Mit Hass und Hetze allein gelassen: Richard Gutjahrs schwere Vorwürfe gegen den BR-Intendanten

02.01.2020
 

"Nach 22 Jahren ist heute mein letzter Tag als sog. fester freier Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk", teilte Richard Gutjahr an Silvester auf seinem Blog mit. Warum der Journalist BR-Intendant Ulrich Wilhelm hart angeht - und wie der BR reagiert. 

"Dass die BR-Führungsspitze meine Familie und mich mit dem Hass und der Hetze in Folge meiner Berichterstattung für die ARD allein gelassen hat - geschenkt. Dass der Intendant und seine engsten Mitarbeiter später versucht haben, das Kontrollgremium des Bayerischen Rundfunks zu täuschen und hinter verschlossenen Türen immer wieder die Wahrheit zu verbiegen, kann ich so nicht stehen lassen", schreibt Richard Gutjahr in eigener Sache auf seiner Webseite.

Weiter heißt es: "Ich bin mir bewusst, dass ich mit dieser Veröffentlichung viel riskiere und ich mich angreifbar mache. Auf der anderen Seite: Wenn wir nicht endlich lernen, eine gemeinsame Stimme in Bezug auf Hass und Hetze gegen Journalisten und Politiker zu finden und weiterhin versuchen, eigene Versäumnisse unter den Teppich zu kehren, dürfen wir uns nicht wundern, dass unsere Gegner uns immer zwei Schritte voraus sind. Das ist kein Spiel mehr. Womit wir es hier zu tun haben ist todernst."

Gutjahr zeigt auf seinem Blog einen Brief an BR-Intendant Ulrich Wilhelm. Darin erhebt Gutjahr schwere Vorwürfe: "Vor drei Jahren hatte ich mich in einem persönlichen Brief an Sie gewandt. Ich hatte versucht, Ihnen die Situation begreiflich zu machen, in der sich meine Familie und ich befinden. Sie hätten uns helfen können, hätten sich aktiv und für alle Welt sichtbar vor Ihren Mitarbeiter stellen können. Der Intendant des Bayerischen Rundfunks, zugleich Vorsitzender der ARD - was für ein Zeichen wäre das gewesen! Stattdessen haben Sie weggeschaut - und das obwohl Sie als einer der Wenigen schon frühzeitig über alle Details, insbesondere über die antisemitischen Motive unserer Angreifer, bestens informiert waren."

Gerade Wilhelms öffentlichen Äußerungen in jüngster Zeit über die Verantwortung des BR in Zeiten von Fake News und Hate Speech seien für ihn nur mehr schwer zu ertragen gewesen, betont Gutjahr. "Wie kann man sich auf Bühnen stellen und von Werten reden, wenn man diese im Tagesgeschäft aber auch gegenüber dem eigenen Rundfunkrat so eklatant vermissen lässt? Wenn uns Medienmacher etwas von den großen Tech-Konzernen aus dem Silicon Valley unterscheidet, dann doch wohl unser journalistisches Ethos."

Am Ende des Briefs streckt Gutjahr dem BR-Intendanten aber doch die Hand aus: "Was geschehen ist, ist geschehen. Das heißt nicht, dass ich aus der Welt bin. Ich bleibe (hoffentlich) auch ohne den BR Teil der ARD-Familie und würde in Zukunft gerne die Erfahrungen, die ich in den letzten drei Jahren gemacht habe, weitergeben und dabei helfen, Lösungswege im Umgang mit dem wachsenden Hass zu finden."

Der Bayerische Rundfunk hat auf Twitter zu den Vorwürfen von Gutjahr Stellung genommen:

"Der Hass, der Richard Gutjahr seit drei Jahren im Netz entgegenschlägt, ist beschämend. Die Verschwörungstheorien sind absurd, die Drohungen Herrn Gutjahr gegenüber erschütternd. Die Geschäftsleitung und der Vorsitzende des Rundfunkrats des BR haben sich in den letzten drei Jahren mehrfach und intensiv mit allen Facetten des Falles beschäftigt. Der Rundfunkrat hat ausführlich über den Fall beraten. Herr Gutjahr erhielt finanzielle Unterstützung auch im Hinblick auf ihm entstandene Prozesskosten."

Die wiederkehrende öffentliche Kritik von Richard Gutjahr enthalte keine neuen Aspekte und sei im Kern nicht zutreffend, so der BR. Der ARD-Sender weist insbesondere den Vorwurf der Lüge und Täuschung durch den Intendanten Ulrich Wilhelm strikt zurück.

Man habe Gutjahr auch eine Weiterbeschäftigung in einem interessanten, auf seinen Themenbereich zugeschnittenen Bereich angeboten. Gutjahr aber nicht annehmen wollen. Daraufhin sei es bereits im März 2019 zu einem Aufhebungsvertrag in gegenseitigem Einvernehmen gekommen. Seitdem sei Gutjahr nicht mehr für den BR tätig gewesen.

Weiter teilt der BR mit: "Die Entwicklungen im Netz, wie sie auch Richard Gutjahr beschreibt, haben dazu geführt, dass der BR zusammen mit dem Bayerischen Justizministerium, der BLM und vielen weiteren Medien eine Initiative gegen Hass im Netz gestartet hat."

Hintergrund: Gutjahr hatte unter anderem die Sendung "Rundschau-Nacht" im BR moderiert. Er war 2016 im Urlaub Zeuge des Terroranschlags in Nizza geworden, bei dem 86 Menschen ihr Leben verloren. Er berichtete als BR-Journalist für die ARD darüber. Nur acht Tage später wurde Gutjahr wieder Zeuge eines dramatischen Verbrechens: dem Amoklauf in seiner Heimatstadt München mit neun Toten. Er berichtete erneut. In dem Brief an Wilhelm schreibt Gutjahr, bis heute würden er und seine Familie seither etwa von Verschwörungstheoretikern terrorisiert, bis hin zu Morddrohungen.

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