Nach Relotius: Wie Chefredakteur Steffen Klusmann den Spiegel erneuert

 

kress hat Spiegel-Chef Steffen Klusmann als Chefredakteur des Jahres ausgezeichnet. Er hat den vom Fälscher Claas Relotius verursachten Brand im Haus gelöscht und arbeitet zugleich daran, dessen Fundamente zu erneuern. Wie Klusmann dabei vorgeht.

Steffen Klusmann war in seinem ersten Jahr mehr als gut damit beschäftigt, den von Claas Relotius beim "Spiegel" entfachten Brand zu löschen, doch er arbeitete auch daran, seine Fundamente zu erneuern; der Krisenmanager verdrängte den Redaktionsmanager nicht vollkommen. Die Fusion von Print- und Onlineredaktion, ein konfliktträchtiges Großprojekt, hat große Fortschritte gemacht, bis Anfang 2020 soll klar sein, wie sie für jedes Ressort durchdekliniert wird. Dann steht auch ein Relaunch der Website an.

Wichtige Entscheidungen im Fusionsprozess haben Gesellschafter und Geschäftsführung des "Spiegel" vor Klusmanns Start getroffen, so die im September vollzogene Gründung eines Gemeinschaftsbetriebs von "Spiegel" und Spiegel Online, die schrittweise Öffnung der Mitarbeiter KG für die Onliner sowie die Angleichung von Gehältern und Arbeitskonditionen von Print- und Onlineredakteuren. Doch Klusmann erwies sich wegen seines Naturells und Führungsstils als der richtige Mann für die Details. "Journalismus ist generell eine ziemlich hierarchische Veranstaltung", meint er. "Wir versuchen dennoch, den Ressortleitern möglichst viel Freiraum zu geben, weil sie am besten wissen sollten, was in ihren Ressorts zu tun ist."

Schon in seinen bisherigen Führungspositionen hat Klusmann sich den Ruf eines pragmatischen, hemdsärmeligen und uneitlen Machers erworben, dem die Sache über die eigene Karriere geht. Bei den Jahresfeiern seiner Ex-Kollegen von der "Financial Times Deutschland" ist er ein gern gesehener Gast, obwohl er 2012 als Chefredakteur die Einstellung der Wirtschaftszeitung exekutierte.

"Ich versuche, mit gutem Vorbild voranzugehen und Dinge, die ich von anderen verlange, selbst hinzukriegen und vorzuleben", sagt Klusmann über seinen Führungsstil. Eine Redaktion schätze es, wenn einer Klartext redet, glaubt er. "Ich sage offen, was ich denke, kann mich aufregen, beruhige mich dann aber auch schnell wieder. Und ich glaube, dass ich Kritik ganz gut abkann. Aber das können andere besser beurteilen."

Selbstbild und Fremdbild gehen in diesem Fall nicht weit auseinander: "Spiegel"-Mitarbeiter beurteilen Klusmann ähnlich: "Er hört sich jede Meinung an und kehrt den Chefredakteur nicht so heraus", sagt ein "Spiegel"-Redakteur, dem auch aufgefallen ist, dass Klusmann sich bei Besprechungen schon einmal auf den Boden setzt, obwohl noch ein Stuhl frei ist. Ein anderer lobt den Chefredakteur als "Mann der klaren Worte" und "wirklich guten Organisator, der sich wohltuend abhebt von der bisherigen Kultur der sich selbst darstellenden und inszenierenden Charaktere". Auch als Blattmacher wird Klusmann intern geschätzt, wenngleich viele seine Neigung nervt, noch kurz vor Redaktionsschluss in Texte einzugreifen.

Klusmann hat in gewisser Weise wahrscheinlich vom Fall Relotius profitiert. Die Redaktion rückte wegen des Drucks von außen zusammen, niemand kam auf die Idee, in alter Manier mal eben den Chefredakteur zur Disposition zu stellen. Für immer und ewig ist aber auch Klusmann nicht gegen Entwicklungen gefeit, die allen seinen Vorgängern seit Stefan Aust über kurz oder lang den Job kosteten. Dass der Chefsessel bei dem Magazin so wackelig ist, hängt mit der Konstruktion seiner Führungsetage zusammen: Klusmanns geschasster Vorgänger Klaus Brinkbäumer hat in einem Interview mit "kress pro" bemängelt, dass es dem Unternehmen an einer klaren Definition und Abgrenzung der Rollen von Gesellschaftern, Geschäftsführern und Chefredakteuren fehle ("kress pro" 7/19). Manche Geschäftsführer des Mehrheitsgesellschafters Mitarbeiter KG fühlten sich bei allen Fragen mächtig und kompetent, obwohl sie es "womöglich nicht bei jedem Thema sind", kritisierte Brinkbäumer weiter. Und in der KG würden zuweilen "persönliche Kränkungen aufgearbeitet und individuelle Karrieresprünge vorbereitet".

In die Mühlen der großen Hauspolitik ist Klusmann noch nicht geraten, doch seine Besonderheiten und Befindlichkeiten hat er im Blick. Den Kress Award als Chefredakteur des Jahres kann er daher eigentlich nicht gebrauchen. Er weiß ja, dass zu viel Lob oder gar Lobhudelei von außen ihm in seiner misstrauischen Redaktion nicht weiterhilft.

...

Wie Steffen Klusmann den vom Fälscher Claas Relotius verursachten Brand im Haus gelöscht hat, lesen Sie in der kompletten Story von Henning Kornfeld zum Spiegel-Chefredakteur in kress pro. Bitte bestellen Sie die 124-seitige kress pro-Ausgabe 10/2019 in unserem Shop.

Ein kress pro-Abo können Sie in unserem Shop ebenfalls abschließen. Es bietet Ihnen unlimitierten Zugriff auf mehr als 200 Best-Cases aus Vertrieb, Vermarktung, Personal, Redaktion und Strategie und mehr als 50 Strategie-Gespräche mit den Top-Leadern der Branche. 40 Dossiers sind zudem im Abo inklusive.

Sie sind bereits Abonnent? Dann loggen Sie sich bitte unter Mein kress ein und lesen das aktuelle E-Paper.

kress pro - das Magazin für Führungskräfte in Medien - erscheint wie kress.de im Medienfachverlag Oberauer. Chefredakteur ist Markus Wiegand.

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem kressexpress. Kostenlos unseren Newsletter abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Inhalt konnte nicht geladen werden.