Was hat Netflix eigentlich mit Sex zu tun?

 

Unser "Was mit Englisch"-Kolumnist Peter Littger klärt auf - über Kofferwörter in den Medien. Von A bis Z.

Kunstwörter haben in den Medien eine lange Geschichte, vor allem englische. Da sind die Begriffe aus völlig anderen Lebensbereichen, die ein Eigenleben entwickelt haben. So wie "Apple" oder "Virgin". Da sind fantastische Neuschöpfungen wie "Google" oder "Twitter". Und nicht selten werden einzelne Wortteile und Abkürzungen zu neuen Wörtern zusammengeschraubt: Joyn oder Yelp, Advertorial oder Listicle, Instagram oder Netflix - um nur ein paar Beispiele zu nennen, die jeder kennt.

Denken Sie in diesen Wochen alleine an "Xmas", die flotte Variante von "Christmas". Wer hätte gedacht, dass das medien- und marketingtaugliche Kunstwort schon vor mehr als 250 Jahren in England kursierte? "Brexit" ist ein anderes Beispiel aus dem Mutterland der englischen Sprache. Es kreist seit sechs Jahren im medialen Orbit und ist aus dem "Grexit" hervorgegangen, der damals die internationalen Medien beschäftigte. Ich möchte darauf wetten, dass wir bald auch viel vom "Scoxit" hören werden ...

Damit sind wir beim heimlichen Wunsch von Journalisten und Medienmanagern  irgendwann selbst einmal einen praktischen Fanatasiebegriff zu prägen. Sprachforscher nennen sie übrigens "Kofferwörter" oder - ausgerechnet auf Französisch - "Portemanteaus". Der Ehrgeiz ist verbreitet. Zum Jahresende und als Inspiration für 2020 habe ich deshalb ein Glossar verbreiteter Kofferwörter in den Medien zusammengestellt.

A wie Advertorial. Man nannte es früher Schleichwerbung. Der aus den USA stammende Begriff erschien zum ersten Mal 1961 in englischen Wörterbüchern.

B wie Biopic. Wir könnten es auch "biografischer Film" nennen. In den USA wurden Biopics in den 1950ern populär.

C wie Crowdsourcing. Vor der Schöpfung und Verbreitung dieses Worts im Jahr 2006 hätte man es bei uns als eine Art freiwillige Zusammenarbeit von Gleichgesinnten beschrieben, die gemeinsam mehr erreichen und ihre Kosten verringern wollen. Seit Frank Schätzing sprechen wir auch vom "Schwarm" und seiner unermesslichen Intelligenz.

D wie Docusoap. Eine Art "Reality TV", zum ersten Mal 1991 erwähnt, als Kreuzung aus "Documentary" and "Soaps" - die schon in den 1940ern aufkamen.

E wie Email. Oder wie Emoji und Emoticon. Bloß "Emomails" gibt es noch nicht.

F wie Freemium. Was es früher im Supermarkt als "Stück Wurst für den Kleinen" obendrauf gab, gibt heute als Anreiz für alle, zum Beispiel in Museen oder bei Medienangeboten.

G wie Guesstimate. Offenkundig "guess" plus "estimate" - die management-taugliche Variante von "Pie mal Daumen".

H wie Hacktivist - wenn Greta Thunberg auch programmieren könnte, also "Hacker" wäre.

I wie Infotainment. Die Vermählung aus Information und Entertainment nannten wir früher "Bildzeitungsjournalismus". Der Begriff "Infotainment" verbreitete sich während der 1980er.

J wie Joyn. Im 2019 gegründeten Streaming-Dienst von P7S1 sollen sich "joy" und "join" vereinen - English made in Germany.

K wie Knowledgebase. Eine Datenbank mit viel Wissen.

L wie Listicle. Listen und Charts gibt es schon lange. Aber dieses klickfreundliche Genre ist gerade einmal zehn Jahre alt. 

M wie Mockumentary. Ein tolles Format. Die Verbindung von "mock" (Pseudo, Schein) und "Documentary". Schon mal "Life's too short" gesehen?

N wie Netiquette.

O wie Oxbridge. Kein Medienbegriff, aber eines der ersten Kofferwörter überhaupt. Steht für die Universitäten von Oxford und Cambridge.

P wie Podcast. Früher gab es nur Hörspiele und Radiosendungen. Heute hören wir "Broadcast" aus einer Schote ("pod") - also eine Art Sprechfunk im Glas.   

Q wie Qubit. Schon Bit ist ein Kofferwort aus "binary" + "digit". Ein Quantenbit ist die kleinste Einheit von Quantencomputern und -kryptografie. Das sind auch Medien, aber wahrscheinlich zu hoch für uns.  

R wie Romcom. Die Hochzeit von "romantic" + "comedy".

S wie Sitcom. Die Zweckehe von "situation" + "comedy".

T wie Teurorist. Das habe ich selbst erfunden - um Journalisten zu beschreiben, die vor der Teuerung des Euro warnen. Das war 2001 in der "Zeit".

U wie Unicode. Steht für "unique, universal, unified encoding". Der Standard für Schriftzeichen.

V wie Vlog. Das Video Logbuch.

W wie Wikipedia. Einfach mal nachschauen.

X wie das Ende von Netflix. Eine Verlötung von "Net" und "Flix" - die Abkürzung von "Flicks", also die Mehrzahl von "flick". Das ist in den USA ein Film, ähnlich unserem "Streifen". Vielen Menschen wittern einen Zusammenhang zwischen Netflix und dem wohl berühmtesten Wort mit "x": Sex! Der stammt tatsächlich vom Werbeslogan "Netflix and chill". Er bedeutet so viel wie: Lass uns einen Film gucken und dann Sex haben. Ob der RBB mit "RBB and chill" dasselbe sagen wollte?

Y wie Yelp. Die Verbindung von "Yellow (Pages)" und "Help".

Z wie ...? Muss noch erfunden werden! Vorschläge und Anregungen bitte an info(at)littger.com

Mehr über den Autor Peter Littger unter http://www.littger.com/;  Instagram: denglishpatient, Twitter: fluentenglish.

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