Wie unverschämt darf ich bei der Jobsuche sein?

 

Home-Office-Tage, Unterstützung bei einem Umzug, Arbeiten aus dem Ausland. Viele Medienprofis sind unsicher, wie viele Sonderwünsche sie bei Bewerbungen überhaupt anmelden sollten. Mediencoach Attila Albert über die Balance aus Pragmatismus und berechtigten Ansprüchen.

Der Ressortleiter einer Tageszeitung, zweifacher Vater, hatte sich bei einem anderen Verlag auf eine neue Stelle beworben. Er kam bis in die Endrunde, aber zunehmend beschlichen ihn Zweifel: Das Unternehmen betonte mehrfach, wie wichtig "voller Einsatz" sei. Seine Fragen nach einem Home-Office-Tag pro Woche oder Teilzeit wurden abgetan, "das würde gar nicht zu unserer Kultur passen". Allerdings war genau das ihm wichtig für die nächste Lebensphase. Er brauchte absehbar bald einen neuen Job, weil seine Redaktion massiv Stellen strich und fragte sich angesichts seines Zögerns gleichzeitig, ob er zu viel erwarte.

Gerade bei einem nicht ganz einfachen Arbeitsmarkt ist es grundsätzlich anzuraten, flexibel zu sein. Wer nach einen Job sucht, der alle vorher erträumten Kriterien erfüllt, wird ihn selten finden. Gleichzeitig gilt das nur bis zu einem gewissen Grad. Persönliche Mindestkriterien sollten definiert und nicht verhandelbar sein. Zu Beginn der Karriere beziehen sie sich meist auf die Arbeit selbst (bei welchem Titel, Aufgaben) und das Einkommen. Später wird der Blick ganzheitlicher und sozusagen eine Gesamtrechnung aufgemacht: Job und Einkommen sollten stimmen, aber was kostet mich das in meinen anderen Lebensbereichen?

Flexible Arbeitszeit besonders gewünscht

Zu den häufigsten Wünschen gehört mehr Flexibilität bei Arbeitszeit und -ort. Sei es, um mehr Zeit für Partner, Kinder oder Freunde zu haben, den Arbeitsweg zugunsten von mehr Freizeitaktivitäten zu verkürzen oder um eine nebenberufliche Selbstständigkeit aufzubauen. Für andere sind Gesundheit und Wohlbefinden eine Priorität geworden: Mehr Zeit für Sport, weniger Dienstreisen, länger schlafen können durch einen kürzeren Arbeitsweg. Ein Klient wünschte sich eine Stelle ohne Sonntagsdienste. Ihm war es wichtig geworden, sonntags in die Kirche gehen zu können und danach mit der Familie etwas zu unternehmen.

In der Praxis zeigt sich, dass sich viele Medienhäuser noch immer schwer tun, regelmäßige Home-Office-Tage oder Teilzeit auch für leitende Mitarbeiter anzubieten. Arbeiten ganz von zu Hause oder sogar aus Ausland - in die Redaktion nur für wichtige Meetings - ist etwas, das einige wenige Reporter, Redakteure und Autoren tatsächlich aushandeln können. Für die meisten bleibt das aber solch eine kühne Vorstellung, dass sie gar nicht erst danach fragen würden. Selbst, wenn es gesetzliche Ansprüche (Teilzeitgesetz) oder betriebliche Vereinbarungen gibt, kann im Bewerbungsgespräch schnell der Eindruck entstehen, dass man besser nicht auf solchen Forderungen besteht, um seine Chancen nicht zu gefährden.

Eigene Mindestkriterien kennen und einhalten

Sind solche Wünsche nun unverschämt, überzogen oder zumindest unrealistisch? Das hängt von der genauen Situationen ab. Wer als Spezialist gefragt ist und auch andere berufliche Optionen hat, kann Forderungen stellen - in Bezug auf Position ("Titel") und Gehalt, aber auch auf Extras. Ebenso, wer zwar auf gewissen Punkten besteht, dafür aber in anderen ungewöhnlich flexibel ist. Beispiel: Eine Stelle annehmen, die mit einem Umzug verbunden ist, dafür aber ein deutlich höheres Gehalt, Umzugsbeihilfe und eine flexible Arbeitszeit (z.B. eine Woche pro Monat von daheim arbeiten) aushandeln.

Wenn bereits frühzeitig Widerstand beim potentiellen Arbeitgeber erkennbar ist, sollte man sich bei aller Kompromissbereitschaft fragen: Will ich überhaupt bei einem Unternehmen arbeiten, das ganz andere Werte als ich selbst vertritt? Natürlich kann man sich immer "einen Ruck geben", um die Stelle zu bekommen. Allerdings wird man danach allein die Konsequenzen tragen müssen, und zwar möglicherweise jahrelang. Als häufiger Irrtum stellt sich beispielsweise heraus, sich zu einem Umzug von der Groß- in die Kleinstadt zu zwingen, um eine Stelle bei einem Lokal- oder Regionalverlag zu bekommen, obwohl der Partner nicht umziehen will und man selbst auch einen eher urbanen Lebensstil schätzt.

Im Coaching ermutige ich Klienten, beide Kriterien im Auge zu behalten: Eine gewissen Pragmatismus, um überhaupt realistische Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben - aber auch das Wissen, was für das eigene Glücklichsein wichtig oder sogar entscheidend ist. Dazu gehören ganz praktische Aspekte, aber auch kulturelle: Welches Arbeitsklima, welcher Umgangston, welcher Führungsstil funktioniert für mich und wo weiß ich ich schon vorher, dass es es schiefgehen wird? Vertrauen Sie dabei auf Ihr eigenes Urteil, wenn man sie zu etwas anderem drängen will - am Ende wissen Sie am Besten, was gut für Sie ist.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

Sind Sie zufrieden mit ihrem Arbeitgeber? Wir recherchieren Woche für Woche alle Jobangebote aus der Branche und machen daraus einen Newsletter. Ein Blick auf Ihren Marktwert lohnt sich immer. Vielleicht stimmt ja der Job, nicht aber das Geld.

Sie stellen ein? Hier können Sie Ihre Stellenanzeige aufgeben.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem kressexpress. Kostenlos unseren Newsletter abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Weitere Beiträge zu diesem Thema
Inhalt konnte nicht geladen werden.