Exklusiv: Vertrauensbruch in der SZ-Chefredaktion

 

Bei einer Redaktionsvollversammlung gehen die "Süddeutsche Zeitung"-Chefredakteure Kurt Kister und Wolfgang Krach auf Distanz zur Digitalchefin Julia Bönisch.

Die schwelende Kontroverse um einen Debattenbeitrag der SZ-Digitalchefin Julia Bönisch hat einen neuen Höhepunkt erreicht. In der alljährlichen Redaktionsvollversammlung der "Süddeutschen Zeitung" am Montag (24. Juni) gingen die beiden SZ-Chefredakteure Kurt Kister und Wolfgang Krach Bönisch vor mehr als 150 RedakteurInnen auf Distanz zu Bönisch. Es sei durch Bönischs Beitrag zu einem "Vertrauensbruch" innerhalb der SZ-Chefredaktion gekommen, von dem man nicht wisse, ob und wie er wieder zu heilen sei, sagten Kister und Krach in Redebeiträgen. Die Aussagen werden kress.de auch von mehreren SZ-RedakteurInnen bestätigt. In einer für kress.de verfassten Stellungnahme verweist die SZ-Chefredaktion auf "interne Vorgänge", die man "auch intern führen" wolle.

In dem Anfang Mai erschienenen sechsseitigen Beitrag für das Branchenmagazin "Journalist" hatte Bönisch unter der Rubrik "Mein Blick auf den Journalismus" unter anderem die strikte Trennung von Redaktion und Verlag in Frage gestellt, die jedoch im SZ-Redaktionsstatut von 1971 zwingend vorgeschrieben ist. Auch hat sie in dem Text - kaum verholen - den Führungsstil ihrer beiden Chefredakteurskollegen Kister und Krach als unmodern und überkommen kritisiert. Den Transformationsprozess in den Medien reduzierte sie auf einen Konflikt zwischen rückständigen mittelalten Männern und digital und modern denkenden jungen Frauen, die "für Veränderung" stünden. Statt sich um Schönschreiberei, Texte und ums Blattmachen zu kümmern, müsse eine Medien-Führungskraft von heute sich mehr dem Workflow, den Prozessen und ihrer Optimierung annehmen. Kurz gesagt: brauche man mehr "gute Manager an der Spitze von Redaktionen". Als solche sieht sich Bönisch offenbar auch selbst. 

Redaktionsleitungen, die "sich ausschließlich über Inhalte" definierten, gehörten hingegen "zunehmend der Vergangenheit" an, schlussfolgerte Bönisch. Früher seien diejenigen Kollegen zum Ressortleiter befördert worden, die die "besten und wuchtigsten Texte schrieben", so Bönisch. Eine Sequenz, die innerhalb der Redaktion klar als auf den wortgewaltigen Chef Kurt Kister gemünzt verstanden wird. Auch Verteter der Seite drei, die von jeher für sich in Anspruch nimmt, die besten und am schönsten aufgeschriebenen Artikel im Land zu veröffentlichen, fühlten sich übel angegangen, wie Redebeiträgen auf der Redaktionsvollversammlung zu entnehmen gewesen sei. Dies versichern Teilnehmer gegenüber kress.de.

Gegen den peniblen Blattmacher Krach wird Bönischs Einlassung interpretiert, sie halte es "in dieser Zeit für ebenso wichtig, dass ein Chefredakteur, der sich mit der Bildunterschrift auf Seite 7 beschäftigt, sich der Frage stellt, wie sein Haus profitabel arbeitet".

Die Aussagen der Digitalchefin hatten bereits am 9. Mai in der großen Redaktionskonferenz für viel Unmut in der Redaktion und auch beim Betriebsrat gesorgt. Es sei schon "merkwürdig, dass Julia Bönisch in ihrem Text offenbar unter moderner Führung versteht, einen großen Teil der Belegschaft gegen sich aufzubringen", wird der langjährige Redakteur und Betriebsrat Franz Kotteder in der "taz" zitiert. Rückhalt hat die Onlinechefin gegenwärtig nur noch in der in einer eigenen Gesellschaft ausgegliederten Online-Redaktion, die argwöhnisch den eingeleiteten Prozess der Verschmelzung mit der Printredaktion beäugt und in Bönisch offenbar eine Sachwalterin ihrer Interessen sieht.

