Wie Die Zeit die Job-Sorgen der Generation Z ernst nimmt

 

Zeit Campus-Chefredakteurin Martina Kix hat den neuen Ratgeber Berufseinstieg vorgelegt. Im kress.de-Interview berichtete sie, welche Themen Studenten brennend interessieren - etwa wenn es um den Einstieg in die Medienbranche geht.

kress.de: Frau Kix, Sie wollen ja die jungen Berufseinsteiger aus einer Generation, die wie fest verwachsen mit ihren Smartphones wirkt, erreichen. Wirkt da ein gedrucktes Heft nicht fast wie aus der Zeit gefallen?

Martina Kix: Absolut nicht! Wenn Absolventen das Wort "Berufseinstieg" googeln, erhalten Sie in 0,68 Sekunden mehr als drei Millionen Ergebnisse. Das überfordert. Wenn es um so ein wichtiges Thema wie den ersten Job geht, wollen sie alles richtig machen und vertrauen der Marke Die Zeit und einem Medium, bei dem sie sofort sehen, wie viel Zeit und Recherche die Redaktion in das Magazin gesteckt hat. Ein weiterer Vorteil von Print: Der Ratgeber funktioniert wie ein Begleiter für einen längeren Zeitraum. Die Fragen hören ja nicht auf, sobald man das erste Mal an seinem Schreibtisch sitzt. Sondern es kommen neue hinzu: Wie sind Überstunden gesetzlich geregelt? Was muss ich bedenken, wenn ich in der Probezeit kündigen will? Und wann kann ich nach einem Sabbatical fragen? Berufseinsteiger brauchen Antworten, damit sie sich in der Arbeitswelt zurechtfinden. Diese Antworten finden sich im Zeit Campus Ratgeber Berufseinstieg.

kress.de: Die Arbeitswelt verändert sich, die Digitalisierung erfasst alle Lebensbereiche. Inwiefern muss "Zeit Campus" immer wieder auf neue Themen und Herausforderungen reagieren, um genau die Themen zu treffen, die junge Studierende tatsächlich bewegen?

Martina Kix: Neben den Millennials drängt jetzt zum ersten Mal die Gen Z auf den Arbeitsmarkt, die heute 21-Jährigen. Wir hatten in der Redaktion das Gefühl, da verändert sich gerade etwas ganz grundsätzlich. Die junge Generation mischt die Arbeitswelt ihrer Eltern auf. Sie wollen einen Sinn im Job finden, flexible Arbeitszeiten, Weiterbildungsmöglichkeiten und so weiter. Deshalb haben wir zusammen mit dem Verlag eine Neuausrichtung des Zeit Campus Ratgeber Berufseinstieg beschlossen. Dafür haben wir eine Entwicklungsredaktion gegründet. Mit dabei: eine Grafikerin, die gerade ihre Masterarbeit schreibt und eine Journalistenschülerin, die in den Beruf startet. Es hat also quasi die Zielgruppe ein Magazin miterarbeitet, das sie selbst gerne lesen würde. Die Redaktionsleitung hat Nadja Kirsten übernommen, und Anne Franke hat die Art Direktion gemacht. Der Ratgeber nimmt Absolventen mit auf eine Learning Journey in die Arbeitswelt. Vom Vorstellungsgespräch bis zum ersten Tag im Job – der Ratgeber zeigt, was jeder wissen sollte. Die Absolventen sind zwar top ausgebildet, aber suchen in dieser Phase nach Orientierung. Wir beantworten die drängendsten Fragen im Spannungsfeld zwischen New Work und alter Arbeitswelt.

kress.de: Sie tragen den Uni-Bezug ja direkt im Titel. Wie schwer ist es heutzutage, Studierende anzusprechen und als Leserinnen und Leser zu gewinnen?

