Wieso ich nicht? Michael Jürgs ist tot

05.07.2019
 

"Ich habe so viel Schönes erlebt. Die Erinnerungen haben mir geholfen, manche dunklen Nächte zu überleben. Irgendwann habe ich nicht mehr gefragt: Wieso denn ich? Sondern die Antwort gefunden: Wieso ich nicht? Danach war ich gelassen." Dies sagte Michael Jürgs vor ein paar Monaten im "kress pro"-Interview. Nun ist der Publizist im Alter von 74 Jahren gestorben.

Der Publizist und frühere "Stern"-Chefredakteur Michael Jürgs ist tot. Er starb nach langer Krankheit in der Nacht zu Freitag in Hamburg im Alter von 74 Jahren, wie seine Frau Nikola Jürgs gegenüber dpa bestätigte. Der Journalist hatte in der Medienbranche den Ruf, ein ausgezeichneter Rechercheur und scharfer Beobachter zu sein, wusste mit seinen Standpunkten aber auch zu provozieren. 2019 wurde Jürgs der renommierte Theodor-Wolff-Preis der deutschen Zeitungen für sein Lebenswerk zuerkannt.

"Ich wollte immer nur Journalist werden, (...), weil ich daran glaubte und noch heute daran glaube, dass man mit Worten die Welt verändern kann", sagte Jürgs im April 2019 dem "Spiegel". Er war rund ein Jahr zuvor an Krebs erkrankt. Jürgs war fast 50 Jahre lang verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

"Ich kenne und schätze, nein, bewundere Michael seit 56 Jahren. Dass er ein journalistisches Urgestein werden sollte, konnte ich seinerzeit nicht ahnen", sagte der Publizist und frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann in seiner Laudatio zur Verleihung des Theodor-Wolff-Preises Ende Juni in Berlin, zu der Jürgs bereits nicht mehr anreisen konnte. Jürgs und Naumann lernten sich in jungen Jahren in München kennen.

Jürgs, am 4. Mai 1945 in Ellwangen geboren, begann seine journalistische Karriere 1965 bei der Münchner "Abendzeitung", als Volontär mit abgebrochenem Studium. Drei Jahre später, im Alter von 23 Jahren und inmitten der gesellschaftspolitischen 68er-Bewegung, wurde er kurzzeitig Feuilletonchef des Blattes. 1976 wechselte er als Ressortleiter Unterhaltung zum "Stern" in Hamburg und stieg zum Chefredakteur auf (1986 bis 1990).

Nach einem Leitartikel zur deutschen Wiedervereinigung wurde der diesbezügliche Skeptiker Jürgs abgelöst. Er war anschließend als Chefredakteur des Magazins "Tempo" sowie kurzzeitig als Co-Moderator der NDR-"Talk Show" tätig, bevor er sich ganz eigenen Publikationen widmete.

Einen Namen machte sich Jürgs auch durch etliche Bücher, darunter Biografien über die Schauspielerin Romy Schneider, den Verleger Axel Springer und den Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass.

Julia Jäkel, CEO des stern-Verlags Gruner + Jahr, sagte am Freitag: "Mit Michael Jürgs verlieren wir - und mit 'wir' meine ich den Verlag Gruner + Jahr, den deutschsprachigen Journalismus und auch unser Land - einen der großen, aufrechten Journalisten. Einer, der leidenschaftlich und unbeirrbar die Wahrheit und die gute Geschichte suchte und beides immer wieder fand: in den politischen Verhältnissen wie auch in den Biografien außergewöhnlicher Menschen." Jäkel persönlich werde seine Anfeuerungen vermissen, sein Anteilnehmen am heutigen Blattmachen, seine Anrufe und Kurznachrichten, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit.

"kress pro" hat Michael Jürgs Ende 2018 interviewt. Das Gespräch geben wir hier ungekürzt wieder:

"kress pro": Michael Jürgs, was machen Sie im Moment?

Michael Jürgs: Ich lese die Fortsetzung von Florian Illies' Buch "1913", ich spiele Klavier, eine Sonatine von Mozart, oder schaue in den Himmel und hoffe, dass ich ihn noch lange sehe.

"kress pro": Welche Reaktionen haben Sie auf Ihren "Handelsblatt"-Essay bekommen, in dem Sie die Lage des Journalismus mit Ihrer eigenen "Deadline" verknüpfen?