Bönisch entschuldigte sich am Montag in der Redaktionsvollversammlung für einen Teil der Formulierungen. Sie habe niemanden verletzen wollen. Ähnlich hatte sie sich schon zuvor geäußert. Inhaltlich jedoch rückte sie nicht von ihren Standpunkten ab. Schon in ihrem Beitrag hatte sie geschrieben: "Für manchen Kollegen in der Branche bin ich ein Affront. Frau, Onlinerin, noch keine 40." Im Netz hatte sie für ihre Thesen auch Zustimmung erfahren, so etwa von Chefredakteurskolleginnen wie Hannah Suppa von Madsack. Was Bönisch über Transformation, Management, Führung und  Zusammenarbeit gesagt habe, sei "richtig & wichtig", so Suppa.

Weder Krach und Kister noch Bönisch wollten sich persönlich zu der Kontroverse äußern. Als Chefredaktion verfassten sie eine gemeinsame Stellungnahme, in der beide Seiten weder auf die inhaltlichen noch auf die persönlichen Konflikte eingingen.

Hier die Stellungnahme im Wortlaut:

"Der Text, aber auch die Umstände seiner Veröffentlichung, haben redaktionsintern eine kontroverse Debatte ausgelöst. Solche Debatten werden derzeit unter den verschiedensten Vorzeichen in vielen Medienhäusern geführt; dies hängt auch mit dem grundlegenden Wandel zusammen, dem Medien unterworfen sind. Weil die Debatten innerhalb der SZ-Redaktion aber interne Debatten sind, wollen wir als Chefredaktion diese Debatte auch intern führen."

Zur Person: Julia Bönisch, gebürtig aus Gelsenkirchen, ist seit 2007 bei Onlineredaktion der SZ und war zunächst für Bildungsthemen zuständig; 2010 wurde sie Chefin vom Dienst. Seit 2017 Chefredakteurin von sueddeutsche.de. Im Mai 2018 wurde sie in der Nachfolge von Stefan Ottlitz (vormals Plöchinger) in die Gesamtchefredaktion der Süddeutschen Zeitung berufen, der schon seit langem Kurt Kister und Wolfgang Krach angehören.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem Newsletter "kressexpress". Kostenlos abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf

Burkhard P. Bierschenck

27.06.2019
!

Die Diskussion ist leider etwas zweischneidig. Die Formulierungen von Frau Böhnisch sind teilweise läppisch, das entwertet die ganze Sache. Man muss eben auch gut schreiben können. Was aber stimmt, und das merkt man leider auch dem Print-Objekt seit längerem an, dass die Qualität der SZ - höflich gesagt - schwankt. Dazu das abschreckende User-Interface beim e-paper. Generationswechsel sollten nicht zu spät erfolgen.


Bernd Hagemann

27.06.2019
!

Unabhängig davon, ob Frau Bönisch Recht hat oder nicht, der Stil ist mies! Wenn sie etwas verändern will, gibt es andere Wege, als den öffentlichen Frontalangriff. Vielleicht ist Frau Bönisch dafür allerdings wirklich noch zu jung. Die Art und Weise kommt vielleicht bei den "hippen" Onlininern an, aber ansonsten eher nicht. Eines ist sie ganz sicher: Frau Bönisch ist viel zu unerfahren, wenn es um Führung und Management geht! Da ist noch viel Luft nach oben.


Silvia Schopf

27.06.2019
!

Frau Böhnisch sagt leider auch nicht, was im Onlinejournalismus wichtig ist. Weiß Sie es?


Jochen Kruse

27.06.2019
!

Schon toll, wie Frau Bönisch zwei Dinge instrumentalisiert, für die sie nichts kann: ihr Geschlecht und ihr Alter.


Tom

27.06.2019
!

