Warum Klima-Aktivisten die FR übernehmen

19.09.2019
 
 

Thomas Kaspar, mit Bascha Mika Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, lässt die Zeitung von Fridays-for-Future-Aktivisten gestalten. Im Köpfe-Interview erläutert er die Motivation dahinter, spricht über seinen Wechsel nach Frankfurt und erzählt, wie er Kraft aus intensiver Meditation zieht.

kress.de: Herr Kaspar, so ganz so lange sind Sie bei der "Frankfurter Rundschau" ja noch gar nicht an Bord. Und nun öffnen Sie für einen Tag Ihre Redaktion für Klima-Aktivisten. Ist das nicht riskant oder etwa schon ein Zeichen von früher Amtsmüdigkeit?

Thomas Kaspar: Im Gegenteil. Gerade weil wir nicht müde sind, wagen wir etwas. Ich habe das große Glück, dass wir bei der Rundschau alles im Team planen, entscheiden und durchführen. Und das fängt bei der Chefredaktion an. Bascha Mika hat extrem viel Erfahrung darin, die Zeitung für andere zu öffnen. Ich liebte ihre Idee, die Fridays einfach machen zu lassen, von Anfang an. In der Umsetzung zeigt sich das nun als perfektes Paar. Wir besetzen das Klimathema seit 20 Jahren – da gibt es eine große inhaltliche Nähe von Redaktion und Jugendlichen. Und andersherum suchen die Jugendlichen nach einem Zugang zu Menschen außerhalb ihrer Welt und merken, dass die Rundschau-Leser genau zuhören und ihr Anliegen verstehen und sogar unterstützen.

"Uns ist wichtig, die Jugendlichen nicht als Objekt der Berichterstattung abzuhandeln, sondern sie als Subjekte demokratischen Handelns zu verstehen und darzustellen."

kress.de: Wie genau muss man sich die geplante Aktion vorstellen und was hat Sie darauf gebracht?

Thomas Kaspar: Wir haben in der "Frankfurter Rundschau" schon sehr früh die Jugendproteste aufgegriffen. Uns ist immer wichtig, die Jugendlichen nicht als Objekt der Berichterstattung abzuhandeln, sondern sie als Subjekte demokratischen Handelns zu verstehen und darzustellen. So haben wir bei den Protesten gegen Artikel 13 als einzige Zeitung ein Interview mit Rezo veröffentlicht und nicht nur über ihn distanziert berichtet. Aus diesem intensiven Kontakt hat sich die gemeinsame Idee entwickelt, am 20.9. beim Klimastreiktag mehr auszuprobieren. Wir gestalten nun zwei Ausgaben zusammen. Die Freitagsausgabe produzieren die Jugendlichen in der Redaktion der Rundschau komplett eigenständig. Carola Rackete hat etwa einen eigenen Gastbeitrag nur für die Fridays geschrieben. Die Samstagsausgabe wird eine "Gesicht zeigen"-Edition, in der sich Frankfurterinnen und Frankfurter fotografieren ließen für Ihr Engagement für den Klimaschutz. Starfotograf Sebastião Salgado gestaltet zudem eine Sonderausgabe unserer Beilage "FR7" mit seinen unfassbaren Aufnahmen über die Schönheit der Welt.

kress.de: Wie groß waren intern die Bedenken, die es dabei zu überwinden galt?

Thomas Kaspar: Es ist andersherum. Für viele Redakteure der "Frankfurter Rundschau" hat der Klimastreikttag eine große persönliche Bedeutung. Wir hätten eher Widerstände gehabt, wenn wir uns dort nicht engagiert hätten.

"So schnell ist der Zeitungsalltag im Vergleich zu meinem früheren Leben gar nicht. Ich empfinde es eher als Entschleunigung."

kress.de: Wenn Sie auf Ihre ersten Monate bei der "Frankfurter Rundschau" zurückblicken: Wie schnell sind Sie im schnell getakteten Zeitungsalltag angekommen?

