Jobkolumne: Gute Vorsätze für 2020 - wer hält Sie dabei wirklich zurück?

 

Erst Anfang Januar, aber Ihre guten Vorsätze für 2020 sind schon fast wieder Makulatur? Nicht immer ist persönliche Schwäche daran schuld, sagt Mediencoach Attila Albert in seiner Kolumne. Wer seine eigenen Ziele umsetzen will, muss lernen, sich bei Bedarf auch einmal von den Wünschen und Forderungen anderer abzugrenzen.

Es liegt scheinbar in unserer Natur, jeden Jahresanfang auch mit dem Wunsch nach einem persönlichen Neuanfang verbinden zu wollen. Zwar sagen uns sowohl eigene Erfahrung wie die Forschung, dass die meisten guten Vorsätze nach wenigen Tagen wieder aufgegeben sind. Aber schön wäre es doch, 2020 nun endlich alles anders zu machen: Gelassen bleiben, Ziele erreichen, gesund genießen, das Gedächtnis stärken, Zeit für sich haben, digital entschleunigen. Diese Aufgabenliste findet sich allein auf der Titelseite des aktuellen SPIEGEL-Spezialheftes "Coaching", das zugleich einen "entspannten Alltag" verspricht.

Im Magazin "Emotion" 01/2020 stehen unter anderem die Empfehlungen, im neuen Jahr radikal authentisch zu sein, ehrlich, ohne zu verletzen, mal wieder eine Nacht durchzufeiern, für das Alter zu sparen, sich etwas vom lesbischen Sex abzuschauen und gleichzeitig aus der Erwartungsspirale auszusteigen. Formuliertes Gesamtziel auch hier: "alle" sollen sich endlich einmal entspannen können. In der "Happinez" wird das Ganze metaphysisch. Wir sollen Frieden finden, "in uns und mit der Welt", kurzum: "Seelenfrieden", unter anderem durch Stärkung des inneren Kindes, Schamanismus und einen Kurs im Glücklichsein.

Manchmal sind eben doch die anderen schuld

Nun haben wir all diese Empfehlungen bisher zu jedem Jahresanfang gehört, uns mehr oder weniger zu Herzen genommen und auch manche empfohlene Übung mitgemacht. Der eine füllt Fragebögen aus, der andere folgt einer Meditations-App. Wieder andere machen zwar dasselbe wie immer, nun aber "bewusst", was immer das konkret heißen mag. Wer in einer Ratgeber- oder Service-Redaktion arbeitet, durfte vieles davon vorher sogar noch selbst produzieren. Da stellt sich die Frage: Wer hat uns nur all die Jahre davon abgehalten, glücklich, friedlich und entspannt zu sein? Es kann doch nicht immer eigene Schwäche gewesen sein.

Man sollte mit Schuldzuweisungen zurückhalten sein. Aber zur Wahrheit gehört: Sehr oft war es nun tatsächlich nicht unsere Schuld. Vieles lässt sich bewegen und verändern. Doch aus inzwischen fast neun Jahren praktischer Coaching-Erfahrung kann ich sagen, dass die Grenzen wirklich oft außerhalb der eigenen Person liegen. Nicht selten - und das macht es leider kompliziert - sind es gerade unsere Liebsten, die es uns schwer machen, unsere Ziele zu erreichen. Sie zwingen, überreden oder drängen uns zu Dingen, die wir so gar nicht wollen. Hängen uns Schwierigkeiten an, die wir ohne sie gar nicht hätten.

  • Man müsste dringend den Job wechseln. Aber der Partner ist finanziell überhaupt keine Hilfe, und das seit Jahren. Auch die Teenager-Kinder haben nur begrenzt Interesse daran, sich mit Banalitäten wie den Lebenshaltungskosten zu beschäftigen. Wer will da riskieren, eventuell irgendwo eine neue Probezeit nicht zu bestehen?

  • Sehr gerne wäre man beruflich "besser organisiert", auch "effektiver". Nur leider plant das Management alle neuen Projekte und Kanäle ohne ausreichend zusätzliche Mitarbeiter. Im Gegenteil, um die Urlaubsvertretung zu sparen, soll man parallel für die Zeit der eigenen Abwesenheit vorproduzieren. Was helfen da immer neue Tools?

  • Natürlich hat man sich vorgenommen, berufliche und private Prioritäten zu setzen. Aber dann kommen Eltern, Kinder, Partner, Freunde, Chefs, Kollegen dazwischen, die alle ihre eigenen Ansprüche erheben. Da liegt nun der schön ausgearbeitete "Aktionsplan" für 2020 und ist bereits Anfang Januar fast schon wieder Makulatur.

In der Summe heißt das: Natürlich ist es sinnvoll, immer besser werden zu wollen und sich entsprechende Ziele zu setzen. Gleichzeitig geht das nur, wenn man sich bei Bedarf von all den Wünschen und Forderungen der anderen abgrenzen kann, insbesondere die von denjenigen, die man mag oder sogar liebt. Im Frühjahr erscheint bei Gräfe und Unzer mein Buch "Ich mach da nicht mehr mit: Wie du dich endlich abgrenzt und auch mal die anderen leiden lässt", das dieses Thema ausführlich behandelt. 2020 könnte endlich das Jahr sein, eigene und fremde Ansprüche neu auszubalancieren - freundlich, aber bestimmt.

Auf Widerstände sollte man gefasst sein: Auf Vorwürfe des Egoismus, der Undankbarkeit oder Rücksichtslosigkeit. Das gehört sozusagen zur psychologischen Kriegsführung. Aber auch auf Verblüffung. Wenig schockt beispielsweise Kinder mehr, als wenn Eltern auch mal eigene Wünsche anmelden. Wenig nötigt Vorgesetzten mehr Respekt ab, als wenn statt immer nur "Ja" plötzlich auch einmal "Nein" kommt. Es gibt immer eine Lösung, zur Abwechslung vielleicht auch mal mit ein bisschen mehr Unterstützung. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Start in ein erfolgreiches, aufregendes, glückliches 2020.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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