Was würden Sie mit 10 Millionen Euro machen - Zeitung oder Start-up?

 

Würden Sie lieber in Regionalblätter wie die Stuttgarter Zeitung investieren oder in ein Start-up wie Readly? kress pro-Chefredakteur Markus Wiegand schickt Ihnen eine gute Fee. 

Stellen Sie sich vor, es kommt eine gute Fee zu Ihnen und schenkt Ihnen 10 Millionen Euro. (Falls Sie sich dann besser fühlen: Stellen Sie sich auch vor, dass die Fee das Geld vorher nach allen Regeln der Kunst versteuert hat.) Sie bekommen das Geld aber nur, wenn Sie es sofort investieren. Jetzt stellen Sie sich weiter vor, dass Sie dazu nur die Möglichkeit in Stuttgart oder in Stockholm haben. Sie müssen sich entscheiden zwischen Schwaben und Schweden, zwischen dem Regionalgeschäft der Südwestdeutschen Medienholding (SWMH) und dem internationalen Start-up Readly, das Lesern für eine Flatrate von 9,99 Euro den Zugriff auf mehr als 4.500 Magazine weltweit bietet. Als langjährige "kress pro"-Abonnentin gibt Ihnen die gute Fee diese Ausgabe mit und verweist auf die Interviews mit SWMH-Manager Herbert Dachs und Readly-Chefin Maria Hedengren.

Die Gemeinsamkeiten: Beide Unternehmen haben Profis an der Spitze. Herbert Dachs kennt das Regionalgeschäft aus dem Effeff, Maria Hedengren arbeitet seit vielen Jahren für schnell wachsende Start-ups. Beide Geschäftsmodelle sind sich auf den zweiten Blick überraschend ähnlich und kombinieren B2B und B2C. Herbert Dachs setzt auf Vertriebserlöse (B2C) mit Anzeigenerlösen (B2B). Maria Hedengren sammelt Vertriebserlöse (B2C) ein und verteilt sie an die Publisher, die ihre Magazine digital zuliefern (B2B).

Die Unterschiede: Readly ist international ausgerichtet und wächst schnell. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz um 54 Prozent auf 19 Millionen Euro. Das Regionalgeschäft der SWMH (mit Titeln wie der "Stuttgarter Zeitung") ist auf Süddeutschland begrenzt. Die größten Unterschiede aber gibt es in der Unternehmenskultur. Am Sitz der Readly-Zentrale in der Stockholmer Innenstadt findet man nicht mal ein Klingelschild mit dem Namen des Unternehmens. In einem Großraumbüro sitzen die Führungskräfte und arbeiten mit dem Team zusammen. Die SWMH haust in einem Hochhaus am Stadtrand von Stuttgart, die Führungskräfte oben in Einzelbüros, der Rest weiter unten.

Die Vorteile: Readly hat ein skalierbares, digitales Geschäftsmodell und eine ehrgeizige Chefin. Das Start-up lebt in der neuen Welt. Wenn das Ganze funktioniert, locken hohe Millionengewinne. Die haben die Titel der SWMH schon heute. Bei einem geschätzten Umsatz von mehr als 450 Mio. Euro ist die Ebitda-Marge (vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) immer noch knapp zweistellig.

Die Nachteile: Readly schrieb wegen der internationalen Expansion 2018 einen Verlust von rund 10 Mio. Euro. Es wird dauern und sehr viel Geld kosten, das Modell zu etablieren. Zudem steigt mit Apple jetzt ein Gigant in denselben Markt ein. Fraglich ist, ob das Readly-Modell wirklich aufgeht. Premium-Titel sind bisher kaum dabei und die Erlöse pro Nutzer tief. Das Geschäft ist derzeit für die Publisher allenfalls ein kleines Zubrot, birgt aber die Gefahr der Kannibalisierung. Der große Nachteil des Regionalgeschäfts der SWMH: Es bröckelt seit Jahren. Der Werbeumsatz sinkt und die Vertriebserlöse können bestenfalls dank Preiserhöhungen stabil gehalten werden. Zudem hat die SWMH bisher kaum digitale Erlöse. Das Geschäft hängt in der alten Welt.

Okay, Sie erwarten jetzt natürlich, dass sich der Chefredakteur eines Fachmagazins entscheidet. Mit viel Risiko ins Digitale? Oder lieber auf Nummer sicher, wenigstens für die nächsten Jahre? Ich würde ein Drittel auf Readly setzen. Und zwei Drittel auf das Regionalgeschäft der SWMH.

Allerdings hätte ich dann zwingend zwei weitere Wünsche an die gute Fee:

1. Dass die SWMH auch Dividenden auszahlt. Jahrelang haben die mehr als drei Dutzend zumeist kleinen Anteilseigner nämlich kein Geld gesehen, weil das Unternehmen den überhöhten Kaufpreis für die "Süddeutsche" abstottern musste.

2. Dass Maria Hedengren dies nie liest.

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Der Text von Chefredakteur Markus Wiegand bildet das Editorial zum aktuellen kress pro. Sie können die 108-seitige kress pro-Ausgabe 9/2019 in unserem Shop bestellen.

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