Thomas Kaspar: So schnell ist der Zeitungsalltag im Vergleich zu meinem früheren Leben gar nicht. Ich empfinde es eher als Entschleunigung. Vorher hatte ich an zahlreichen Dashboards zig Echtzeitanalysen unserer Webseiten offen. Das spielt natürlich weiterhin eine große Rolle, um am Puls der Zeit zu sein und zu wissen, womit sich die Leser gerade digital beschäftigen. Die Print-Ausgabe hetzt aber im Gegensatz dazu  weniger der Aktualität hinterher, sondern reflektiert diese. Von der Information zum Wissen, vom Wissen zur Weisheit. Da machen Menschen komische Dinge: Die denken einfach lange nach, bis sie auf der Metaebene einordnen und eine Orientierung für die Leser schreiben können. Ich genieße es sehr, beide Geschwindigkeiten leben zu dürfen.

"Die 'Frankfurter Rundschau' hat eine so klare Haltung und schafft daraus eine tiefe Verbindung zu ihrer Leserschaft wie kaum eine andere Medienmarke."

kress.de: In der Digitalbranche genießen Sie vor allem aufgrund Ihrer Weichenstellungen bei Ippen Digital einen exzellenten Ruf. Welche Themen und Herausforderungen kamen für Sie in Frankfurt neu dazu?

Thomas Kaspar: Die spannendste Frage ist ja, wie man das beste aus beiden Welten verbindet und im Idealfall zu einem neuen Dritten verbindet. Die Kollegen bei Ippen Digital verstehen wie wenig andere, was Menschen interessiert und wie man an den richtigen Stellen den richtigen Inhalt ausspielt. Die "Frankfurter Rundschau" hat eine so klare Haltung und schafft daraus eine tiefe Verbindung zu ihrer Leserschaft wie kaum eine andere Medienmarke. Wir merken schon in den ersten Monaten, dass diese Haltung ein tiefes Bedürfnis der Leser befriedigt, das nun viel leichter verbreitet werden kann. Also nutzen wir das Handwerk von Ippen Digital und die einzigartige Technik der Plattform, um neue Leser auf uns aufmerksam zu machen, um mehr Wirkung für die Anliegen der Rundschau zu erzielen. In Zahlen ausgedrückt, sind wir in der ivw dadurch mit über zehn Millionen Visits sofort auf Platz 35 der Newsportale Online gesprungen. Das Tolle dabei: Die Prozentsatz der wiederkehrenden Leser steigt immer noch.

kress.de: Ihr Wechsel nach Frankfurt ging mit der neuen Eignerschaft des Blatts einher. Wie groß waren die kulturellen Fragen, die es in den Mannschaften zu bewältigen galt, und wie steht es aktuell aus Ihrer Sicht um die Befindlichkeiten Ihrer neuen Teams?

Thomas Kaspar: Das ist ohne Frage ein großer kultureller Wandel. Die Ippen-Gruppe ist auf regionale Titel spezialisiert, die "Frankfurter Rundschau" ist die einzige Zeitung mit dieser nationaler Bedeutung. Unsere Leitartikel und Kommentare finden ganz andere internationale Beachtung. Gleichzeitig zeichnet die neue Führung angesichts der Stärke der Gruppe eine gewisse Gelassenheit auch gegenüber negativen Markt-Entwicklungen aus. Das beruhigt.

"Erstens: keine Silos! Zweitens: höre deinen Lesern zu!"

kress.de: Welche Lehren haben Sie aus den vielen Digitaljahren gezogen und in wie weit lassen sich Erfolgsmuster auch an neuer Wirkungsstätte wiederholen?