Martina Kix: "Was kann ich tun? – 66 Tipps, wie jeder im Alltag die Umwelt schützen kann" oder "Sex – Wie sich unser Liebesleben verändert": Das waren Zeit Campus-Titelgeschichten in diesem Jahr. Wir sind mit der Redaktion nah an der Lebenswelt der Studierenden und schreiben über die Themen, für die sie kämpfen und mit denen sie hadern. Das ist mal das Klima und mal Dating und wir schreiben darüber mit einem Sound, der den Zeitgeist wiedergibt. Wir arbeiten auch eng mit der Zeit Campus Online-Redaktion in Berlin zusammen, entwickeln und denken Themen gemeinsam. Um den Zeitgeist der Studierenden zu treffen, diskutieren wir mit ihnen bei über 20 Veranstaltungen im Jahr direkt an verschiedenen Unis in ganz Deutschland, in Unternehmen, auf dem Zeit Campus Festival oder auch auf Facebook und Instagram. So bekommen wir schnell mit, was in der Bibliothekspause und in den WG-Küchen so diskutiert wird.

"Wir sind dort, wo die Studierenden sind."

kress.de: Was zeigen denn Ihre Erfahrungen: Auf welchen Wegen findet die viel beschworene Generation Z zu Ihrer Zeitschrift?

Martina Kix: Zeit Campus folgt seit Jahren der Devise: Wir sind dort, wo die Studierenden sind. In der Mensa, wo man das Magazin an der Kasse im "Wohlfühlpaket" kaufen kann, oder in den sozialen Netzwerken. Wir haben seit über dreizehn Jahren ein einzigartiges Vertriebsnetz entwickelt, bei dem wir in über 350 Mensen in 119 Hochschulstädten in ganz Deutschland ausliegen. In der Vorlesungspause kann man sich Zeit Campus kaufen, bekommt einen Kaffee und eine Süßigkeit dazu. Das Wohlfühlpaket scheint etwas mit den Studierenden zu machen – es ist oft das, an was sich ehemalige Leser erinnern. Die Plattform der Gen Z ist Instagram; 23 Prozent der 18- bis 24-Jährigen lesen dort Nachrichten (Reuters Institute Digital News Report 2019). Zeit Campus hat bei Instagram inzwischen mehr als 16.000 Follower und wir wachsen stetig. Es ist für uns ein toller Kanal, um sich mit Leserinnen und Lesern auszutauschen, wir können dort auch gut für die Magazin-Geschichten influencen. Denn: Es reicht nicht mehr, nur als Print-Produkt am Kiosk zu liegen und darauf zu warten, gefunden zu werden. Wir müssen im Vergleich zu früher mehr Marketing für unsere recherchierten Artikel betreiben. Jeder Redakteur vertreibt seine Geschichte selbst in den sozialen Netzwerken. Außerdem ist die Sehnsucht größer danach, sich auf Veranstaltungen mit Menschen auszutauschen, denen es ähnlich geht, die vielleicht auch gerade in den Beruf starten. Mit diesen Veranstaltungen verfolgen wir einen Community-Gedanken. Egal, ob das bei der Zeit Campus Pop Up-WG ist, oder beim Recruitingevent Talents@Zeit "Frauen führen anders".

kress.de: Häufig ist ja auch von der Generation Praktikum zu lesen. Wie schwer fällt es heutzutage eigentlich, den konkreten Startpunkt für den Wechsel vom Uni- ins Berufsleben zu definieren? Nach dem wievielten Praktikum wird es "ernst"?

Martina Kix: Das ist schwer pauschal zu beantworten. Wir haben gerade eine neue Kollegin eingestellt, die neun Praktika gemacht hat. Generation Praktikum gibt es also immer noch. Aber bei Informatikerinnen und Informatikern oder Ingenieurswissenschaftlern ist das ganz anders. Dort werden manche Studierende direkt aus dem Hörsaal angeworben. Ich habe neulich gelesen, dass die Gen Z bis Ende 30 im Durchschnitt in zehn bis 14 verschiedenen Jobs gearbeitet haben wird. Die Ansprüche an den Job steigen. Viele sind auch nicht mehr bereit unendlich viele unbezahlte Praktika zu machen.

"Die Gen Z startet selbstbewusst ins Berufsleben. Sie ist leistungsbereit, aber auch freizeitbewusst."

kress.de: Was sind denn die brennenden Fragen, die an Sie und Ihre Redaktion rund um das knifflige Thema Berufseinstieg herangetragen werden?

