Inoffizieller Stasi-Mitarbeiter und Interessenskonflikte: Wie der Neu-Eigentümer des Berliner Verlags jetzt unter Druck gerät

15.11.2019
 

Die Vergangenheit holt Holger Friedrich, den neuen Besitzer des Berliner Verlags, ein. Nach Recherchen der Welt am Sonntag war er unter dem Decknamen "Peter Bernstein" für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) tätig. Friedrich spricht von einer "Notsituation". Auch der Spiegel erhebt Vorwürfe.

Der Welt am Sonntag bezieht sich bei ihrem Bericht über Holger Friedrich auf Dokumente aus der Stasi-Unterlagenbehörde.

Wie Friedrich selbst am Freitag "in eigener Sache" in der Berliner Zeitung erklärte, habe er eine handschriftliche Verpflichtungserklärung bei der Stasi aus einer Notsituation nach einer Verhaftung heraus verfasst, um einer befürchteten Gefängnisstrafe zu entgehen. Er sei "nicht aktiv" für die Staatssicherheit tätig gewesen. Bei der ersten Gelegenheit habe er sich dieser Notsituation entzogen und danach die Zusammenarbeit mit der Stasi verweigert, schrieb Friedrich in den von ihm veröffentlichten Antworten auf die Recherchefragen der WamS.

Die Redaktion der Berliner Zeitung ist nach eigenen Angaben von der Nachricht zur Vergangenheit Friedrichs überrascht worden. Friedrich habe die Redaktion am frühen Freitagnachmittag über seine Tätigkeit für die Staatssicherheit und die Hintergründe informiert.

Die Chefredaktion der Berliner Zeitung erklärte, sie werde sich "sachlich und angemessen" mit der Situation auseinandersetzen. "Wir stehen für unabhängigen Journalismus und werden wie bereits in der Vergangenheit unseren Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte leisten." Die Redaktion werde sich ein Bild machen, Experten hinzuziehen und wolle auch mit Menschen reden, die in den Akten auftauchen. "Holger Friedrich hat der Redaktion ausdrücklich zugesichert, sie auf diesem Weg zu unterstützen."

Der Herausgeber des Blattes und Vorsitzender der Geschäftsführung des Berliner Verlages, Michael Maier, schreibt in eigener Sache: "Wir haben die Auffassung vertreten, dass Redaktionsmitglieder mit einer Stasi-Akte nicht in einer freiheitlich-liberalen Zeitung als schreibende Redakteure tätig sein können". Mit Blick auf den WamS-Artikel ergänzte er, dass der Neuanfang immer noch nicht abgeschlossen sei. Für die Berliner Zeitung sei in diesem Zusammenhang von Bedeutung, dass die Integrität der Berichterstattung das höchste Gut ist. Dazu gehöre ein Höchstmaß an Distanz zu nicht journalistischen Interessen in der Berichterstattung und ein hohes Maß an Transparenz. "Die Veröffentlichung der verstörenden Geschichte des Holger Friedrich ist aus unserer Sicht ein Beitrag zu dieser Transparenz", so Maier.

In einer weiteren Erklärung äußert sich die Redaktion der Berliner Zeitung am Freitag zu einem aktuellen Spiegel-Bericht über mögliche Interessenskonflikte: Unter der Überschrift Berliner Zeitung veröffentlicht Jubelbericht über Firma - an der der Verleger beteiligt ist greift der Spiegel einen Artikel der Berliner Zeitung über ein ostdeutsches Biotech-Unternehmen auf. Der Spiegel schreibt, dass Friedrich im Juni Aktien an diesem Unternehmen gehalten habe und dort Aufsichtsratsmitglied sei. Das Magazin beruft sich dabei auf die US-Börsenaufsicht. Laut der Redaktion der Berliner Zeitung hatte Friedrich dem Herausgeber und der Chefredaktion den Hinweis gegeben, dass Centogene Weltmarktführer in der gentechnischen Analyse sei und dessen Börsengang ein Anlass zur Berichterstattung sein könnte. "Weder der Chefredaktion noch den beiden Wissenschaftsredakteuren war zu diesem Zeitpunkt bewusst, dass Holger Friedrich an dem Unternehmen beteiligt ist. Wäre das anders gewesen, hätte die Redaktion diese Information in den Artikel mit aufgenommen", heißt es in der Redaktionserklärung. Künftig werde die Redaktion für Transparenz sorgen und in der Berichterstattung prüfen, ob geschäftliche Interessen des Unternehmerehepaares Friedrich oder des Medienhauses berührt seien.

Hintergrund: Der Berliner Unternehmer Holger Friedrich hat mit seiner Frau Silke jüngst den Berliner Verlag mit der Berliner Zeitung und dem Berliner Kurier von der DuMont-Mediengruppe übernommen. Für DuMont war es ein guter Deal, wie kress pro exklusiv berichtet.

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