vater wurde ich in meiner Karriere sehr gefördert durch die Ö3-Legende und den Theaterintendanten Rudi Klausnitzer. Dann durch meine Chefs bei RTL2: Gerhard Zeiler und Christoph Mainusch. Seit 2011 genieße ich das Vertrauen der Gesellschafter der internationalen Münchner Filmwochen GmbH. Auch dahinter stehen prägende und beeindruckende Persönlichkeiten wie der scheidende Kulturpolitiker Dr. Georg Küppers, Oberbürgermeister Dieter Reiter und Ministerpräsident Dr. Markus Söder. Die Frauennetzwerke funktionieren ebenfalls gut: Empfohlen für die Bewerbung als Filmfest-Chefin wurde ich von Bettina Reitz, der Präsidentin der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film.

kress.de: Was bringt Sie auf die besten Ideen?

Diana Iljine: Zeit, Raum und ein tolles Team. Dann kann man ein kreativer Topmanager sein.

"Für mich ist der Sog, den ein guter Film in einem dunklen Saal entwickeln kann, einfach unwiderstehlich."

kress.de: Sind Kino-Fans wirklich so lichtscheu, wie man ihnen immer unterstellt? Wie sieht das bei Ihnen aus?

Diana Iljine: Einem echten Filmfan ist es egal, ob draußen gutes Wetter ist. Für mich ist der Sog, den ein guter Film in einem dunklen Saal entwickeln kann, einfach unwiderstehlich.

kress.de: Wenn der ganz große Wirbel vorbei ist: Auf welchen Moment des Durchatmens freuen Sie sich jetzt schon am meisten?

Diana Iljine: Nach dem Filmfest-Marathon feiern wir am letzten Abend mit dem Team und tanzen ausgelassen in die Nacht.

kress.de: Und wie und wo tanken Sie dann Ihre Kraftreserven wieder auf?

Diana Iljine: Direkt nach dem Filmfest ist kurz Durchatmen angesagt. Dann folgt die Nachbereitung des Filmfests und danach die Sommerferien mit meiner Familie und Freunden in Frankreich. Dann geht’s wieder ins Kino, um die Filme für das nächste Jahr zu sichten.

kress.de: Sie führen ein "kressköpfe"-Profil. Wie wichtig ist das Netzwerken für Sie?

Netzwerken ist schon immer Teil meiner Persönlichkeit und fällt mir leicht. Gelegenheiten nutzen und etwas zurückgeben an die Menschen, die einem helfen oder an andere Menschen, ist wunderbar und das gilt nicht nur für die berufliche Laufbahn.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Diana Iljine: kress ist extrem aktuell. Respekt. Man gewinnt einen sehr guten Überblick über die gesamte Medienbranche.

kress.de-Tipp: Alle Informationen zum Programm und zu den Publikums- wie Branchenveranstaltungen auf dem Filmfest München finden Sie hier.

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