Kennen Sie eigentlich Selbstzweifel, Herr Steingart?

 

Er kommt aus einer aufmüpfigen Familie, in der das Motto galt: Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt. Gabor Steingart spricht im kress pro-Interview über die scharfen Brüche in seiner Karriere und seinen Rauswurf bei Dieter von Holtzbrinck.

kress pro: War es am Ende ein Glück, dass Sie im vergangenen Jahr bei der Handelsblatt Media Group von Dieter von Holtzbrinck gehen mussten?

Steingart: Dafür habe ich es in der Situation als zu hart und ungerecht empfunden, um das jetzt im Nachhinein als Glück zu klassifizieren.

kress pro: Waren Sie damals verletzt?

Steingart: Das würde ich schon sagen, ja.

kress pro: Wollen Sie Dieter von Holtzbrinck jetzt beweisen, dass Ihre Pläne für die Handelsblatt Media Group funktioniert hätten?

Steingart: Das hat unser nach wie vor intaktes Verhältnis nicht nötig. Keiner muss dem anderen etwas beweisen. Ich bin dankbar für die acht Jahre einer ausnahmslos angenehmen und erfolgreichen Zusammenarbeit. Am Ende hat es strategisch nicht mehr gepasst.

kress pro: Was genau hat nicht gepasst?

Steingart: Ich wollte mich vom Ballast der Papierberge trennen, weiter digitalisieren und auch mit Blick auf Europa internationalisieren. Ich sah nach dem Brexit und nachdem Springer bei der Financial Times in London nicht zum Zuge kam, eine Lücke im englischsprachigen Markt für einen hochwertigen Wirtschaftsjournalismus made in Germany. Ich glaube nach wie vor, dass das Handelsblatt eine wunderbare, eine starke Marke ist, die im Zeitalter der Digitalisierung das Potenzial für eine Europäisierung bietet.

kress pro: Aber Sie konnten Dieter von Holtzbrinck nicht überzeugen.

Steingart: Offenbar.

kress pro: Sie haben eine blitzsaubere Karriere hingelegt, aber es gibt auch scharfe Brüche. Beim Spiegel sind Sie nicht Chefredakteur geworden, bei der Handelsblatt Media Group wurden Sie rausgeworfen. Was sehen Sie selbst, wenn Sie auf Ihre Biografie blicken?

Steingart: Ich habe Erfahrung im Gefeuertwerden. Ich wurde aus dem Kirchenchor entlassen, weil ich angeblich gebrummt habe. Ich musste kurz vor dem Abitur das Internat verlassen, weil angeblich in meinem Zimmer eine gut besuchte Party stattfand. Ich kann nur jedem jungen Menschen mit hohem Energielevel wünschen, dass er gütige Menschen in seinem Umfeld findet, wenn es zu Brüchen kommt. Der Aufstieg ist nicht so schwer. Auf das Wiederaufstehen kommt es an.

kress pro: Fiel Ihnen das schwer?

Steingart: Sie dürfen nicht vergessen, dass mein Vater am Ungarn-Aufstand als bewaffneter Student in Budapest beteiligt war. Er hat mit seinen Kommilitonen den Stalin, die Stalin-Büste, buchstäblich vom Sockel geholt. Ein Stück dieser Bronzestatue von Stalin befindet sich in meinem Arbeitszimmer. Ich komme also aus einer aufmüpfigen Familie, in der das Motto galt: Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt. Gemessen an den Risiken meines Vaters sind meine Risiken lächerlich. Vielleicht haben mich die eigenen Niederlagen deswegen in Wahrheit auch nicht so berührt.

kress pro: Kennt einer wie Sie eigentlich Selbstzweifel?

Steingart: Ja, klar.

kress pro: Von außen wirkt das nicht so.

Steingart: Doch. Aber die diskutiere ich nicht mit Ihnen, sondern mit mir; deswegen heißen sie ja auch Selbst-Zweifel.

kress pro: Herr Steingart, Sie polarisieren wie kaum ein Zweiter. Für andere sind Sie nicht immer ganz einfach zu nehmen. Wie gehen Sie eigentlich damit um?

Steingart: Bei mir stand schon im Schulzeugnis: Gabor erkennt keine Autoritäten an. Für einen Journalisten ist das kein schlechter Satz, aber der Umstand macht den Umgang für die anderen vielleicht nicht immer einfach. Insofern kann ich alle, die sich an mir reiben, nur um Vergebung bitten.

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