Relotius-Recherchen: Unter welchen Umständen Juan Moreno zur Konkurrenz gegangen wäre

12.09.2019
 

Im vorigen Jahr hat der Fall Relotius die Medien erschüttert. In einem aktuellen Interview sagt der Journalist Juan Moreno, ob und unter welchen Umständen er mit seinen Relotius-Recherchen zu einem Konkurrenzblatt gegangen wäre.

Der Reporter Juan Moreno, der im vergangenen Jahr den Spiegel-Redakteur Claas Relotius als Fälscher entlarvte, kritisiert seine damaligen Spiegel-Vorgesetzten, weil sie seine Verdachtsmomente gegen Relotius zunächst nicht ernst nahmen: "Ich war verzweifelt, weil ich das Gefühl hatte, die wollen nicht hören, was ich sage. Ich hatte das Gefühl, die behandeln mich wie jemanden, der aus Neid Zwietracht säen will", sagt Moreno im Interview in der aktuellen "Zeit".

Ein Chefredakteur habe gesagt, Claas Relotius sei die Zukunft des Spiegels. "Der Spiegel hatte in dieser Affäre anfangs kein Kommunikationsproblem, er hatte ein Motivationsproblem", so Moreno im Gespräch mit Stephan Lebert und Yassin Musharbash von der "Zeit". All das sei in einer Zeit passiert, während sich das große Personalkarusell gerade gedreht habe: "Die Chefredaktion wechselt. Ullrich Fichtner, der Entdecker und Förderer von Relotius, ist designierter Co-Chefredakteur. Matthias Geyer, Relotius' Ressortchef, soll Blattmacher werden. Und Relotius selbst soll Geyers Nachfolger werden im Gesellschaftsressort, zusammen mit Özlem Gezer. Und dann kommt Moreno mit seiner Bombe. Zur totalen Unzeit. Das muss man verstehen." 

Auf die Frage, ob und unter welchen Umständen er mit der Relotius-Recherche zu einem Konkurrenzblatt gegangen wäre, antwortet Moreno der "Zeit": "Wenn der Spiegel versucht hätte, irgendetwas unter den Teppich zu kehren: ja. Ich glaube, dass viele auf eine Geschichte wie diese gewartet hätten." Er arbeite seit mehr als zehn Jahren für den Spiegel, und das sei ein tolles Blatt. "Ich wollte nicht, dass der Spiegel zerstört wird. Das hätte aber passieren können, wenn nicht die eigene Redaktion die Relotius-Geschichte aufgedeckt hätte und eine gefährliche Kettenreaktion entstanden wäre."

Er habe nach dem Skandal auch darüber nachgedacht, den Spiegel zu verlassen, sagt Moreno, sich aber letztlich dagegen entschieden: "Ich habe das Ressort gewechselt, das war eine Bedingung für mich." Entscheidend sei zudem gewesen, dass der Spiegel seinen eigenen Untersuchungsbericht über den Fälschungs-Skandal öffentlich gemacht habe. 

Moreno schreibt seit über zehn Jahren als freier Mitarbeiter für das Nachrichtenmagazin. Am 17. September erscheint sein Buch Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus bei Rowohlt Berlin. Mit Blick auf die geplante Verfilmung sagt Moreno: "Ich kann definitiv ausschließen, dass ich in dem Film mitspiele, das Drehbuch schreibe oder fürs Catering zuständig bin."

Tipp! Über das schwierige Verhältnis von Juan Moreno zum Spiegel und die rechtlichen Fallstricke des Buches berichtete kress pro bereits in der Ausgabe 4/19. Sie können das Heft in unserem Shop kaufen.

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