Lindner-Kolumne: Chefredakteure müssen heute mehr Manager als Schreiber sein

 

Ja, Redaktions- oder Verlagsmanager zu sein, war immer anspruchsvoll. Aber heute sind diese Positionen ungleich komplexer und zugleich weniger erfolgsgekrönt als früher. Aus Christian Lindners Kolumne "Personalfragen" in kress pro.

In dem Medienhaus, in dem ich länger gearbeitet habe, prangte im Erdgeschoss viele Jahre eine beeindruckende Kurve. Am Anfang des Ganges im Vertrieb stand unten die Jahreszahl 1946 – und von dort kletterte eine Kurve auf vielen Wandmetern bis in die 90er-Jahre und bis fast an die Decke. Diese gleichsam abschreitbare Statistik zeigte das stetige Wachstum unserer Zeitung. Immer mehr Abos und Zukäufe hatten rund 250.000 Auflage beschert. Als diese Zahl auch bei uns schmolz, wurde die Kurve nicht mehr fortgesetzt – und bei einer Renovierung wurde sie übermalt.

Nicht verschwunden aber ist dieses scheinbar ewige Aufwärts im Bewusstsein der pensionierten Redaktionsmanager meines Blattes aus diesen goldenen Zeiten. Sie treffen sich regelmäßig, um über ihren Verlag, unsere Branche und die Zeitläufte zu stammtischeln. Als Chefredakteur habe ich unsere Bellheims einmal pro Jahr besucht. Diese Runden waren immer munter und vergnüglich. Sie belegten aber auch, wie sehr sich Zeiten und Menschen in den Verlagen geändert haben.

Jedes Mal piesackten meine Ex-Chefs mich mit ihrem Auflagenstolz von damals – und meinem Auflagenschwund von heute. Sie taten das mit dem Standesbewusstsein ihrer Generation – und provozierten gerne mit ihrer Arbeitslebenserfahrung, dass Auflage ja mit Qualität korrespondiere.

Die Herren übersahen dabei nur, dass ich als Jungredakteur erlebt habe, wie die Generation Auflagengold Zeitung gemacht hat. Umfänge? Viel weniger als heute. Seitenbauen? Job der Technik. Bildbearbeitung? Machte die Repro. Auf Zeile schreiben? Dafür gab es abends den Mann mit dem Messer in der Mettage. Aktueller Fußball? Die Bundesliga spielte nur am Samstag. Aktualität? Viel Gelassenheit, gerade im Lokalen. Mantel? Vor allem mit großer Geste redigierte Agentur. Eigene Themen? Um 20 Uhr wurde abgehakt, ob man alles hatte, was auch die Tagesschau brachte. Das Layout? Unaufwändiger Standard. Optik? Personaldecke? Verglichen mit heute komfortabel. Gehälter? Tarif für alle. Zusammenarbeit im Haus? Das war noch richtig Silo. Internet? Gab es noch nicht. Auftreten? Fürsten der Relevanz in ihrer Region.

Ja: Keiner kann etwas für das Jahr seiner Geburt. Und jeder denkt und fühlt mit der DNA seiner Generation, ist geprägt von den Bedingungen seiner Zeit. Und doch gab und gibt es auch im Journalismus wie im Verlagswesen die Gnade der frühen Geburt – und das Schicksal des späteren Einstieges.

Ja, Redaktions- oder Verlagsmanager zu sein war immer anspruchsvoll. Aber heute sind diese Positionen ungleich komplexer und zugleich weniger erfolgsgekrönt als früher. Die Pfeife rauchenden Leitartikel-Granden sind ausgestorben – Chefredakteure müssen heute mehr Manager als Schreiber sein. Zudem müssen wir etwa unsere Personalstrategien viel rascher als früher neu entwickeln, ganz andere Talente für unsere Häuser gewinnen, neue Berufsbilder und Ausbildungsgänge etablieren.

Hinzu kommt der Fluch der schmelzenden Märkte. In der Medienbranche gibt es kein Äquivalent zur Kletter-Kurve im Flur meines früheren Verlages. Unsere Blätter bieten zwar mehr als vor 20, 30 Jahren, unsere Webseiten mehr als in der Zeit vor Face­book. Alles gestemmt von weniger Leuten mit mehr Aufgaben und Kanälen als früher. Steigende Qualität aber schlägt sich nicht mehr in proportional monetarisierbaren Zuwächsen nieder.

Unseren Erfolg flaggen wir deshalb, im Markt wie intern, wolkiger als einst aus – etwa mit Reichweite, Relevanz und Markenwert. Das aber lässt sich nicht an Wände malen. Personal in Redaktionen und Verlagen muss heute anders motiviert werden. Vor allem anderen mit dem Bewusstsein, dass unsere Branche mehr denn je etwas leisten sollte, das dieses Land mitentwickelt, zusammenhält und voranbringt.

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Die Kolumne "Personalfragen" von Christian Lindner ist in kress pro-Ausgabe 8/2019 erschienen. Im Heft gibt es eine Titelgeschichte über die riskante Wette von Springer-Chef Mathias Döpfner mit dem KKR-Einstieg, ein Interview mit der neuen Condé Nast Germany-Geschäftsführerin Jessica Peppel-Schulz sowie ein Ranking der besten Medien-Nachwuchstalente. Sie können kress pro in unserem Shop bestellen

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