Warum die Wochenzeitung Zeit nun Streit sucht

 

Aufgeregte Zeiten: Charlotte Parnack und Jochen Bittner, Ressortleiter des neuen "Streit"-Ressorts in der "Zeit", wollen die politische Auseinandersetzung zurück in die Mitte des gesellschaftlichen Diskurses holen. Im kress.de-Interview verraten sie die Streit-Spielregeln und die Namen prominenter Kolumnisten.

kress.de: Frau Parnack, Herr Bittner, wie oft bekommen Sie sich untereinander – und dann auch noch im "Zeit"-Kollegenkreis – eigentlich pro Tag in die Haare, und wie heftig fallen die Wortgefechte dann aus?

Charlotte Parnack: Das bleibt alles sehr im Rahmen, wir sind da von eher hanseatischem Temperament. Auch die Kollegen aus dem Haus, von Print genau wie von Online, haben uns bei der Vorbereitung durch und durch konstruktiv unterstützt. Das zeigt, glauben wir, dass das Anliegen des "Streit"-Ressorts vielen bei der "Zeit" wichtig ist.

kress.de: Schon seit einiger Zeit läuft der Plan, bei der gedruckten "Zeit" ein neues Debatten-Ressort einzuführen. Warum jetzt der doch etwas provokante Name "Streit"?

Jochen Bittner: Weil wir Streit seinen guten Namen zurückgeben wollen. Eine Menge Leute denken, wenn sie Streit hören, erst einmal an Emotion, an Lautstärke, und an das Schubladendenken auf Twitter und Facebook. Man kann aber genauso gut an harte, aber respektvolle Auseinandersetzung denken, an deren Ende neue Erkenntnisse stehen. Genau das wollen wir. Ganz im Sinne von Helmut Schmidt, der einmal sagte: "Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine."

kress.de: Gerne wird behauptet, dass sich Gräben in der deutschen Gesellschaft und in der politisch-gesellschaftlichen Debatte verfestigen. Profitieren Sie zynischerweise vom unruhigen Zeitgeist?

Charlotte Parnack: Im Gegenteil: Wenn es uns gelingt, die Debatten bei "Streit" in größtmöglicher Distanz zu diesem unruhigen Zeitgeist zu führen, hätten wir schon viel gewonnen. Ziel ist es ja gerade nicht, Gräben zu vertiefen – sondern darum zu ringen, was uns über diese Gräben hinweg verbindet.

"Es gibt diese schöne englische Fairness-Regel: Play the ball, not the man."

kress.de: Oft wird als Ausweg aus dem Lagerdenken eine Rückkehr zu mehr und kultivierter Streit-Kultur eingefordert. Inwieweit können Sie da weiterhelfen?

Jochen Bittner: Wir hoffen, dass "Streit" ein kleines, aber lebendiges Beispiel für eine solche Streitkultur wird. Es gibt diese schöne englische Fairness-Regel: Play the ball, not the man. Die fasst unseren Anspruch gut zusammen.

kress.de: Welche Regeln muss man denn aus Ihrer Sicht berücksichtigen, damit der "Streit" sachlich bleibt? Was davon ist für die Arbeit am neuen Ressort-Teil wichtig?

Charlotte Parnack: Egal wie hart in der Sache diskutiert wird – der Streit sollte immer vom Bemühen getragen sein, einander zuzuhören und sich nicht absichtlich misszuverstehen. Wichtig ist uns, das Argument anzugreifen, nicht die Person. 

kress.de: Was wird den "Zeit"-Leser denn konkret erwarten? Sie wollen doch sicher nicht, dass er in seiner Lesestube erschrocken aus dem Sessel rutscht?

Jochen Bittner: Kann schon sein, dass das passiert! Manche Perspektivwechsel werden jedenfalls überraschen. Wir wollen schließlich Denkroutinen durchbrechen.

kress.de: Welche Art von Themen kommen für das neue Ressort in Betracht?

Charlotte Parnack: Alle. "Streit" ist als interdisziplinäres Ressort konzipiert: eine Art Marktplatz für alle Redakteure und Themen – und für jedes gute Argument.

kress.de: Wie werden Sie das Ressort strukturieren?

Jochen Bittner: Es wird immer ein dialogisches Format geben, denn zum Streit gehören mindestens zwei. Daneben wollen wir jede Woche einen längeren, stark argumentierenden Denkanstoß bringen.

"Wir freuen uns besonders, dass wir Anja Reschke und Ulf Poschardt für eine Twitter-Kolumne gewinnen konnten."

kress.de: Welche Kolumnisten und/oder feste Rubriken darf man sich freuen?

Charlotte Parnack: Wir freuen uns besonders, dass wir die NDR-Journalistin Anja Reschke und den Chefredakteur der Welt-Gruppe, Ulf Poschardt, für eine Twitter-Kolumne gewinnen konnten: Im Wochenwechsel werden sie je einen Tweet aus ihrer Meinungsblase rezensieren, der sie besonders geärgert hat. Und weil jeder gute Streit mit einer Versöhnung endet, wird unser Kolumnist Peter Dausend am Ende jedes Streit-Teils in "60 Zeilen Liebe" eine öffentlich besonders geschmähte Person der vergangenen Woche aufrichten. In der ersten Ausgabe wird diese Kolumne allerdings "100 Zeilen Liebe" umfassen, geschrieben von einem überraschenden und prominenten Autor.

kress.de: Gerade wenn diskutiert wird, bietet sich eine enge Einbeziehung der Leser ja zwingend an. Wie eng wird das Print-Ressort mit den Online-Kollegen zusammenarbeiten?

Jochen Bittner: Wir wollen nicht nur "Streit" heißen, sondern auch zu ihm Gelegenheit geben. Deswegen wird es die Möglichkeit geben, mit Autorinnen und Autoren von Print auf Zeit Online zu diskutieren. Außerdem helfen uns die Kolleginnen und Kollegen von Zeit Online, Themen zu identifizieren, über die User besonders gerne streiten.

kress.de: Zuletzt haben sich aus "Zeit"-Aktivitäten oft auch Veranstaltungen in der „realen Welt“ entwickelt. Wann wird es das erste Wett-Streiten unter Ihrer Ägide geben?

Charlotte Parnack: Dazu möchten wir noch keine Details verraten. Nur so viel: Es wird Veranstaltungen geben, bei denen es darum gehen wird, die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen.

Hintergrund: Geführt wird das neue "Zeit"-Ressort, das mit der Ausgabe vom Donnerstag, 5. September, erstmalig erscheint von erfahrenen Kräften. Charlotte Parnack volontierte bei der "Süddeutschen Zeitung". Nach Stationen im innenpolitischen Ressort der "SZ" und als Korrespondentin für Norddeutschland wechselte sie 2014 zur "Zeit", für die sie das Hamburg-Ressort aufbaute und leitete. Jochen Bittner arbeitete als freier Journalist unter anderem für Lokalzeitungen, die "FAZ" und die "Welt". Vor seinem Einstieg in die Politikredaktion der "Zeit" im Jahr 2001 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kieler Lehrstuhl für Staatsrecht und Rechtsphilosophie. Von 2007 bis 2011 wirkte er als Europa-Korrespondent der "Zeit" in Brüssel. Chefredakteur der "Zeit" ist Giovanni di Lorenzo.

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