Michael Jürgs: Es waren bestätigende, teils sehr berührende Rückmeldungen dabei - von Kollegen, Verlagsmanagern und Politikern jeder Couleur, rechts außen einmal ausgenommen, die gesagt haben, sie beten für mich. Es gab aber auch Menschen, die mit dem Gemüt eines Schlachters gefragt haben, ob ich nicht eine Krebskolumne schreiben möchte. Die haben nichts verstanden. Oder die mich zu TV-Talks über den Journalismus einladen wollten. Ich wusste, wenn ich da hingehe, lautet das Thema: "Michael Jürgs, Ex-'Stern'-Chefredakteur, hat Krebs." No way.

"kress pro": Warum haben Sie den Text geschrieben? Viele sprachen hinterher von einem Vermächtnis. Ein Wort, das Sie bestimmt hassen, oder?

Michael Jürgs: So ist es. Nennen wir es lieber vorletzte Worte. Ich wollte einfach noch etwas über unseren Beruf von mir geben. Außerdem hatte ich gehört, dass andere über meine Erkrankung schreiben würden. Das wollte ich selbst machen, mit einer Portion Selbstironie.

"kress pro": Der Essay macht Mut, weil Sie erfolgreiche Ansätze vorstellen, die den Journalismus auf der ganzen Welt vital halten. Explizit loben Sie Verlagsmanager, die wahnsinnige Marketingideen aus dem Hut zaubern, damit aber den Kern ihres Geschäfts schützen.

Michael Jürgs: Ja, denn ich habe das Jammern satt. Man muss hin und wieder das Wagnis riskanter Entscheidungen eingehen. Und man muss langfristig investieren: in Recherche, in Enthüllungen, selbst wenn man dann nur noch ein paar Mal im Jahr bei der Aktualität in der ersten Reihe steht.

"kress pro": Bis zu welchem Punkt sind Nebengeschäfte für Sie okay?

Michael Jürgs: Ich akzeptiere alles - von Waffenhandel einmal abgesehen -, solange einer Redaktion nicht reingeredet wird. Das ist die Bedingung. Wenn dadurch unsere Profession geschützt wird, kann ein Verlag meinetwegen auch Thermomixer verkaufen. Natürlich kommt das Geld aber allzu oft auch nur der Rendite zugute, da braucht man nicht romantisch sein.

"kress pro": Arbeiten Sie an neuen Buchprojekten?

Michael Jürgs: Ja. Eines heißt "Lesen, Leute, lesen! - Wie Bücher gegen die Verrohung der Gesellschaft helfen". Ein schwieriges Thema, das aber Spaß macht, weil ich mit jenen Menschen abrechnen kann, die dazu beitragen, dass wir verblöden. Ich denke dabei immer an Augsteins berühmten Satz, wer schreibt, der bleibt. Obwohl ich weiß, dass mir so viel Zeit nicht mehr bleibt.

"kress pro": Haben sich durch die Krebsdiagnose Ihre Pläne verändert?

Michael Jürgs: Ja, so ziemlich alle, weil es natürlich jederzeit sein kann, dass der erste Satz, den ich an einem Text schreibe, der letzte ist. Andererseits: Wenn ich mich davon beeindrucken lassen würde, würde ich gar nichts mehr tun.

"kress pro": Wie geht es Ihnen heute?

Michael Jürgs: Den Umständen entsprechend. Nach vielen Wochen im Krankenhaus spiele ich wieder Klavier, gehe mit meiner Frau ins Kino oder ins Theater. Natürlich kann ich keine großen Reisen mehr unternehmen so wie früher. Umso mehr zehre ich aus den Erinnerungen. Ich bin froh, dass ich in meinem Leben nie etwas gekauft habe, keine Wohnung, kein Haus, sondern das Geld immer im Hier und Jetzt ausgegeben habe. Ich habe so viel Schönes erlebt. Die Erinnerungen haben mir geholfen, manche dunklen Nächte zu überleben. Irgendwann habe ich nicht mehr gefragt: Wieso denn ich? Sondern die Antwort gefunden: Wieso ich nicht? Danach war ich gelassen.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem Newsletter "kressexpress". Kostenlos abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.