TV-Pläne: Wie Bild-Chef Reichelt sich von ARD und ZDF abgrenzen will

04.10.2019
 

Wie von kress.de berichtet, will Axel Springer die Bild live auf die TV-Bildschirme bringen und dafür viel Geld in die Hand nehmen. Im Gespräch mit dem "Spiegel" macht Reichelt nicht nur eine Ansage in Richtung der Öffentlich-Rechtlichen, sondern erklärt auch das Alleinstellungsmerkmal.

"Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt, 39, plant das künftige Fernsehprogramm des Boulevardblatts als einen Gegenentwurf zu ARD und ZDF. "Wir wollen das Land, die Welt, die Politik und den Alltag der Menschen so zeigen, wie es die Leute erleben, und nicht so steril und weichgespült wie teilweise bei den Öffentlich-Rechtlichen", sagt Reichelt im Interview mit dem Spiegel.

"Ich glaube, dass es den Leuten massiv auf die Nerven geht, wenn sie dauernd erfahren, warum über manche Dinge nicht berichtet wird, statt zu sehen, was eigentlich passiert ist", so Reichelt. Er nennt als Beispiel die Schwertattacke von Stuttgart. Ein Migrant, der mutmaßlich mit gefälschten Papieren eingereist war, hatte seinen Mitbewohner auf der Straße erstochen. "Nachdem darüber in den überregionalen Nachrichten tagelang nicht berichtet wurde, ist auch bei den Öffentlich-Rechtlichen angekommen, dass darin politische Relevanz steckt", bemerkt Reichelt im Spiegel.

Der Bild-Chef sieht im TV-Werbemarkt ein lohnendes Geschäft: "Da liegen Reichweiten und Erlöse, die wir bisher unangetastet gelassen haben." Die Realität sei doch so: Die Print-Erlöse schrumpften rasant, im Digitalen wachse man zwar mit Paid Content, aber das sei weit entfernt von den Einnahmen, die eine so große Redaktion wie Bild brauche, betont Reichelt. Fernsehen sei zwar ein Verdrängungswettbewerb, aber mit 4,5 Mrd Euro ein extrem großer. "Wir sind selbstbewusst zu glauben, dass es genug Menschen gibt, die lieber das schauen, was Bild zeigt, als etwas anders", so Reichelt.

Die meisten Fernsehsender machten das, was Bild sich vorstelle, eben nicht: "Aus dem brennenden Amazonsgebiet, so wie wir zuletzt, sendet nicht jeder." Und wenn, dann höchstens aus dem Hotelzimmer, sagt Reichelt, der vor allem menschliche Geschichten zeigen will und auf Emotionalität aus ist. Seine Teams stünden im brennenden Regenwald und redeten mit Menschen, um die herum alles gerodet worden sei. "Wenn nötig, schicken wir zehn Leute los, die innerhalb von 24 Stunden vor Ort und sendefähig sind. Die brauchen nicht erst Satellitenschüsseln, Übertragungswagen, Maske und ewige Planungskonferenzen", so Reichelt zum Alleinstellungsmerkmal von Bild.

Dem Bild-Chefredakteur schwebt dabei kein klassisches lineares TV vor, sondern eines mit Optik und Anmutung des YouTube-Zeitalters und den technologischen Mitteln von 5G.

Hintergrund: Mehr als 100 Millionen Euro will Axel Springer in den nächsten drei Jahren in "Wachstumsprojekte" bei Bild und Welt investieren (kress.de berichtete). An erster Stelle steht eine "Live-Video-Strategie" von Bild. Die Medienmarke soll zur attraktivsten Live-Plattform für News, Entertainment und Sport gepusht und auch auf TV-Bildschirme gebracht werden. Dem gegenüber stehen Kosteneinsparungen von 50 Millionen Euro im Bereich News Media National, zu dem Bild und Welt gehören.

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