Was man als Titanic-Chefredakteur braucht

 

Er hat 16 Jahre für "Titanic" gearbeitet, drei davon als Chefredakteur. kress pro hat mit Thomas Gsella auch über seinen Abgang bei dem Satire-Magazin gesprochen und warum es schwieriger geworden ist, Kritik mit komischen Mitteln zu betreiben.

kress pro: Thomas Gsella, was machen Sie im Moment?

Thomas Gsella: Ich schreibe wöchentlich drei meist komische Reimgedichte für den "Stern", für Spiegel Online und für das Schweizer "Magazin". Im Moment aber nicht, denn ich habe auf Vorrat gereimt, und die Fußballbundesliga, von der meine Verse auf Spiegel Online handeln, macht Pause. Also bin ich im Heimurlaub, trinke Kaffee und gucke auf die Straße. Gleich gehe ich noch duschen oder baden.

kress pro: Klingt entspannt. Wie arbeiten Sie an normalen Tagen? Ist Reimdichtung ein Nine-to-five-Job?

Gsella: Ich sitze täglich ab acht Uhr morgens 16 Stunden lang am Computer - oder stehe, aus gymnastischen Gründen. In dieser Zeit schreibe ich vielleicht fünf bis sieben Stunden. In der übrigen Zeit kümmere ich mich um Bürokram, grüble, surfe herum, lese, höre Musik, habe politische Gewaltfantasien, gehe einkaufen, koche oder fahre Rad. Hm. Vielleicht sind es doch keine 16 Stunden.

kress pro: Zeit für Kinder, Zeit für neue Kleidung / Zeit, dass sich der Bierbauch mal entbaucht / Zeit für Heirat respektive Scheidung / Zeit, die auch die Leber dringend braucht. So klingt ein Vers von Ihnen zur Bundesligapause. Nichts fürs Feuilleton, oder?

Gsella: Bitte, das sind goethische Zeilen. Es gibt gewiss sehr gute ernste Lyrik, aber auch zahllose ernstmachende Verse, die unfreiwillig bedeutend komischer sind als meine. In deren Blödheit findet sich so manches blöde Feuilleton gespiegelt und möchte glauben, beide seien auf dem richtigen Weg. Unverrätselte Komik und Kritik in der Tradition der Neuen Frankfurter Schule sind mir da ums Ganze lieber. Aber natürlich muss es auch die andere Lyrik geben; schon damit die Stipendien- und Preiswirtschaft ihre Thekensteher hat. Gedichte verkaufen sich im Schnitt 700 Mal pro Band, da kann ein Zubrot also nicht schaden, zumal auch ich ein paar Preise abgreifen konnte. Verdientermaßen natürlich.

kress pro: Warum haben Sie "Titanic" nach 16 Jahren - drei davon als Chefredakteur - verlassen?

Gsella: Ich begann, mich zu wiederholen, und wurde insgesamt ein bisschen müde. Also stieg ich vom Thron, und mein Nachfolger Leo Fischer, übrigens ein großartiger Autor, brachte andere Themen und Herangehensweisen mit und überhaupt diese zauberhafte Energie der Jugend. So konnte ich wieder nach Hause gehen und mich meiner Familie und meinen Reimen widmen.

kress pro: Wie lautet eigentlich das Anforderungsprofil an einen "Titanic"-Chefredakteur?

Gsella: Man sollte Lust haben, hin und wieder die Öffentlichkeitsdarstellung einer ansonsten eher stillen Redaktion zu übernehmen. Man sollte überaus belesen sein, ein Menschenfreund, angenehm im Wesen, weitblickend, klug, dabei großherzig, gütig, so bescheiden wie stolz, ein radikal linker Antifaschist natürlich und sanfter Despot, der nur das Gute will und nur das Beste schafft. Und natürlich durchtrainiert sein und attraktiv.

kress pro: Was macht es mit dem humoristischen Geschäft, wenn Politik und Weltgeschehen immer öfter selbst schon Satire sind?

Gsella: Sie sind leider keine Satire, sondern grober Unfug und Verbrechen, und die Kunst der Satire muss sie benennen und möglichst lächerlich und angreifbar machen. Wer sieht, was geschieht, hat ja nur zwei Möglichkeiten: zu den Waffen greifen oder schreiben. Die meisten sind jedoch zu faul, ins Gefängnis zu gehen, also entscheiden sie sich für die zweite Lösung. Aber es stimmt schon: Kritik mit komischen Mitteln zu betreiben, ist schwieriger geworden, auch dank der Zwangslachindustrie des Dooffernsehens. Dagegen hilft wirklich nur die "Titanic", denn sie ist das klügste und beste Magazin, das wir haben.

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Das Interview von Marcus Schuster mit Thomas Gsella ist in der aktuellen Ausgabe von kress pro erschienen. Sie können das Magazin in unserem Shop kaufen.

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