Wie man als Medien-Unternehmer durchstartet

 

Wenn ehemalige Führungskräfte aus Medienkonzern zu Unternehmern werden, freiwillig oder nach ihrer Entlassung, verändert sich alles. Mediencoach Attila Albert über die anspruchsvolle und manchmal schwierige Umstellung vom angestellten Chef zum Dienstleister.

So ganz freiwillig gehen die wenigsten Führungskräfte, ohne einen neuen Job zu haben, auch wenn es in der Personalie fast immer heißt, sie hätten sich entschieden, jetzt nach einer "neuen Herausforderung" zu suchen und die Trennung erfolge "in gegenseitigem Einverständnis". Je höher die bisherige Position und das Einkommen, desto schwieriger die Jobsuche - oft bleibt nur der Wechsel der Branche oder in die Selbstständigkeit.

Für ehemalige Chefredakteure, Herausgeber, Verlagsgeschäftsführer und Ressortleiter ist das vielfach eine schwierige Umstellung. Wer eben noch einen ganzen Redaktionsapparat geführt hat, ist nun vielleicht Einzelunternehmer oder kämpft um genug Aufträge, um eine kleine Agentur aufbauen und erhalten zu können. Wer eben noch in der Branche bekannt und manchmal gefürchtet war, steht nun für seinen "Pitch" vor den Firmensitzen anderer.

In Interviews wird selbstverständlich jeder erklären, froh über diesen Neuanfang zu sein, und dass man noch einmal etwas Neues lernen und ausprobieren könne. Vieles sei doch in den klassischen Medienhäusern gar nicht möglich gewesen. Jetzt hätte man die Chance, wieder etwas aufzubauen und für sich selbst ein neues Kapitel seiner Karriere aufzuschlagen. In vielen Fällen trifft das auch tatsächlich zu, gleichzeitig beschreibt es nur eine Hälfte.

Anspruchsvoller 180-Grad-Wechsel

Oft tun sich ehemalige Führungskräfte beispielsweise schwer damit, nun Dienstleister zu sein. Auch hier wird natürlich jeder erklären, dass das selbstverständlich sei und überhaupt kein Problem. Gleichzeitig ist es eben doch ein anspruchsvoller 180-Grad-Wechsel, wenn man eben noch derjenige war, der die Anweisungen gibt und nun derjenige ist, der sie vom Kunden erhält und "als Profi" selbst vielleicht ganz anders entschieden hätte.

Für den Kunden - ein Unternehmen, das eine PR- oder Content-Agentur beauftragt - ist ein Dienstleister nur sinnvoll, wenn er ihm Arbeit abnimmt. Auch hier eine Veränderung: Gekauft werden zwar auch "kreative Impulse", also Ideen, Strategien und Konzepte, aber bitte genau ausgearbeitet und danach die oft undankbare Umsetzung mit vielen Überarbeitungsrunden. Wer bisher nur den großen Wurf gewohnt war, "so machen wir das jetzt", tut sich schwer.

Routiniert bei der Werbung in eigener Sache

Zumindest den prominenten ehemaligen Medien-Führungskräften gelingt es dagegen, anders als Seiteneinsteigern aus anderen Branchen, sehr viel leichter, sich und ihre neu gestartete Unternehmung bekannt zu machen. Interviews lassen sich noch über ehemalige Kollegen oder Bekannte arrangieren. Man weiß sich zu präsentieren und interessant zu erzählen, wenn es heute auch nicht mehr über die Bundespolitik oder ähnliches ist.

Ein interessanter Lerneffekt betrifft die Rahmenbedingungen für Gründer und Unternehmer, die viele Führungskräfte als Angestellte nur indirekt kannten: Die hohen Regulierungen und Steuern, die Bürokratie, der generelle Blick auf sie. Man denke an das Wahlkampfmotiv, das einen Unternehmer so darstellte: Auf einer Sonnenliege einen Cocktail schlürfend, während Geldpakete auf einem Laufband anrollen. Da wird mancher ganz neu politisiert.

Weiteres Lernen ergibt sich aus den Bedarf, sein Geschäftsmodell nach kurzer Zeit an die Nachfrage anzupassen, oft sich zu spezialisieren. Es ist - insbesondere bei journalistischer Vergangenheit - naheliegend, mit allgemeinem Content Marketing oder PR für Konsumgüter und Dienstleistungen zu starten (frühere Generationen begannen oft mit SEO). Nach einiger Zeit heißt es fast immer: Realitätscheck, umplanen, nachjustieren und wieder probieren.

Ein Mythos ist es, dass Unternehmertum "besser" sei, die Befreiung aus dem Leben als Angestellter. Das ist nicht der Fall, es handelt sich um ein komplett anderes Profil, das wohl nur zu einer Minderheit passt. Diverse frühere Kollegen sind erfolgreiche Unternehmer geworden, teilweise mit zwei- bis dreistelliger Mitarbeiterzahl. Andere, und das ist keine Schande, haben sich parallel oder nach einiger Zeit wieder als Angestellte beworben und sind zurück - mit Erfahrungen, die sie beruflich und persönlich bereichert haben.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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