Jochen Voß: Wie man Netflix die Zähne zeigt

 

Als Crossmedia Producer bei der "heute show" hat Jochen Voß daran mitgearbeitet, das ZDF digital zukunftsfit zu machen. Im "kressköpfe"-Interview verrät er seine neuen Pläne als Micro-Content-Produzent und wichtige Überlebenstricks für das alte Medium TV im Würgegriff der Streaming-Dienste.

kress.de: Herr Voß, was Digitalisierungsthemen rund um die TV- und Unterhaltungsbranche angeht, durfte man Sie bislang ja immer mitten im Auge des Taifuns vermuten. Mal eine Gretchenfrage vorneweg: Wie lang wird es denn überhaupt noch Fernsehsender geben?

Jochen Voß: Ich bin sehr zuversichtlich, dass den Häusern eine lange Zukunft bevorsteht – je nachdem, wie sie die Begriffe Fernsehen und Sender für sich künftig definieren und entsprechend mit Leben füllen. Die Frage lautet für mich eher: Wie vollzieht sich die Transformation der heutigen Fernsehsender? Das Angebot wird vielfältiger, die Rolle der Nutzer bereits in der Entwicklung immer entscheidender. Manche Kompetenzen werden sich verlagern, andere werden hinfällig, neue kommen hinzu. Was bleiben wird, ist der Bedarf an starken Inhalten in bewegten Bildern und bewegenden Geschichten – bei einer großen Fülle an möglichen Kanälen und Kontexten. Ob wir das dann noch Fernsehen nennen ist eine andere Frage. Die Vokabel "Fernsehsender" beinhaltet ja zwei wesentliche Aspekte: einen Programmbetrieb und eine bestimmte Nutzungssituation. Die Bedeutung des händisch geplanten linearen Programms nach dem Prinzip "one size fits all" wird sich ebenso verändern wie die klassische Programmverbreitung über den Broadcast. Und wenn das Handy die erste Anlaufstelle ist, dann hat das Konsequenzen für Entwicklung, Dramaturgie und technische Umsetzung.

"Die Zukunft ist da, sie ist allerdings noch nicht gleichmäßig verteilt."

kress.de: Allgemein wird ja angenommen, dass die Medienindustrie den enormen Veränderungsdruck der Digitalisierung als erstes mit abbekam. Wie gut haben sich die großen TV-Häuser Ihrer Einschätzung nach schon zukunftsfit gemacht, oder kommt der große Sturm etwa erst noch?

Jochen Voß: Die Zukunft ist da, sie ist allerdings noch nicht gleichmäßig verteilt. Nach den Anfängen mit ersten Leuchttürmen hat die Dynamik in den vergangenen Monaten noch einmal spürbar zugenommen. Die Digital-Themen kommen in der Praxis an. Die Veränderungen in der RTL-Gruppe und die ersten Erfahrungen des öffentlich-rechtlichen Jugendangebots Funk geben neuen Schub. Ich erlebe niemanden, der noch versucht, sich den Herausforderungen und Möglichkeiten der digitalen Medienwelt zu entziehen. Das ist die gute Nachricht. Das Tempo hingegen ist sehr unterschiedlich. Eine Strategie ist ja nur der erste Schritt. Die große Herausforderung ist jetzt, die Strategien auch in den Alltag zu überführen und auf alle Ebenen des jeweiligen Hauses zu bringen. Hier sehe ich die Landschaft angesichts der Menge und Komplexität der Herausforderungen auf einem guten Weg.

"Konsumiert wird künftig, was den Nerv trifft und nicht, was einfach nur da ist."

kress.de: Netflix, Amazon und andere Streaming-Partner ackern derzeit nicht nur den Markt um, sondern füllen auch die Auftragsbücher der heimischen Produzenten. Wie sehr und in welche Richtung wird Ihrer Einschätzung nach diese Goldgräberstimmung die Marktgewichte verschieben?

