Kolumne: Wo gibt’s noch Jobs im Journalismus?

 

Die Stellensuche scheint schwieriger geworden zu sein. Gleichzeitig werden jede Woche hunderte Jobs für Medienprofis neu ausgeschrieben. Die Angebote haben sich aber spezialisiert, werden technischer und betriebswirtschaftlicher. Mediencoach Attila Albert über Trends im Stellenmarkt.

Viel diskutiert wurde in diesen Tagen die Stellenanzeige einer Kölner Zeitungsgruppe, die eine Redakteursstelle in ihrem Newsroom auf 450-Euro-Basis ausschrieb. Dafür gewünscht: Abgeschlossenes Studium, Volontariat sowie mehrjährige journalistische Erfahrung in einer Redaktion. Der Verlag beeilte sich nach der folgenden Empörung, den Anzeigentext umzuschreiben - es habe sich um einen Fehler gehandelt. Gleichwohl wissen natürlich alle, die schon länger in der Branche sind, dass sich die Zeiten geändert haben. 

Bewerber in der mittleren Altersgruppe (30-50) stellen sich heute meist 60 000 bis 80 000 Euro Jahresgehalt vor. Für renommierte Journalisten mit fachlicher Spezialisierung ist das noch immer erzielbar, erfordert aber meist einen Direktkontakt zum Chefredakteur. Das HR sortiert diese Bewerber nicht selten bereits vorab aus, da viele Verlage eher mit 35 000 bis 50 000 Euro planen. Daneben scheinen auch die Angebote an sich spärlicher geworden zu sein. Mancher fragt sich: Wo gibt es überhaupt noch Jobs im Journalismus?

Marketing mit mehr Jobs als PR und Redaktion

Die sehr empfehlenswerte Stellenübersicht von kress, auch als Newsletter abonnierbar, listet jeder Woche mehr als 300 neue Stellen aus den Bereichen Marketing, Redaktion, PR und angrenzenden Gebieten auf. Im klassischen Journalismus sind diesmal drei Führungs-, 15 Mitarbeiter- und sechs Praktikanten-Stellen hinzugekommen. Im Umfang liegt die Redaktion damit inzwischen meist gleichauf mit der PR, im Marketing-Bereich (z. B. Texter für Agenturen und Firmen) werden fast immer wesentlich mehr Mitarbeiter gesucht.

Trotz aller Klagen finden sich damit noch immer interessante Stellen in den klassischen Ressorts von Lokal- und Regionalzeitungen, bei Magazinen aller Art und bei den großen überregionalen Titeln. Neben Text- und Videoredakteuren werden oft flexible Generalisten (Multimedia-Redakteure) gesucht. Gerade waren unter anderem ausgeschrieben: Ein Ressortleiter für Reise und Gastronomie, ein Chef vom Dienst am Newsdesk und spezialisierte Redakteure für Lifestyle, Ratgeber, Medizin, Mode sowie Lokales. Nachteil: Tendenziell sinkende Gehälter und Job-Vergabe nicht selten nur über Kontakte.

Fokus auf weiche, konsumnahe Themenfelder

Inhaltlich zeigt sich im Stellenmarkt das gleiche Bild wie in jedem Zeitungsgeschäft: Eine überwältigende Mehrheit für weiche, konsumnahe Themenfelder. Es gibt nun einmal deutlich mehr Frauen-, Lifestyle-, Fach- und Spezialzeitschriften als politische und kulturelle Magazine oder Reportagehefte. Ihre Auflagen und die Anzeigeneinnahmen sind höher, damit die Zahl der Planstellen. Wer sich also dafür interessieren kann, hat hier deutlich mehr Auswahl als bei einem Fokus auf News, Politik, Sport. Das Wirtschaftsressort stellt eine interessante Mischform dar - mit besonderen Chancen insbesondere für Frauen.

