Kolumne: Stellenanzeigen - wichtig, aber nicht zu ernst nehmen

 

Stellenanzeigen beschreiben idealisierte Wunschvorstellungen, die man nur begrenzt ernst nehmen sollte. Gleichzeitig geben sie den besten Überblick, welche Tätigkeitsschwerpunkte und Qualifikationen aktuell besonders gefragt sind, sagt Mediencoach Attila Albert. Darauf sollten Sie achten.

Würde man die Anforderungen in Stellenanzeigen zum alleinigen Maßstab nehmen, könnte man sofort aufgeben. Sie sind ungefähr so realistisch wie erfundene Heiratsanzeigen. Da wird eine Fantasiefigur - Motto: "Vielleicht gibt's so jemanden ja wirklich?!" - entworfen von Leuten, die nach diesem Standard in den meisten Fällen selbst nicht genommen worden wären. Das muss Sie nicht trübsinnig stimmen, sondern sollte Sie ermutigen: Sie haben in jedem Lebensalter (und in jeder Situation) die Chance, ein neues Kapitel aufzuschlagen.

Der langjährige Redakteur einer Tageszeitung, über 50 Jahre alt, war von der Verlagsleitung aus dem Newsroom gedrängt worden. Erst in eine "Entwicklungsredaktion", im Grunde eine Auffanggesellschaft ohne Rückkehr-Option, dann zu einem Aufhebungsvertrag. Er bewarb sich bei einem jungen Startup und wurde zu seiner eigenen Überraschung genommen. Die Arbeit erforderte weitgehendes Umlernen, was ihn jedoch begeisterte und an berufliche Anfangszeiten erinnerte. Ein guter Griff, obwohl er "ganz anders" als das Anzeigenprofil war.

Nicht jedes Unternehmen ist so mutig, trotzdem sind Stellenanzeigen immer mit Vorsicht zu geniessen: Neben klassischen Übertreibungen (angeblich "dynamisches Umfeld", immer eine "innovative Unternehmenskultur) verstecken sich vielfach versteckte Warnungen in den Texten. Wenn von einem "kleinen Team" gesprochen wird, die Liste der Aufgaben aber sämtliche Schritte von Konzept bis Umsetzung vorsieht, kann man ruhig von dramatischer Unterbesetzung ausgehen. Taucht dieselbe Anzeige immer wieder neu mit leichten Änderungen auf, scheint das Unternehmen selbst nicht zu wissen, wen es nun sucht.

Manch ausgeschriebener Job existiert gar nicht

Nicht selten überschneiden sich auch verschiedene Entwicklungen. Das HR sucht vielleicht noch, während die Geschäftsführung die Stelle bereits gestrichen oder die Nachbesetzung "vorerst" untersagt hat. Bewerber erhalten dann den Hinweis, man habe sich "für eine interne Lösung" entschieden". Häufig auch: Zwar gibt es Bewerber, die auf das gewünschte Profil passen, allerdings ist das Unternehmen nicht bereit, das dazu passende Gehalt zu zahlen. So gibt es eine floskelhafte Absage, kurz darauf ist die Anzeige wieder online. Nicht selten akzeptiert das Management lieber, die Stelle ein bis zwei Jahre offen zu lassen.

Ein Verlagshaus vergibt seine Führungspositionen fast durchweg an Kandidaten, die schon im Unternehmen oder ihm bereits persönlich bekannt sind, beispielsweise durch eine frühere Mitarbeit oder ehemalige Vorgesetzte. Ausgeschrieben werden die Stellen trotzdem, "für den Betriebsrat", selbst wenn sie bereits besetzt sind und der neue Kollege nur seinen neuen Vertrag noch nicht erhalten hat. Diese Methode frustriert auch die Personalabteilung. Ein verbitterter HR-Chef, nachdem er dem internen Nachfolger den Job zugesagt hatte: "Und jetzt darf ich fünf Bewerbungsgespräche führen und nach der ersten Runde allen absagen."

Immer wieder wird ein erfahrener Profi gesucht, der aber in Gestalt eines günstigen und anspruchslosen Berufseinsteiger (oft sogar eines Praktikanten) kommen soll. Das kann natürlich nicht funktionieren und hat für das restliche Team die Folge, dass es pausenlos "helfen" muss, den Beruf überhaupt erst einmal erklären und anlernen. Auch problematisch: Anzeigen, die geregelte Verhältnisse vortäuschen, obwohl sich die Firma völlig im Umbruch befindet - so angeworbene Mitarbeiter gehen oft nach wenigen Monaten wieder.

Für Medienprofis, die gerade auf Jobsuche sind, heißt das:

  • Stellenanzeigen nicht zu ernst nehmen: Sie beschreiben fast immer idealisierte Wunschvorstellungen, keine realen Kandidaten. Im Zweifel nachfragen, welche Priorität die aufgeführten Kriterien haben. Beispiel: Der Arbeitgeber listet vier gewünschte Fremdsprachen auf, zwingend davon ist aber doch nur Englisch.

  • Optimistisch herangehen: Grundsätzlich ist es in jedem Lebensalter und in jeder Situation möglich, ein neues berufliches Kapitel aufzuschlagen. Wenn die Anzeige überhaupt nicht passt oder offiziell aktuell gar nicht gesucht wird, empfiehlt es sich trotzdem, seinen Lebenslauf mit einer Notiz, das man sich umsieht, zu schicken.

  • Nicht völlig ziellos werden: Jede Stellensuche erfordert Flexibilität, gleichzeitig sollten Sie innerhalb eines gewissen Korridors (Jobs, Orte, Gehalt) bleiben. Ganz wahllose Bewerbungen frustrieren Sie und andere nur. Zudem ist es, wenn dann eine wirklich passende Anzeige kommt, nicht ideal, wenn Sie sich bereits beworben haben.

  • Vergessen Sie nie, dass sich der Arbeitgeber gleichzeitig auch bei Ihnen bewirbt. Eine amateurhaft gestaltete Stellenanzeige mit unsinnigen Anforderungen, Schreib- und Stilfehlern oder technischen Problemen (Bewerbungsportal) gibt Ihnen wichtige Hinweise auf die Situation im Unternehmen. Grundsätzlich kann man sich trotzdem bewerben, ist aber vorgewarnt und kann sich entsprechend entscheiden.

Stellenanzeigen sind - neben der persönlichen Empfehlung - der wichtigste Ausgangspunkt für Bewerbungsgespräche. Allein die regelmäßige Lektüre gibt Ihnen bereits einen Eindruck, welche Tätigkeitsschwerpunkte und Qualifikationen aktuell besonders gefragt sind. So können Sie sich schon darauf einrichten, wenn Sie noch gar nicht suchen. Sehen Sie die Anzeigen zudem immer - in einer aktuell festen Stelle wie bei der manchmal frustrierenden Arbeitssuche - als Ermutigung, dass es pausenlos neue Chancen auch für Sie gibt.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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