Jochen Voß: Nachdem der Markt durch die Krise von 2008 eher in Richtung Abbau neu strukturiert wurde, haben Produzenten jetzt die Chance, sich über die Fülle an Optionen neu aufzustellen und neue Unternehmen, Bereiche und Themen aufzubauen. Aber wie das so ist mit Prognosen und der Zukunft: Es kommt drauf an. Aus meiner Perspektive sind zwei Faktoren entscheidend. Erstens: Wie wird sich der Streaming-Markt nach den wilden Anfangsjahren konsolidieren – also wie verteilen sich Marktanteile und wer wird eventuell woanders aufgehen? Die zweite Frage lautet: Wird es den übrigen Playern gelingen, ihre eigene Identität gegenüber Netflix, Amazon und Co. zu schärfen und das Angebot der Streaming-Riesen mit relevanten Formaten zu ergänzen, in denen man sich auf die eigenen Stärken fokussiert? Denn eins ist sicher: Konsumiert wird künftig, was den Nerv trifft und nicht, was einfach nur da ist.

kress.de: Ihre Rolle als Mittler bringt es mit sich, Sender, Produzenten, aber auch Agenturen und andere Kommunikationsinteressierte für pfiffige gemeinsame Projekte zusammenzubringen. Auf welcher Seite müssen Sie sich meistens den Mund am fussligsten reden?

Jochen Voß: So fusselig ist das gar nicht mehr. Fast alle wollen oder wissen, dass sie wollen sollten. Es geht jetzt konkret um das "Was?" und "Wie?". Wenn ich heute auf Widerstände treffe, dann richten die sich nicht gegen die Digitalisierung an sich, sondern haben meist nachvollziehbare menschliche, inhaltliche oder strukturelle Gründe: Ressourcen, Know-How, unterschiedliche Kulturen und Silos, strategische oder taktische Defizite. Wichtig ist, herauszufinden, welcher Schuh wo drückt, denn Veränderung ist im ersten Schritt fast immer unangenehm.

"Wir machen Nutzer zu Publikum und Publikum zu Fans."

kress.de: Wie zu hören ist, wollen Sie sich mit einer Neugründung jetzt auch verstärkt selbst um die Erstellung von Micro-Content für die digitale Verbreitung kümmern. Auf was darf man gespannt sein?

Jochen Voß: In aller Kürze: Wir machen Nutzer zu Publikum und Publikum zu Fans. Etwas ausführlicher: Unsere Branche erlebt gerade eine Phase, in der viele wollen, aber noch nicht so können. An dem Punkt setzen wir mit Inspector Tiger Media an, die im August an den Start gehen wird. Wir helfen dabei, ambitionierte Ziele in tolle Inhalte mit Wertschöpfung zu überführen. Als kreatives Studio mit großem Netzwerk in Social Media und Bewegtbild liefern wir Full Service, können aber auch als Strategie- und Realisierungspartner digitales Stützrad und Beschleuniger gleichermaßen sein. Außerdem helfen wir denen, die als Kreative oder Künstler bereits einen gewissen Impact haben und nun den nächsten Schritt gehen wollen. Da reden wir darüber, das Profil zu schärfen und passgenaue Inhalte und Produkte für jeden Kanal und das dazugehörige Publikum zu entwickeln.

kress.de: Mit welcher besonderen Expertise klappern Sie gegenüber Ihren Kunden eigentlich am lautesten?

Jochen Voß: Ich komme vom praktischen Machen und vom Inhalt – insbesondere in der Fernsehwelt. Meine Spezialität in der Beratung und Begleitung ist es, bei der Entwicklung von Strategie und Taktik zu helfen und diese dann in redaktionell gelebte Praxis auf alle Ebenen des jeweiligen Hauses zu überführen.

kress.de: Vermutlich aus Ihrer Journalisten-Zeit haben Sie sich das Bedürfnis erhalten, öffentlich Klarheit zu schaffen und etwa auf Kongressen komplexe Sachverhalte Zuhörern und Mitbewerbern aufzudröseln. Wie wichtig ist das öffentliche Auftreten für einen Beratungsunternehmer und ab wann hält man sich besser zurück, um nicht alle Geheimnisse unters Branchenvolk zu bringen?

