Gabor Steingarts provokante Print-Prognose

13.01.2020
 

"Es war eine cowboymäßig große Zeit, als wir 'Spiegel'-Menschen noch die Könige waren und nicht die Knechte von Werbewirtschaft und Auflagenschwund", erninnert sich Gabor Steingart. Doch wie sieht er die Zukunft von Print? Im Interview stellt der Media-Pioneer-Gründer eine provokante Prognose auf. 

"Aus der Tradition ergibt sich heute gar nichts. Manchmal ist sie auch nur ein Problem und Erfahrungsschatz, ein anderes Wort für Sondermüll", sagt Gabor Steingart im Interview mit der NZZ, die 240 Jahre alt wird. Steingart eigenes Unternehmen, Media Pioneer, hat kürzlich den ersten Geburtstag gefeiert.

Der vermeintliche Erfahrungsschatz mache viele blind für das Notwendige, nicht nur in Bezug auf Medien, meint Steingart. "Das große Erbe belastet unsere Branche. Alles ist so schwer und so nostalgisch. Die flinken Neueinsteiger aus den USA haben sich freigemacht von all den Dingen wie Papier, Logistikketten, Haptik. Wir müssen uns erst davon locker machen."

Steingarts provokante Prognose in der NZZ: Die gedruckte Tageszeitung gibt es noch so lange, bis der letzte Traditionsleser stirbt. "Wenn jemand sagt, er lese gern auf Papier, ist das keine Meinungsäusserung, sondern eine Altersangabe."

Steingart ("Nostalgie ist kein Geschäftsmodell") war Chefredakteur und Herausgeber des Handelsblattes und arbeitete zuvor 20 Jahre lang für den Spiegel: Im Rücklick bezeichnet er die Phase als "cowboymäßig große Zeit": "Der damalige Chefredakteur Stefan Aust wollte möglichst rasch eine Titelgeschichte über Daimler haben wollte. Er sagte: Nehmen Sie sich ein Privatflugzeug, und fliegen Sie zu Daimler-Chef Schrempp. Eine Stunde später sind wir gestartet. Einen anderen Kollegen haben wir aus St. Moritz eingeflogen." Das sei pure Geldverschwendung gewesen. Ein Zeit, "als wir Spiegel-Menschen noch die Könige waren und nicht die Knechte von Werbewirtschaft und Auflagenschwund". Solche Erinnerungen gehören für Steingart zu einem weinseligen Abend am Jahresende, aber nicht in ein Meeting und auch nicht jeden Tag in die Kantine.

Bei Gabor Steingarts neuem Medienunternehmen ist die Ansage "100 Prozent Journalismus, keine Märchen". Steingart erklärt die Werbung gegenüber der NZZ so: "In unserem Gewerbe sind auch Märchenerzähler unterwegs. Im Fall Claas Relotius verstand sich ein Reporter des 'Spiegels' als Belletrist, darauf bezieht sich der Claim."

Als Verrat an der eigenen Unabhängigkeit sieht Steingart Inserate: "Wir könnten problemlos Anzeigen haben. Wollen wir aber nicht. Wir geben unsere Nutzer nicht in die Vermarktung. Ich finde es entwürdigend, wenn in Podcasts Journalisten Werbung verlesen." Und weiter: "Einerseits behaupten wir, kritisch über die Autoindustrie zu schreiben. Andererseits wirbt der Chefredakteur am nächsten Tag beim Businesslunch mit Firmen dafür, dass sie Anzeigen schalten." Dieses Modell stamme aus einer anderen Zeit, wie die Grossspenden der Parteien: "In den USA verzichten alle progressiven Kandidaten auf Geld der Wirtschaftslobbys. Sie nehmen zwar Geld, aber nur von ihren Wählern. 'Small money', das in Summe aber sehr viel sein kann."

Die Finanzierung 50 Prozent Leser, 50 Prozent Inserate sei ein alter Zopf, der wegmüsse, fordert Steingart in der NZZ: "Es täte unserer Glaubwürdigkeit sehr gut, die Leser sind nicht blind." Fast alle anderen Branchen hätten sich diesem "Reinheitsgebot" verpflichtet: "Den teuren Kaffee bei Starbucks zahle ich auch, und er ist nicht von Bayer gesponsert. Die Leser der NZZ oder des 'Spiegels' sind keine armen Schlucker. Es kann doch nicht sein, dass wichtige ökonomische Akteure über Wohl und Wehe einer Redaktion entscheiden", so Steingart.

Dabei ist der Medienmanager nicht sicher, dass die Leser auch wirklich den Preis für guten Journalismus zahlen werden: "Es ist eine Wette auf die Zukunft, wie in einer Partnerschaft. Wenn der Leser nicht bereit ist, den Preis des Produkts zu bezahlen, haben wir ein Problem in unserer Beziehung."

Exklusive Storys und aktuelle Personalien aus der Medien- und Kommunikationsbranche gibt es von Montag bis Freitag in unserem kressexpress. Kostenlos unseren Newsletter abonnieren.

Ihre Kommentare
Kopf
Kress Pro Magazin
2020/#02

Lesen Sie im aktuellen kress pro, dem Magazin für Führungskräfte bei Medien: Mit dpa-Chef Peter Kropsch steht die Agentur vor dem größten Umbau ihrer Geschichte. Was sich für die Kunden alles ändert. Dazu: Wie schlagen sich Steingarts Erben bei der Handelsblatt Media Group?

Kressköpfe dieses Artikels
  • Noch kein kresskopf?

    Logo
    Dann registrieren Sie sich kostenlos auf kress.
    Registrieren
Kress Pro Magazin
2020/#02

Lesen Sie im aktuellen kress pro, dem Magazin für Führungskräfte bei Medien: Mit dpa-Chef Peter Kropsch steht die Agentur vor dem größten Umbau ihrer Geschichte. Was sich für die Kunden alles ändert. Dazu: Wie schlagen sich Steingarts Erben bei der Handelsblatt Media Group?

Inhalt konnte nicht geladen werden.