Rennt das Publikum wirklich zu Netflix und Amazon? Der Vox-Chef bezweifelt das

21.10.2019
 

Vox-Chef Sascha Schwingel und RTL-Chef Jörg Graf sprechen im Interview über die Herausforderung der Streaming-Angebote. Schwingel stellt dabei die Quotenfrage.

Im Februar stieg der im Hause lange für den internationalen Fremdprogrammeinkauf zuständige Jörg Graf, 53, zum Chef von RTL auf. Im Juli wechselte Sascha Schwingel, 48, von der ARD-Tochter Degeto auf den Chefsessel von Vox (kress.de berichtete). Im September fuhren beide für ihre Sender die besten Quoten seit Langem ein.

Ein Pfund, mit dem Sascha Schwingel Netflix, Amazon & Co. selbstbewusst die Grenzen aufzeigt: "Es ist ein Fakt, dass wir unsere Quoten jeden Tag veröffentlichen und die Streamingdienste nicht. Da stellt sich die Frage der Währung. Ich kenne die Zahlen von Babylon Berlin ziemlich genau, was wo geschaut wurde, weshalb ich die pauschale Aussage, dass das Publikum zu Streamingdiensten läuft, sehr kritisch beäugen würde", sagt der Vox-Chef im Interview mit der Süddeutschen Zeitung.

Auf den Einwand von Hans Hoff von der SZ, Amazon und Netflix hätten auf jeden Fall ein besseres Image, kontert Schwingel: "In gewissen Kreisen scheint es cooler zu sein, zu streamen." Er meint damit "gewisse Altersgruppen" und "gewisse Milieus" und betont: "Es gibt verschiedene Studien, die übrigens zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen".

RTL-Geschäftsführer Jörg Graf erklärt in dem gemeinsamen Gespräch, dass junge Zuschauer auch heute 140 Minuten Fernsehen am Tag guckten. Gleichwohl wachse gerade bei diese Zielgruppe auch die Nutzung von Streaming-Angeboten.  "Daher wäre es für uns als Medienhaus ziemlich dumm, Streaming nicht auch anzubieten", betont Graf. Der entsprechende Dienst TV Now wachse mehr als erfreulich.

Schwingel will vor allem gutes Programm machen: "Entscheidend ist ja, dass es Menschen gibt, die abends nach Hause kommen und unser lineares Programmangebot gerne nutzen. Die wollen eine Kompilation, und die bekommen sie von uns", hebt der Vox-Chef hervor. Und er erinnert an eine aktuelle Studie: Die Radionutzung sei dieses Jahr gestiegen - trotz Spotify. "Es ist ja logisch, wenn ein neuer Shop aufmacht, gehen die Leute erst einmal dahin und orientieren sich. Am Anfang sind alle nach Berlin-Mitte gezogen, dann war Mitte plötzlich nicht mehr so geil, und alle sind wieder zurück nach Charlottenburg gezogen, und dann hat es sich eingependelt. Ich glaube, dass das auch hier passiert. Streaming gehört ebenso dazu wie lineares Fernsehen. Klar im Vorteil ist, wer beides bietet."

Auch bei Prophezeiungen wie "der Serienboom sei bald vorbei und der 90-Minüter komme bald zurück" bleibt Vox-Geschäftsführer Schwingel lässig: "Ich bin beim Aufkommen des Serienbooms ebenso wenig in Hysterie verfallen, wie ich das jetzt bei einem vermeintlichen Abflachen des Serienbooms tue. Vor einigen Jahren wurde der 90-Minüter totgeredet. Es gab schon immer beides, und es wird immer beides geben. Mal ist das eine schick, mal das andere. Mir wird da viel zu viel über die Form geredet. Ich komme lieber vom Inhalt. Das Format muss sich danach richten, was das Beste für die Geschichte ist."

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