Der Blick darauf, welcher Journalismus Menschen Geld wert ist, führt zu besserem Journalismus

16.07.2019
 

"Der Schwerpunkt und ein Großteil unserer Kraft, Zeit und Gedanken liegt im Digitalen", sagt Uwe Vetterick. Der Chefredakteur fährt bei der Sächsischen Zeitung seit einem dreiviertel Jahr eine digital-first-Strategie. Was er dabei gelernt hat und warum Algorithmen keine dunkle Macht sind.

"Ein Ziel dieser Umstellung war es, 1.000 Digital-Abonnenten im ersten Jahr zu gewinnen. Dieses Ziel hatten wir nach knapp vier Monaten erreicht. Inzwischen sind es 1600. Ob das Ziel jetzt hoch oder niedrig war, können wir gar nicht sagen, weil wir in unserer Liga bislang keine belastbaren Benchmarks einholen konnten", sagt Uwe Vetterick, Chefredakteur der Sächsischen Zeitung (DDV Mediengruppe) im Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

Vetterick will ein Muster bei Artikeln gefunden haben, die besonders gut funktionieren: "Wir nennen es die drei E-s. Uns helfen Geschichten, die emotional sind und exzellent im Sinne einer Tiefe, und die wir, drittens, nach Möglichkeit exklusiv haben." Emotionalität sei dabei das wichtigste Kriterium und Exklusivität, "für uns überraschend", das unwichtigste. Die Daten sendeten auch eine gute Botschaft: Die Baustelle vor der Tür und die Bürgermeister-Wahl interessiere Menschen in allen Altersgruppen nach wie vor.

Bei der Monetarisierung hilft ein Algorithmus, der die Website saechsische.de steuert. "Unser Ziel ist es, dass jene Geschichten länger und besser präsentiert werden, die auf ein hohes Interesse stoßen. Dabei werden Zugriffe höher gewichtet, die hinter die Paywall gehen und noch mehr die, die zum Abschluss eines Abos führen", erklärt Vetterick, der seit zwölf Jahren Chefredakteur in Dresden ist.

Der Algorithmus sei keine dunkle Macht, er sei ein Hilfsmittel. "Der Algorithmus kann nur mit Themen arbeiten, die wir überhaupt zur Verfügung stellen, wir sind also Herr des Geschehens", betont Vetterick. Auch könne die Redaktion den Algorithmus immer übersteuern, um ein relevantes Thema zu setzen.

Durch das Ziel, mit einzelnen Texten Abos zu gewinnen, sieht Vetterick die Unabhängigkeit von Journalismus nicht gefährdet: "Wer Journalist wird, hat diese Unabhängigkeit in der DNA und das ist gut so. Noch besser ist es, wenn journalistische Arbeit auch Aufmerksamkeit bekommt. Und wir stellen fest, dass wir Abos hauptsächlich mit aufwendigen und tief recherchierten Geschichten schreiben. Für mich ist deshalb die Gegenthese richtig: Der genauere Blick darauf, welcher Journalismus Menschen Geld wert ist, führt zu besserem Journalismus."

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