Martina Kix: Kann ich als Berufseinsteiger in Teilzeit starten? Muss ich immer im Büro arbeiten? Wenn ich mich ehrenamtlich engagiere, bekomme ich dafür zusätzliche freie Tage? Aber auch: Wie kann ich mich heute von anderen abheben? Die Gen Z startet selbstbewusst ins Berufsleben. Sie ist leistungsbereit, aber auch freizeitbewusst. Wir sehen das auch bei unseren Hospitanten: Die schreiben tolle Texte, recherchieren gründlich und sind wahnsinnig engagiert. Aber sie wollen auch pünktlich um 18 Uhr Feierabend machen. Neu ist auch das Selbstbewusstsein, was wir mit Formaten wie "Verbotene Fragen" vermitteln wollen. Bei dem Format geht es um Fragen, die der Chef beim Auswahlverfahren nicht stellen sollte.

kress.de: Wie müssen aus Ihrer Sicht die Unternehmen reagieren, um sich angesichts des demografischen Wandels und des Buhlens um Talente für junge Berufseinsteiger attraktiv zu halten?

Martina Kix: Manche Unternehmen stellen einen Kicker auf und werben in Stellenanzeigen damit, dass man sich auch die Onlinebestellungen ins Office schicken lassen kann. Um ehrlich zu sein: Ich glaube nicht, dass man damit langfristig junge Mitarbeiter begeistern kann. Es geht viel mehr um die Arbeitskultur, um Feedback, Transparenz und Wertschätzung. Ein Aspekt, der sehr einfach klingt, aber scheinbar schwierig ist: zuhören. Unternehmen müssen die Anliegen junger Mitarbeiter ernst nehmen, dann können sie diese für sich gewinnen und fördern.

kress.de: Was sind die größten Fehler der Personalverantwortlichen in noch eher traditionell geprägten Häusern und Branchen?

Martina Kix: Eine große Frage – ich möchte mir nicht anmaßen, zu erklären, wie es besser geht. Ich kann nur für Die Zeit sprechen, die ja auch eine große Tradition hat: Ich bin wahnsinnig beeindruckt, wie viele Projekte an allen Ecken entstehen. Wir arbeiten zurzeit mit den Kollegen von Zeit Campus Online an einem Re-Design unseres wöchentlichen Newsletters, an einem Podcast und haben Anfang Oktober den Zeit Campus Ratgeber Promotion herausgebracht. Dessen Start-Auflage von 25.000 Exemplaren war innerhalb einer Woche vergriffen, wegen der großen Nachfrage drucken wir jetzt nach. Wir hören zu, wir bleiben flexibel und vertrauen einander. In einer wertschätzenden Atmosphäre können sich Ideen entfalten, das gilt für Die Zeit und sicher auch für andere Unternehmen.

kress.de: Wenn Sie auf Ihre eigene Medien-Karriere zurückblicken: Welche Tipps würden Sie jungen Interessenten unbedingt mit auf den Weg geben?

Martina Kix: Weitermachen. Und: dranbleiben. Ich selbst war die Erste in meiner Familie, die Abitur gemacht und studiert hat. Meinem Vater wäre es lieber gewesen, wenn ich eine Ausbildung bei der Sparkasse gemacht hätte. Meine Mutter hat nicht verstanden, warum ich mit 27 Jahren noch an die Deutsche Journalistenschule gehen muss. Es gab also einige Widerstände. Ich hätte mich an vielen Punkten in meinem Leben für einen anderen Karriereweg entscheiden können. Aber ich bin drangeblieben. Am Ende ist Journalistin sein eben doch ein Job, der viel Sinn stiftet und nie langweilig wird. Was beim Weitermachen und Dranbleiben hilft: Mentorinnen und Mentoren, die mal über einen Text lesen oder mit Kontakten helfen.

kress.de-Tipp: Der neue Zeit Campus-Ableger "Ratgeber Berufseinstieg 2020" kann hier online bestellt werden.

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