Lokalverlage erwarten meist einen Umzug

Lokalverlage erwarten in ihren Ausschreibungen fast durchweg den Umzug in die Einzugsregion, um "nah bei Land und Leuten" zu sein. Halbherzige Zusagen - "erst pendeln, dann schauen wir weiter" - rächen sich oft schon nach wenigen Monaten. Der Arbeitgeber bemängelt die geringe Verfügbarkeit für Termine am Abend bzw. an Wochenenden. Der Partner beklagt die ständige Abwesenheit und die Kosten durch zwei Wohnsitze. Denjenigen, die nur in der Großstadt glücklich sind, vermissen ihr Umfeld. Nicht selten führt solch eine belastende Situation nach kurzer Zeit zur vorzeitigen Vertragsbeendigung.

Bewerbungen empfehlen sich hier damit nur, wenn Sie sowieso in die Region ziehen wollten und sicher sind, in einer mittelgroßen oder kleinen Stadt glücklich werden zu können. Zudem sollte Ihr Partner nicht nur passiver Unterstützer sein, sondern diesen Schritt als Teil seines eigenes Lebensplanes begrüßen. Besprechen Sie diese Option früh gemeinsam und verbringen Sie einige Wochenenden gemeinsam in einer Ferienwohnung vor Ort. Wenn Sie Zweifel haben, verzichten Sie auf den Kompromiss oder nehmen Sie das Angebot bewusst nur als kurzzeitige Überbrückung für einige Monate an und planen Sie entsprechend.Viele

Chancen bei inhaltlicher Spezialisierung

Ein oft weniger beachteter, aber ebenfalls interessanter Stellenmarkt findet sich bei den meist mittelständig geprägten Fach- und Spezialverlagen. So werden aktuell u.a. leitende Redakteure für Fachmagazine über Physik und Krebsimmunologie, ein Redakteur für ein populärwissenschaftliches Magazin, ein Crossmedia-Redakteur für das Themengebiet Pflanzenbau und ein Redakteur für Bildungsmedien für Chemie und Biologie gesucht.

All das sind keine Themengebiete, in die man einfach so wechselt, weil bei den News keine Stelle frei war. Sie setzen Fachwissen voraus, oft auch entsprechende Studienabschlüsse. Gleichzeitig sind sie für Journalisten zugänglich, die sich über mehrere Jahre auf ein ähnliches Gebiet spezialisiert haben und als Experte gelten. Für Berufseinsteiger mit entsprechendem Interesse empfiehlt es sich, hier gleich ein Fachstudium zu wählen. Der Vorteil in diesem Segment: Die Zahl der geeigneten Mitbewerber ist oft sehr klein.

Medien für jüngere oder ältere Altersgruppen bieten weitere interessante Möglichkeiten. Aktuell gesucht werden beispielsweise ein Beauty- und Moderedakteur und ein Online-Redakteur für ein Jugendportal sowie ein Lektor für Kinder- und Jugendbücher. Umgekehrt gibt es regelmäßig Angebote von Magazine und Webseiten für Leser über 50. Diese Spezialisierungen setzen natürlich ein gewisses Interesse an der Zielgruppe voraus, eigene Betroffenheit (z. B. selbst Kinder) macht es oft leicht, sich hineinzufinden.

Vor allem im PR- und Marketing-Bereich findet sich ein weites Feld vom Videojournalismus über SEO-Texte (Schreiben mit Optimierung für Suchmaschinen) bis zu Marketing-Content. Die Besonderheit hier ist, dass die journalistische Arbeit einem klar definierten betriebswirtschaftlichem Ziel folgt, das verstanden und akzeptiert werden muss, sowie ein technisches Verständnis und Interesse voraussetzt. Aktuell gesucht werden z. B. ein Redaktionsleiter für Autothemen, ein SEO-Redakteur, ein Spezialist für App-Content.

Auf den ersten Blick mögen diese Veränderungen des Arbeitsmarkts überwältigend sein. Doch sie stehen gleichzeitig für Ihre Chance, etwas zu finden, dass exakt zu Ihnen passt - vielleicht besser als der Generalisten-Job im Newsroom oder weitere zehn Jahre in der Lokalredaktion. Seien Sie deshalb offen und interessiert, wenn Sie sich beruflich verändern wollen. Es gibt noch immer mehr Chancen, als es auf den ersten Blick scheinen mag.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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