Job-Kolumne: Wenn der Chef mal wieder nicht antwortet

 

Unentschlossene, zögerliche oder vage Antworten gehören zu den häufigsten Problemen in der beruflichen und privaten Kommunikation. Jemand stellt eine klare Frage, fühlt sich aber nicht gehört, verstanden oder ernst genommen. Mediencoach Attila Albert über Auswege.

Der Produktmanager eines Medienunternehmens verzweifelte an seinem Vorstand: Auf jeden Vorschlag für neuen Produkte oder verbesserte Abläufe bekam er nur eine vage oder gar keine Antwort. Er möge doch noch einmal ein ausführlicheres Konzept nachreichen, diese oder jene Berechnung präzisieren oder eine erneute Präsentation vorbereiten, für die aber noch kein Termin absehbar sei. Nach 1,5 Jahren war er noch immer weitgehend damit beschäftigt, Pläne auszuarbeiten, ohne je mit einer Umsetzung beginnen zu dürfen.

Eine freie Auslandskorrespondentin verschickte ihr Themenangebot an eine Vielzahl von Redaktionen, teilweise an fast 100 Empfänger. Die meisten waren ihr persönlich bekannt, doch oft antworteten nur zwei oder drei. Manchmal mit einer festen Zusage, nicht selten aber mit Bemerkungen wie: "Klingt gut, schauen wir uns mal an" oder "Da könnte man etwas machen, wir melden uns." Ihr war ständig unklar, ob sie nun mit der Recherche beginnen, erneut nachfragen oder abwarten sollte - und überhaupt mit den Einnahmen rechnen könne.

Weiteres Nachfragen gilt schnell als Unverschämtheit

Unentschlossene, zögerliche oder vage Antworten gehören zu den häufigsten Problemen in der Kommunikation: Jemand stellt eine klare Frage, fühlt sich aber nicht gehört, verstanden oder ernst genommen. Erneutes Nachfragen führt nicht etwa endlich zu Klarheit, sondern wird als Belästigung oder Unverschämtheit bewertet und zunehmend abgeblockt. Statt einer Antwort muss man auf einmal sogar damit rechnen, dass einem unpassendes Verhalten vorgeworfen wird und mit disziplinarischen Folgen (z. B. Abmahnung) zu rechnen ist.

Ähnliches geschieht ständig im Privatleben. Eine Cheflayouterin war erschöpft von einer mehrjährigen Fernbeziehung, in der meistens sie an den Wochenenden zu ihrem Partner gefahren war. Er hatte üblicherweise "keine Zeit" für die Fahrt zu ihr, obwohl sie ebenfalls im Schicht- und Sonntagsdienst arbeitete. Als sie ihm schließlich von ihrer Idee erzählte, in seine Region zu ziehen, reagierte er nicht etwa erfreut oder sogar mit dem Vorschlag, dann endlich zusammen zu ziehen. Stattdessen: "Na, ob du hier so leicht eine Wohnung findest?"

In allen diesen Beispielen haben sich die Fragesteller aus menschlich völlig verständlichen Gründen geweigert, eine sprichwörtliche Wahrheit anzuerkennen: Keine Antwort ist auch eine Antwort. Im Fall des Produktmanagers: Der Vorstand wünscht in absehbarer Zeit keine echten Veränderungen. Im Fall der Korrespondentin: Die angesprochenen Kunden haben wahrscheinlich gar kein Budget. Im Fall der Cheflayouterin: Ihrem Partner ist die Distanz offenbar angenehm, weil sie ihm Freiheit gibt. Er wünscht keine Vertiefung der Beziehung. 

Gerade Vorgesetzte flüchten sich oft in vage Antworten, um nicht zugeben zu müssen, dass sie selbst bestimmte Entscheidungen gar nicht treffen dürfen. Typisches Beispiel: Eine vom Team geforderte, tatsächlich notwendige Veränderung würde größere Umstrukturierungen nach sich ziehen, die der Geschäftsführung zu riskant oder teuer sind. Im Privatbereich wird damit nicht selten Unfähigkeit oder Desinteresse kaschiert. Die vage Antwort soll mögliche "Beziehungsgespräche" vermeiden oder Veränderungen ganz verschleppen.

Die tiefere Wahrheit wird meist geahnt

Fast immer wird diese tiefere Wahrheit geahnt, aber sie scheint zu unangenehm, um sie als Option tatsächlich in Betracht zu sehen. "Lieber noch mal nachfragen", auch wenn man das bereits mehrere Male getan hat. Wie soll man sich nun aber verhalten in diesen Fällen?

  • Stellen Sie sicher, dass Sie verstanden wurden. Vor allem, wenn Ihr Gegenüber weitgehend schweigend zuhört, können Sie durch Nachfragen zumindest prüfen, ob Ihre Botschaft überhaupt angekommen ist. Statt: "Und was sagen Sie dazu?" sind inhaltliche Fragen sinnvoller. Beispiel: "Welchen Zeithorizont sehen Sie dafür?"

  • Nehmen Sie hin, dass Sie niemanden zu einer verbindlichen Antwort zwingen können. Das gilt insbesondere für gleich- oder höherrangige Gegenüber. Weiteres Drängen oder Insistieren führt meist nur dazu, dass sich Ihr Gegenüber zurückzieht oder versuchen wird, Sie loszuwerden. Sie schaden sich damit also nur selbst.

  • Stellen Sie stattdessen fest, dass keine Antwort bereits eine Antwort ist. Ihre Frage wurde beantwortet, wenn auch nicht in Ihrem Sinne: Ihrem Gegenüber ist das Thema nicht oder zu wenig wichtig. Es wurde vielleicht aus Höflichkeit, Desinteresse oder wegen anderer Prioritäten nicht so klar gesagt, impliziert aber auf jeden Fall.

  • Informieren Sie Ihr Gegenüber, falls es tatsächlich objektive Termine gibt, bis zu denen Sie eine Entscheidung brauchen. Beispiel: Sie beantragen Budget für ein Event, zu dem es eine Anmeldefrist gibt. Geben Sie derartige Fristen informativ weiter, es sollte nicht so wirken, als wollten Sie Ihren Gesprächspartner erpressen.

  • Entscheiden Sie nun, was das für Sie bedeutet. Könnten Sie für längere Zeit, gar dauerhaft mit dieser Absage leben? Oder wird es Zeit für Sie, Konsequenzen zu ziehen, etwa zu wechseln? Hoffen Sie nicht, dass es sich der andere "doch noch mal anders überlegt", wenn nichts dafür spricht, etwa eine konkrete Zusage mit Termin. 

Die tiefere Wahrheit, warum Sie keine klare Antwort erhalten, ist oft schmerzhaft. Die Enttäuschung muss erst einmal verarbeitet werden. Gleichzeitig verschafft ihnen der letzte Punkt aber wieder die Selbstbestimmung, die in der vielfach entwürdigenden Diskussion verloren gegangen ist. Sie wissen nun endlich, woran Sie sind und können selbst entscheiden, was für Sie aus der Nicht-Antwort folgt: Damit arrangieren oder sich verändern und Ihre Zeit künftig mit jemandem verbringen, der tatsächlich dasselbe will wie Sie.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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