Wenn Medientalente brennen sollen, brauchen sie mehr Wertschätzung

23.09.2019
 
 

"Die in ihren Beruf verliebten Arbeitstiere sterben aus. Auch in den Medienunternehmen wächst eine Generation nach, die andere Prioritäten hat", schreibt Christian Lindner in einer viel beachteten kress pro-Kolumne. kress-Leser Jens Eber hat ihm geantwortet und appelliert zugleich an die Medienhäuser.

Stirbt das Brennen für die Medienbranche aus? Gibt es keinen Nachwuchs mehr, der spät am Abend und am Sonntagmorgen aufregende Themen wittert und auch noch an seinen Beiträgen feilt, wenn an den Schreibtischen ringsherum schon das Licht aus ist? Dieses Szenario lässt sich jedenfalls aus Christian Lindners Kolumne Die Arbeitstiere sterben aus herauslesen. Lindner ordnet das am Ende anders ein, aber es bleibt der Eindruck, dass in Teilen der Branche ein Bedauern darüber herrscht, dass es da eine junge Generation von Medienmachern gibt, die vermeintlich eher glimmt als brennt.

Das stimmt so nicht. Was in dieser Denke vor allem fehlt: Selbst wenn die wunderbaren jungen Talente (und die gibt es!) im gleichen Maße wie die Alten brennen und schuften und Stunden kloppen würden - sie würden nie auch im gleichen Maße entlohnt werden. Sprich: von Tariflöhnen, wie sie ein heute 60-jähriger Redakteur einstreicht, kann eine 22-jährige Einsteigerin nur träumen. Viele Verlage haben sich aus der Tarifbindung verabschiedet, Zulagen und Vergünstigungen, wie sie die heute Altgedienten selbstverständlich noch erhielten und erhalten, kennen viele von den Jungen nur vom Hörensagen.

Die Anforderungen an diese Generation sind dagegen nicht kleiner geworden. Im Gegenteil: wo sich ein alter Hase noch augenzwinkernd herausreden kann, von all dem Digitalen eh nichts zu verstehen, müssen die Frischlinge all die neuen Skills schon draufhaben, bevor sie das erste Mal Redaktionsluft schnuppern: Digitale Kompetenz, Flexibilität, Einsatz, Podcasts, Mutlimedia-Reportagen, preiswürdige Arbeit - und das alles freiberuflich und ohne Absicherung oder erst einmal ein paar Jahre lang mit Zeitverträgen und mit dem anhaltenden Wehklagen der Verlagsbranche im Ohr. 

Die Anforderungen sind also hoch, denn vor dem Einstieg in den Beruf soll der Nachwuchs ja bereits brav ein Studium abgeschlossen, umfangreiche Praktika im In- und Ausland absolviert und Arbeitsproben gesammelt haben. Die einschlägigen Stellenanzeigen sprechen Bände. Die Wertschätzung für die Arbeit ist leider oft nicht im selben Maße gestiegen. Und trotzdem gibt es junge Journalistinnen und Journalisten (und andere Medienschaffende), die für den Beruf brennen, die Zeitverträge und niedrige Honorare hinnehmen, weil sie an ihre Aufgabe glauben, und in zweiter Linie vielleicht auch in der Hoffnung, dass sich ihre Leistung irgendwann einmal auszahlen wird. Ihr Brennen wird aber allzu oft durch eine weitere kalte Dusche abgekühlt.

Dass jemand dann sein Glück in einem intakten und erfüllten Privatleben sucht, ist wahrscheinlich nur folgerichtig. Und ganz nebenbei: Es ist doch nur gut, wenn das Klischee des manischen Journalisten, der seine Kinder nur schlafend sieht, in der Mottenkiste der Vergangenheit verschwindet. Endlich ist es so weit, dass der Frauenanteil in der Medienbranche gewachsen ist, und es muss auch nicht mehr das Karriereaus sein, wenn eine Journalistin Kinder bekommt. Wenn sich junge Frauen und Männer die Aufgaben in der Familie teilen und dafür auf eine 50-Stunden-Woche verzichten, ist das vielleicht ein Zeichen für Realitätssinn, nicht aber für mangelnde Leidenschaft.

Wer junge Talente haben und binden will, die ihren Beruf lieben und für ihn brennen, der muss keine goldenen Schreibtische bieten, aber Perspektive und ein bisschen Sicherheit, ja, auch finanziell. Das gilt unbedingt auch für freie Journalisten: Viele Verlage müssen sich nicht wundern, wenn ihnen die Autoren schleichend abhanden kommen. Mickrige Honorare und Buy-Out-Verträge mit teils absurden Klauseln führen ganz bestimmt nicht zu treuen Mitarbeitern, die einem Verlag immer ihre besten Ideen anbieten. Und das darf die Branche ruhig als Verlust verstehen, denn unter den freien Journalistinnen und  Journalisten sind exzellente Könner mit fundierter Ausbildung nicht die Ausnahme. Ein großer Teil der Absolventen der deutschen Journalistenschulen arbeitet zunächst eine Zeitlang frei, schärft sein Profil, sammelt Erfahrungen. Viele bleiben Freiberufler, aus ehrlicher Überzeugung, andere suchen bewusst die vermeintliche Sicherheit eines Verlagshauses. Aber beiden Gruppen sollte man es nicht vorwerfen, wenn sie nach 40 Stunden Arbeit das Privatleben suchen, wo vielleicht Partner und Kinder warten, die von einer gelungenen Balance mehr Gewinn haben als der Arbeitgeber Verlust.

Überhaupt scheint es überaus fraglich, ob wirklich ein Aussterben der Arbeitstiere droht. Vielleicht ist manchen in der Branche auch der Blick dafür verloren gegangen, wie viel andere wirklich ackern. Die Nachwuchskräfte zum Beispiel, die einen Großteil der digitalen Umwälzung in vielen Medienhäusern schultern, oft ganz nebenbei zu anderen Aufgaben. Oder die Freien, die von den Erlösen einer 40-Stunden-Wochen nicht allzu üppig leben können. Und trotzdem brennen sie für ihren Beruf. Wer Brennen einfordert, muss aber, verdammt nochmal, auch darauf achten, dass niemand ausbrennt.

Dennoch: die Lage ist ja nicht hoffnungslos, auch und gerade im laufenden Wandel der Branche. Es gibt auch heute sehr faire Arbeit- und Auftraggeber, die eine gesunde ökonomische und soziale Balance im Leben ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht mit Argwohn begleiten, sondern als Wert an sich betrachten. Freischreiber zeichnet solche Auftraggeber bekanntlich mit dem Himmelpreis aus, das nächste Mal am 9. November. Für solche Häuser brennt man dann gerne. 

(Disclaimer: ich bin kein junger Journalist mehr, habe aber großen Respekt vor den Leistungen und Fähigkeiten der jungen)

Der Autor: Jens Eber (46) ist seit 2003 freier Journalist und Vorstandsmitglied von Freischreiber. 

Die Kolumne "Personalfragen" von Christian Lindner ist in kress pro-Ausgabe 7/2019 erschienen. In dem 100-seitigen Heft gibt es ein Titelinterview mit Gabor Steingart, ein Gespräch mit Ex-Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer und ein Ranking über die besten TV-Manager Deutschland. Sie können kress pro in unserem Shop bestellen.

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