Julia Jäkel über Führung: Wir brauchen keine Großkopferten bei Gruner + Jahr

10.01.2020
 

Die Gruner+Jahr-Chefin Julia Jäkel spricht über den langen, "aber sehr lustvollen Weg", auf den sie sich mit dem Verlag gemacht hat. Sie sagt, warum sie Alphatiere eher nicht gebrauchen kann und warum man in den Treffen der Bertelsmann Content Alliance keine Agenda und Powerpoint benötigt.

Sie hat in den Wochen vor Weihnachten öfter über ihr Berufsleben nachgedacht und kam zu dem Schluss: "Es gibt wenig Plätze, Orte, Aufgaben, die nach wie vor so aufregend sind und breit sind, wie das, was ich hier mache". Dies sagt Julia Jäkel, die Chefin von Gruner + Jahr ("stern", "Brigitte"), im Podcast "Entscheider treffen Haider".

Julia Jäkel wurde in Mainz geboren. Sie studierte Geschichte, Politikwissenschaften und Volkswirtschaft an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und der Havard University. 1997 - damals war Jäkel Mitte 20 - durchlief sie das Bertelsmann Entrepreneurs Program und wechselte anschließend zu Gruner + Jahr.

Gruner + Jahr sei damals ein ganz anderes, ein sehr männliches Haus gewesen, geführt von ganz anderen Generationen von Verlagschefs, erinnert sich Jäkel im Gespräch mit Lars Haider, der Chefredakteur des Hamburger Abendblatts ist. Gleichwohl sei G+J immer ein sehr anständiges Unternehmen gewesen.

Julia Jäkel ist seit mehr als 20 Jahren bei G + J, seit 2012 wirkt sie im Vorstand. Sie habe "noch nie darüber nachgedacht, woanders zu arbeiten", betont Jäkel. Inzwischen macht sie das indirekt über die Bertelsmann Content Alliance, in der sie zusammen mit RTL, BMG, der Ufa und anderen Bertelsmann-Töchtern "neue große Projekte" entwickelt. Jäkel leitet das Board der Allianz, in der alle inhaltegetriebenen Bertelsmann-Geschäfte in Deutschland "verheiratet" sind. "Wir wollen viel koordinierter miteinander arbeiten", erklärt Jäkel.

"Warum machen wir das erst jetzt? Es haben sich zwei Dinge verändert: Die Kraft der großen Digitalplattformen Facebook, Google, Amazon, Netflix, die uns die Augen geöffnet haben und uns daran erinnert haben, auf was wir für einem Schatz sitzen. Ein unfassbar kluger, orgineller, witziger Inhalt, führend in fast allen Segmenten". Man habe sich gefragt: Können wir uns nicht gegenseitig helfen, unterstützten, gemeinsame Geschäfte machen?

Und dann habe sich was an der Spitze der Unternehmen geändert: "Da sind Menschen, die in dem Miteinander eine gewisse Lust verspüren, Dinge gemeinsam zu gestalten." Jäkels Aufgabe ist es, "dieses Orchester zu koordinieren".

Das Denken habe sich gewandelt, dieses Gefühl von "wer ist der tollere, wer ist der größere, wer ist der Mächtigere?". "Wir denken nicht mehr so", betont Jäkel. Zum Beispiel, als die Printleute bei den TV-Sendern der Gruppe "einfielen", sei da ein anderer Geist gewesen. Jäkel: "Man hat dort eine Truppe gesehen, die vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, uns weiterzubringen, uns kreativer zu machen, uns zu ermuntern." Hintergrund: Stephan Schäfer, Chief Product Officer von Gruner + Jahr, hat im vergangenen Jahr zusätzlich die Position des Geschäftsführers Inhalte & Marken bei der Mediengruppe RTL Deutschland übernommen. Schäfer ist gleichzeitig auch Mitglied des Content Alliance Board von Bertelsmann.

Man treffe sich in diesem Board alle 4 Wochen, sagt Jäkel. "In diesen Runden sitzen die Geschäftsführer drei, vier Stunden zusammen - fast eigentlich ohne Agenda. Ohne viel Powerpoint, ohne 'oh mein Gott, man müsste mal'. Es ist wirklich ein Chancen-Bündnis, wir machen Dinge, bei denen mehr für den einzelnen drinsteckt."

Ein Beleg: Im vergangenen September ist das deutsche Forschungsschiff Polarstern zu einer großen Arktiserkundung aufgebrochen. Die Unternehmen der Bertelsmann Content Alliance begleiten die Expedition exklusiv für die deutschsprachige Öffentlichkeit in Bild, Ton und Wort. Mit an Bord der ein Jahr dauernden Forschungsreise: UFA Show & Factual, Gruner + Jahr, die Verlagsgruppe Random House und die Audio Alliance.

Julia Jäkel spricht in dem Podcast "Entscheider treffen Haider" noch mal die Themen Führung und Führungskräfte an: "Richtig ist, dass wir nicht die Sehnsucht nach den Großkopferten haben, die nach vorne stürmen und schreien: Mir nach. Ich zeig euch, wo es langgeht. Wir haben gelernt, dass wir sehr viel Kraft in den Verlagsgruppen, in den Redaktionen, in den Teams haben." Diese Kraft müsse aber gehoben werden, diese Energie müsse genutzt werden. "Das funktioniert nicht automatisch mit dem, der nach vorne stürmt und sagt, mir nach. Wir haben gelernt, dass das mit Persönlichkeiten funktioniert, die mehr Menschen an die Hand nehmen können, die ihnen zuhören, die ihnen Raum gibt."

Jäkel nennt als Beispiel für die neue Art der Führung auch das Chefredakteursteam beim stern, Florian Gless und Anna-Beeke Gretemeier, das seit 2019 das G+J-Magazin steuert. "Die machen das richtig gut", man sei sehr happy damit - in Zeiten, in denen die Aufgaben eines Chefredakteurs immer vielfältiger, immer facettenreicher und komplexer würden. 

Das alles heiße aber nicht, dass Gruner + Jahr ein Haus ohne Ecken und Kanten sein wolle. Jäkel: "Wir brauchen auch ein bisschen Krawall. Das gehört dazu."

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