Was Julia Bönisch Frauen in Führungspositionen rät

12.07.2019
 

Was muss man als Frau mitbringen, um sich in einer Führungsposition behaupten zu können? Die Antwort liefert Julia Bönisch, Chefredakteurin von SZ.de und Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, in einem Interview mit den Leipziger Public Relations Studierenden, das beim PR Report erschienen ist.

Ende 2018 wurden Sie in die Chefredaktion der SZ berufen. Was muss eine Chefredakteurin heute mitbringen, um den Herausforderungen des digitalen Wandels standhalten zu können?

Julia Bönisch: Man braucht vor allem ganz viel Leidenschaft. Wenn man die hat, kann man sich in fast jedes Thema einarbeiten, vieles ist natürlich learning on the job. Ich persönlich habe immer davon profitiert - und das mag banal klingen: Nachfragen! Man darf Dinge auch einmal nicht wissen und sie sich bei anderen abschauen. Die Neugier und Lust Aufgaben zu machen, die man sich früher nie hätte vorstellen können, ist enorm wichtig.

Was muss man als Frau mitbringen, um sich in einer Führungsposition behaupten zu können? 

Ich fürchte, Frauen brauchen ein dickeres Fell, obwohl man das in einer Führungsposition ja generell braucht. Man ist nicht immer "Best-Buddy" mit allen und ich habe den Eindruck, dass genau das Frauen manchmal schwerer fällt. Das hängt viel mit Erziehung und Sozialisation zusammen. Während Männer schon immer kompetitiv erzogen wurden, geht es bei Frauen darum "nett" zu sein. Immer soll man gefallen, lieb sein und bloß nicht auffallen. Wenn man dann als Frau plötzlich in der Position ist, in der es gar nicht darum geht, dass jeder einen mag, ist das manchmal ein Realitätsschock. Am Ende geht es darum, dass du den Laden im Griff hast und dass du ein Team oder eine Firma führen sollst, egal ob Mann oder Frau.

Zeitungsredaktionen stehen heute vor großen Herausforderungen. Schwindende Leserzahlen und mangelnde Zahlungsbereitschaft sowie der unbedingte Anspruch auf Schnelligkeit setzt auch Ihre Redaktion unter enormen Druck. Wie gelingt es der SZ heute und künftig, ein funktionierendes Geschäftsmodell aufrechtzuerhalten?

Unser Digitalabo wird sehr gut angenommen. Das war ein Weg, der nur über konsequent gute Inhalte, egal auf welchen Kanälen, gelungen ist. Als SZ haben wir im Gegensatz zu kleineren Häusern Mittel, die uns dabei helfen unser digitales Geschäft auszubauen und zeitgemäßen Journalismus zu betreiben. Wir waren mit unserem Paid-Content-Modell eines der ersten Häuser, die sich mit Digitalabos auf dem Markt etabliert haben und bieten den Menschen Inhalte, für die es sich lohnt zu bezahlen. Dinge, die unsere Leser weiter bringen im Leben, die sie weiterbilden und auch Themen, die sie unterhalten.

Wie sieht denn die Zukunft im Journalismus aus? Wird es schon bald keine gedruckte Zeitung mehr geben?

Wir sollten Print nicht unterschätzen. Wir haben weiterhin eine sehr hohe Auflage und Leser, die wir bedienen müssen. Es wäre fatal, wenn wir das nicht mehr täten. Wir müssen uns daneben aber ein neues Geschäftsmodell aufbauen, das auch trägt, wenn Print nicht mehr so stark ist - und das sind langfristig die Digitalabos. Wir sind da auf einem sehr guten Weg, dürfen jetzt aber keinesfalls nachlassen.

Die Digitalisierung stellt nicht nur das Geschäftsmodell der SZ auf den Kopf, sondern bringt auch starke Veränderungen für Ihre Mitarbeitenden mit. Wie erleben Mitarbeitende den digitalen Wandel im Unternehmen? Sicherlich gibt es auch Widerstände?

Ich glaube, dass Veränderungen für alle Mitarbeiter, egal ob Print oder Online, anstrengend sind. Es wäre schön, den Mitarbeitern mehr Sicherheit geben zu können, aber niemand weiß genau, wie unsere Arbeit in fünf Jahren aussehen wird. Natürlich gibt es manchmal Widerstände und Beharrungskräfte innerhalb der Organisation. Uns ist aber allen klar, dass wir mehr machen müssen in Hinblick auf unser digitale Strategie. Wir müssen mehr ausprobieren und uns gleichzeitig von liebgewonnenen Sachen trennen. Genau das ist die Schwierigkeit: Wir machen aktuell vieles on top, ohne andere Aufgaben wegzulassen. Das ist für Mitarbeiter eine große Belastung, da sie den Eindruck gewinnen ihrer Arbeit nicht mehr nachkommen zu können. Künftig müssen wir als Organisation entscheidungsfreudiger werden und auch den Mut beweisen, bestimmte Prozesse zu überdenken.

Hintergrund: Das Interview der Leipziger Public Relations Studierenden (LPRS) mit Julia Bönisch ist beim PR Report online erschienen. Der PR Report (aktuelles Heft) gehört wie kress.de zum Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Daniel Neuen.

Julia Bönisch, Digitalchefin der SZ, ist zuletzt intern in die Kritik geraten: Nach kress-Informationen gingen bei einer Redaktionsvollversammlung die "Süddeutsche Zeitung"-Chefredakteure Kurt Kister und Wolfgang Krach auf Distanz zu Bönisch. Stein des Anstoßes ist ein Debattenbeitrag Bönischs.

Zur Person: Julia Bönisch, gebürtig aus Gelsenkirchen, fing 2007 in der Onlineredaktion der SZ an und war zunächst für Bildungsthemen zuständig; 2010 stieg sie zur Chefin vom Dienst, 2017 zur Chefredakteurin von sueddeutsche.de auf. Im Mai 2018 wurde sie in der Nachfolge von Stefan Ottlitz (vormals Plöchinger) in die Gesamtchefredaktion der Süddeutschen Zeitung berufen, der schon seit langem Kurt Kister und Wolfgang Krach angehören.

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