Ex-Bild-Chefredakteurin Tanit Koch: Ich habe nicht die Unterstützung von Döpfner erhalten

17.10.2019
 

Seit März führt sie n-tv und die neue Zentralredaktion von RTL: In einem Interview spricht Tanit Koch über ihren Abgang als Chefredakteurin der Bild-Zeitung und sagt, worin die größte Herausforderung des Journalismus besteht.

Tanit Koch arbeitete von 2005 an als Volotärin bis 2016 als Chefredakteurin bei Axel Springer. Sie stand neben Julian Reichelt der Bild-Zeitung vor. Über ihren Abgang sagt sie jetzt im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: "Die Entscheidung zu gehen habe ich mir nicht leichtgemacht. Ich habe an einem für mich wichtigen Punkt nicht die Unterstützung von Mathias Döpfner erhalten. Wir haben darüber gesprochen, wir stehen weiter in Kontakt, und es war sein gutes Recht als Vorstandsvorsitzender von Axel Springer. Mein Recht war es, zu neuen Ufern aufzubrechen." Einen Groll verspüre sie nicht, sie habe bei Bild "alles erreicht, was ich erreichen konnte", Bild werde immer ein Teil von ihr bleiben. Jetzt sei sie sehr froh, am rechten Rheinufer bei RTL und n-tv gelandet zu sein.

Tanit Koch ist seit dem Frühjahr Geschäftsführerin von n-tv und Chefredakteurin der neuen RTL-Zentralredaktion. Ihre Strategie erklärt Koch im Gespräch mit Michael Hanfeld von der FAZ so: "Es geht um rund siebenhundert Journalisten. Wir sprechen deshalb intern vom Inhalteherz. Die Transformation zielt nicht auf Stellenabbau und Sparprogramm, sondern auf mehr Geschichten, mit denen wir mehr Menschen erreichen wollen." Das sei eine Mammutaufgabe, sagt Koch, die man nur bewältigen könnte, wenn alle mitziehen - in den Ressorts und Redaktionen. "Dank dieser Kolleginnen und Kollegen kommen wir gerade trotz der Größe des Hauses beeindruckend schnell voran und haben dabei sogar Spaß." Das liege auch am Vertrauensverhältnis zwischen den Chefredakteuren und im gesamten Team. "Wir sagen, was wir tun, und wir tun, was wir sagen." Ihr Ziel: Bis Weihnachten mit allen neuen Ressort im operativen Modus zu sein.

Koch will die Organisation also darauf ausrichten, zuerst in Inhalten zu denken, dann in Ausspielwegen. "Denn es wird Plattformen geben, von denen wir jetzt noch gar nicht wissen", sagt Koch im FAZ-Gespräch. Journalisten müssten in der Lage sein, sich auf solche Veränderungen sehr schnell einzustellen.

Sie kritisiert, dass an vielen Stellen der private Fernsehmarkt überreguliert sei: "Wir müssen Geld erwirtschaften, um unseren Journalismus zu finanzieren. Das wird uns unter anderem durch eine wenig flexible Werberegulierung erschwert." Und: Als n-tv-Chefin brauche sie eine Lizenz, eine Aufsichtsbehörde, ein polizeiliches Führungszeugnis. Um einem unbegrenzten Publikum online Desinformationen zu unterbreiten, benötige man bloß ein Handy und Netz.

Im Gespräch mit der FAZ verrät Tanit Koch auch, worauf es ihr im Journalismus ankommt: "Wir alle, gerade Journalisten, müssen uns unserem Confirmation-Bias stellen. Also der allen Menschen innewohnenden Tendenz, eher Dinge wahrzunehmen und zu glauben, die uns bestätigen als die, die uns hinterfragen. Wenn wir nicht ergebnisoffen an eine Recherche herangehen, versagen wir in unserem Job. Ich möchte Menschen zum Nachdenken bringen, ohne ihnen zu sagen, was sie denken sollen. Ich möchte, dass wir für die Menschen berichten und nicht nur über sie."

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