Jochen Voß: Meine öffentlichen Auftritte jenseits von Summit-Moderationen sind derzeit eher rar gesät und beziehen sich dann eher auf meine praktische Rolle in konkreten Projekten. Geheimnisse sind und bleiben geheim. Die Fach-Öffentlichkeit hingegen ist prima, um für Themen zu sensibilisieren und Kommunikationsräume für Austausch und Inspiration zu schaffen. Momentan geht es ja oft darum, ein Feld von Möglichkeiten und methodische Ansätze zu zeigen, Inspiration zu geben und strukturelle Veränderungen anzustoßen, die die gesamte Branche betreffen. Die derzeit vorherrschende Komplexität wird nicht verschwinden. Da hilft der Austausch.

"Besonders beeindruckt haben mich immer Persönlichkeiten, die gleichzeitig denken und machen können und sich dabei immer wieder neu erfinden."

kress.de: Wenn Sie auf die Stationen Ihrer Berufslaufbahn zurückblicken: Wo haben Sie am meisten gelernt und welche Persönlichkeiten haben Sie im Rückblick entscheidend geprägt?

Jochen Voß: Den einen entscheidenden Punkt gab es nicht. Wie so oft ergibt vieles erst in der Rückschau einen klaren Sinn. In den ersten Jahren habe ich als Mitarbeiter in Zuschaueragenturen sehr früh ein Gefühl dafür bekommen, für wen wir das hier alles eigentlich machen. Im Medienjournalismus und insbesondere als Redakteur bei DWDL.de konnte ich tief in die Branche eintauchen und zugleich bei einem tollen journalistischen Angebot die Anfänge der digitalen Medienlandschaft mitgestalten. Als Crossmedia Producer bei der "heute show" durfte ich in einer noch recht frühen Phase der TV-Online-Verzahnung gemeinsam mit dem ZDF und einem exzellenten Team ein erfolgreiches Fernseh-Format strukturell und inhaltlich für Social-Media-Kanäle adaptieren. All das wirkt in meiner heutigen sehr dynamischen Arbeit nach. Besonders beeindruckt haben mich immer Persönlichkeiten, die gleichzeitig denken und machen können und sich dabei immer wieder neu erfinden.

kress.de: Was bringt Sie auf die besten Ideen?

Jochen Voß: Genau zuhören und schnell anfangen zu machen.

kress.de: Gerade der Aufbau eines neuen Unternehmens fordert viel Kraft und Einsatz meist doch über die üblichen Bürozeiten hinaus: Wie und wo tanken Sie Ihre Kraftreserven auf?

Jochen Voß: Da gerade viel los ist und ich viel Zeit in den Zügen der Deutschen Bahn verbringe – die ganz nebenbei bemerkt übrigens deutlich besser ist als ihr Ruf –, ergibt sich das von Tag zu Tag und ist von der Situation abhängig. Nach einem wuseligen Tag mit vielen Menschen und Gesprächen lautet die Devise eher Rückzug in die Stille. Habe ich im stillen Kämmerlein gearbeitet, werfe ich mich wieder ins Leben.

"Netzwerken ist wichtiger denn je."

kress.de: Sie führen ein "kressköpfe"-Profil. Wie wichtig ist das Netzwerken für Sie?

Jochen Voß: Netzwerken ist wichtiger denn je. Bei der zunehmenden Komplexität in allen Bereichen lautet die erste Frage nicht mehr: "Wie geht das?" sondern "Wer kann es?". Da hilft es, schnell zu wissen, wen man fragen kann – und der hört mir im besten Fall auch zu.

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Jochen Voß: Dienste wie das Angebot von Kress sind wertvolle Navigatoren im schnell getakteten Alltag. Hier bekomme ich einen kompakten Überblick darüber, wer was wie macht.

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