Thomas Kaspar: Es gibt im wesentlichen zwei Grundregeln, die sich als Erfolgsfaktoren immer wiederholen: Erstens: keine Silos! Zweitens: höre deinen Lesern zu! Alle erfolgreichen Organisationen tendieren dazu, sich immer weiter zu spezialisieren und die eigenen Erkenntnisse voranzutreiben. Es ist systemisch angelegt, dass sich die Einheiten irgendwann abkapseln und verselbstständigen. Innovation und nachhaltige Entwicklung entsteht aber immer nur durch andauernden Austausch nach außen und innen.

kress.de: Wenn Sie auf die Stationen Ihrer Berufslaufbahn zurückblicken: Wo haben Sie am meisten gelernt und welche Persönlichkeiten haben Sie im Rückblick entscheidend geprägt?

Thomas Kaspar: Ich hatte das große Glück, immer mit Mentoren zusammenarbeiten zu dürfen – oder bin schnell geflohen, wenn das Umfeld nicht inspirierend genug war. Deswegen hat jede Station ihre eigenen Menschen und Erkenntnisse. Das fängt bei einem guten Gespür für Dramaturgie aus meiner Zeit an der Oper an. Ich war zwölf Jahre bei Burda – gerade aus dieser Zeit nehme ich eine Menge mit. Ich möchte aber auch die Phase als Partner bei einer Digitalagentur nicht missen: Vorher war es nicht so wichtig, welches Ergebnis am Ende von Projekten steht. Durch die harte Schule der Agentur lernt man das ganz gut vorher einzuschätzen. Wenn ich eine Person herausgreifen müsste, ist es aber wahrscheinlich Steve Krug (Autor von "Don’t make me think") – seit seiner Begegnung mit ihm ist es mir unmöglich, einfach nur noch aus dem Bauch heraus zu entscheiden. Ich bin seitdem manisch daran interessiert, welchen Wert wir für Menschen schaffen, ohne deswegen meine Haltung zu verbiegen.

kress.de: Was bringt Sie auf die besten Ideen?

Thomas Kaspar: Wir haben uns viel mit Innovationstheorien beschäftigt. Ich mag einfach alle. Wenn bei Design Thinking unterschiedliche Disziplinen vor einem Problem stehen, finde ich das genial. Ich habe aber auch eine Trendmap an der Wand, an der ich laufend sehr langwellige Veränderungen festhalte und versuche, Analogien zu meinen Themen zu finden. Wir haben nicht zu wenig Ideen, sondern zu komplizierte Wege, diese umzusetzen. Deswegen hat Ippen Digital ein eigenes Innovationsmanagement, in dem Ideen bis zur Spezifikation geordnet geprüft werden, um schnell umgesetzt zu werden.

kress.de: Wie und wo tanken Sie Ihre Kraftreserven auf?

Thomas Kaspar: Ich brauche Seelenruhe, um beliebige äußere Geschwindigkeiten meistern zu können. Dazu gibt es verschiedene Kraftquellen. Meine Familie, Sport, aber auch intensive Meditation.

kress.de: Sie führen ein "kressköpfe"-Profil. Wie wichtig ist das Netzwerken für Sie?

Thomas Kaspar: Ehrlich ergeben sich die Netzwerke einfach so. Mir ist jeder einzelne Austausch mit Menschen sehr wichtig. Ich versuche jedes Gespräch so zu führen, dass ich die Chance zur besonderen Begegnung nicht verstreichen lasse. Und da so oft wirklich intensive Erinnerungen entstehen, lege ich Wert darauf, den dazugehörigen Menschen wiederfinden zu können. Da hilft eine Plattform wie "kressköpfe".

kress.de: Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und "kress pro"?

Thomas Kaspar: Ich sehe unsere Branche ja immer enger zusammenrücken. Früher standen die Verlage sehr in Konkurrenz zu einander. Inzwischen arbeiten wir gemeinsam an einer Zukunftsvision für journalistische Produkte. Je mehr Infos ich hier zu den Projekten habe, desto leichter sind Anknüpfungspunkte. Und genau so lese ich kress.

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