"Redaktionsleitungen, die "sich ausschließlich über Inhalte" definierten, gehörten hingegen "zunehmend der Vergangenheit" an"
Wäre ja noch schöner, guter Journalismus im Verlag, so wie ein Sternekoch, der sich um Spitzenzutaten und Geschmack seiner Gerichte kümmert. Totaaal von gestern. Hauptsache die Kohle stimmt. Wer solche Personen wie Frau Bönisch in Führungspositionen bringt, schaufelt sich sein eigenes Grab - wie man an vielerlei Beispielen in der Medienbranche gerade beobachten kann


Jessy Asmus

27.06.2019
!

Es stimmt nicht, dass sich alle distanzieren. Es ist eine Meinung und eine Meinung ist kein Urteil. Ich denke, das Ehrlichkeit die wichtigste Tugend des Journalismus ist - oder im Münchner Wohnungsmarkt Jargon formuliert: in einer Wohngemeinschaft kann man sich gut arrangieren lernen. Es war ein Rückblick auf den Start der digitalen Zeitung. Lassen wir uns alle überraschen, was auf uns zu kommt.


Martin Virtel

27.06.2019
!

Kister und Krach führen ein Rückzugsgefecht. Chefredakteure, (und -redakteurinnen), die schlecht managen und sich nicht um die wirtschaftliche Seite ihres Mediums kümmern, brauchen Verstärkung von Menschen wie Julia Bönisch. Menschen, die den Mut haben, gegen die Betriebsblindheit von "wie müssen so schreiben, dass wir es selber toll finden, dann werden die Leser es schon kaufen" vorzugehen.


Hans

28.06.2019
!

In Ihrem Text behaupten Sie, Bönisch schriebe: "Statt sich um Schönschreiberei, Texte und ums Blattmachen zu kümmern, müsse eine Medien-Führungskraft von heute sich mehr dem Workflow, den Prozessen und ihrer Optimierung annehmen." Sie schreibt aber im Originaltext nicht "statt", sie schreibt: "nicht mehr nur" --- und zack, da haben wir das Problem, dem offenbar auch manche SZ-Leute erlegen sind. Mit Schaum vor dem Mund diskutiert es sich schlecht.


Andrea Bold

29.06.2019
!

Ich habe die SZ seit vielen Jahren abonniert. Dass Frau Bönisch nicht schreiben kann, ist aus jedem "Brief aus der Chefredaktion" ersichtlich. Vielleicht hielt sie es deshalb für nötig, sich in ihrem Interview im "Journalist" so über ihre Kolleg*innen aus der Printredaktion zu erheben? Chef*in sein bedeutet, zu integrieren, seinem Team den Rücken freizuhalten und die Gegenwart und Zukunft zu gestalten. Nichts davon lese ich in ihrem Interview. Nur Miesmachen von Kolleg*innen. Mehr Inhalt bitte.


Wilfried Platten

01.07.2019
!

Inhaltlich auf die sich dramatisch ändern Anforderungsprofile und Qualitätskriterien von Redaktionsleitungen bezogen ist das ein richtiger Impuls. Das aber in den Pseudo-Konflikt-Kontext Alt/Mann vs. Jung/Frau zu betten entwertet leider die Initiative. Damit hat Sie Ihrem Anliegen einen Bärendienst erwiesen weil Sie es einfach macht, auf diesen Nebenkriegsschauplatz auszuweichen.


jetztschreiben

02.07.2019
!

In einem Medienhaus offen Kritik zu üben ist der schnellste Weg in die Freiheit. Es gab ein Interview - ich meine sogar bei heise - mit einem Personalentwickler desselben Unternehmens. Nach der Veröffentlichung dieser erschlagend ehrlichen Antworten war der gute Mann auch schon freigestellt. Soll der mündige Informationskonsument sowas nicht bei der Informationsauswahl berücksichtigen?


X

Kommentar als bedenklich melden

 
×

Bestätigung

Dieser Kommentar wurde erfolgreich gepetzt.

×

Oooooooooops

Beim Petzen trat ein Fehler auf. Versuchen Sie es bitte noch einmal.

Inhalt konnte nicht geladen werden.