Personalisierte Inhalte: Wohin die Entwicklung künftig geht

15.08.2019
 

Künstliche Intelligenz soll in der Arbeitswelt für eine Revolution sorgen. Wie sich die Branche auf die Zukunft vorbereiten sollte, sagen zwei führende KI-Experten. Ein Bericht von kress pro.

Der gebürtige Bayer Sepp Hochreiter ist seit 2006 Vorstand des Instituts für Bioinformatik an der Linzer Johannes Kepler Universität (davor TU Berlin, University of Colorado at Boulder und TU München). Der KI-Pionier hat 1991 den LSTM-Mechanismus entwickelt, der heute in Amazon Alexa und jedem Smartphone steckt. Deep-Learning-Anwendungen kommen vor allem dort zum Einsatz, wo man sich entsprechende Erträge verspricht. Über selbstfahrende Autos und medizinische Bildanalyse wird viel berichtet. Auch Medien und Verlage könnten auch von selbstlernenden Text- und Bildanalysen profitieren, sind aktuell aber eher (unbezahlte) Inputgeber für Risiko- und Trendanalysen basierend auf online verfügbaren Texten.

Wenn es um Unterschiede und Entwicklungsmöglichkeiten in Europa, den USA und China geht, wird oft auf die geltende Gesetzeslage als Beschränkung verwiesen namentlich die Grenzen der Datennutzung wegen der europäischen Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO).

Aber weder Meredith Broussard, Professorin an der New York University und Expertin für KI-Anwendungen, noch Sepp Hochreiter sehen diese Gesetze als Hindernis für die Entwicklung sinnvoller Lösungen an. Deep Learning funktioniert nämlich auch ohne Geotargeting, das Tracking mit Cookies quer über Plattformen oder das Auswerten von Auffälligkeiten auf Ebene von IP-Adressen. Von persönlichen Daten lässt Sepp Hochreiter die Finger: "Ein einzelner auf seine Vorlieben heruntergebrochener Mensch ist nicht so spannend. Grundsätzliche Verhaltensmuster und Typen kann eine KI besser aus vielen anonymen Menschen ableiten."

Sein Team in Linz arbeitete mit einem deutschen Medienhaus an der Verbesserung der Kundenbindung mittels KI. User sollen durch eine passende Echtzeit-Verknüpfung vorhandener Nachrichteninhalte möglichst lange auf der eigenen Webseite gehalten werden. "Medien könnten Nachrichten typgerechter anbieten. Diese Methode ist Gold wert", fasst Hochreiter zusammen. Damit Leser auf der Webseite hängen bleiben, braucht es die richtigen Themen, Aufbereitungen und Überleitungen. Die KI soll Menschen dort abholen, wo sie einsteigen, und durch passende Themen in der richtigen Aufbereitung lotsen, "wie in einem interessanten Gespräch, wo man Dinge erfährt, für die man sich vorher vielleicht nicht interessiert hätte". Algorithmen sorgen schon heute dafür, dass nicht jeder die gleichen Inhalte angeboten bekommt. Aber wie die Meldungen aufbereitet sind, steht fest.

In Hochreiters Forschungsprojekt werden anonymisierte Clickstreams analysiert, in denen die KI selbstlernend Typen klassifiziert. Wie lange werden News gelesen? Wann steigt jemand aus? In welcher Reihenfolge werden News gelesen? Vergrößert jemand immer die Bilder, ist also vielleicht ein visueller Typ? Wer liest die langen Texte und was liest der noch? Wer mag Naturbilder? Wer sein Publikum besser kennt, kann passende Meldungstypen erstellen. Ein möglicher Einstieg wären Fußballergebnisse. Von der Champions League und FC Barcelona könnten Geschichten rund um die Stadt Barcelona, zu Wein, Reisen, aber auch zum Katalonien-Konflikt spannend sein. Die beste Reihenfolge und das Format verknüpft dann die KI anhand des Klickmusters.

Schon bisher werden Schlagzeilen optimiert und verlockende Leads geschrieben. Aber was steht in den folgenden fünf Absätzen des Textes? Sepp Hochreiter sieht zudem Textanalyse-KIs kommen, die Artikel auf Knopfdruck in unterschiedlichen "Kompressionen" zusammenfassen können. Automatisch erstellte Zusammenfassungen helfen bei der Entscheidung, ob es sich lohnt, den ganzen Artikel zu lesen. Entweder in einem Satz oder in fünf Sätzen - aus jedem Absatz einen. So eine KI wäre auch für Journalisten interessant, die auf diese Weise Texte schneller scannen und analysieren können. Artikel der Konkurrenz oder Artikel in fremden Sprachen. Wie lange es dauert, bis aus diesen Trends ausgereifte Anwendungen werden, weiß der Forscher allerdings noch nicht.

Der Text ist ein Auszug aus der 3-seitigen kress pro-Story von Astrid Kufner über KI in Ausgabe 4/2019. Diese und das aktuelle kress pro-Magazin können Sie in unserem Shop kaufen.

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