Köpfe-Interview: Wie Steffi Czerny auf dem DLD die Digitalwelt wieder reparieren möchte

 

Die DLD-Kongressreihe findet ab kommenden Samstag für drei Tage wieder in München statt. Burda-Managerin und Gründerin Steffi Czerny blickt auf 15 Jahre Pioniergeist zurück und verrät im Köpfe-Interview, wie sie sich ihren digitalen Fortschrittsoptimismus erhält.

kress.de: Frau Czerny, seit mittlerweile 15 Jahren treffen auf dem DLD in München Denker, Unternehmer, Künstler und Politiker zusammen, um die Zukunftschancen durch die Digitalisierung zu prüfen und zu feiern. Wie stark hat sich die anfängliche Fortschrittseuphorie in den vergangenen Jahren auch für Sie eingetrübt?

Steffi Czerny: Bei aller berechtigten Kritik an Fehlentwicklungen: Wir sollten nie vergessen, dass der Digitalwandel uns enorme Fortschritte gebracht hat. Das reicht vom simplen Beispiel der Handys, die uns den Weg weisen und erlauben, immer mit unseren Liebsten in Kontakt zu bleiben, bis zu künstlicher Intelligenz in der Medizin und neuen Ansätzen, den Klimawandel zu bekämpfen – ein wichtiges Thema beim diesjährigen DLD.

"Es ist ja nicht 'das Internet' kaputt, sondern es gibt lediglich bestimmte Bereiche der digitalen Wirtschaft, die reparaturbedürftig sind."

kress.de: Wie kaputt ist, platt gesprochen, das Internet wirklich, wie eine wachsende Zahl von Kritikern behauptet?

Steffi Czerny: Das ist mir in dieser Form wirklich zu platt formuliert. Es ist ja nicht "das Internet" kaputt, sondern es gibt lediglich bestimmte Bereiche der digitalen Wirtschaft, die reparaturbedürftig sind. Das betrifft aus meiner Sicht vor allem den Trend zu Plattformen, die in ihren Bereichen Quasi-Monopole aufbauen. Dort sollte der Staat gegensteuern, um Missbrauch zu verhinden – genau, wie es Europa bereits tut. Ich freue mich auch sehr, dass wir die neue Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, als Sprecherin für DLD20 gewinnen konnten. Dazu kommt unser eigener Umgang mit Informationen: Wir alle sollten vorsichtiger sein, Dinge einfach zu glauben, die im Internet auftauchen – und sie womöglich mit einem schnellen Klick sofort weiter zu verbreiten. Natürlich fällt es Übeltätern leicht, Menschen mit Missinformationen zu manipulieren, wenn niemand hinterfragt, ob die Bilder, Nachrichten und Videos, denen wir in sozialen Medien begegnen, auch tatsächlich stimmen. Wer gegensteuern will, sollte also vor jedem Klick innehalten und sich fragen: Wo kommt dieses Bild her? Ist die Quelle glaubwürdig? Will mich hier jemand für seine Zwecke benutzen? Nur so können wir uns vor Manipulationen schützen.

kress.de: Für dieses Jahr haben Sie den Appell "What are you adding?" als DLD-Motto gewählt. Was steckt dahinter?

Steffi Czerny: Die digitalisierte, globalisierte Welt bietet uns große Chancen, sie stellt uns aber auch vor gewaltige Herausforderungen. Ich bin der Überzeugung, dass jeder von uns die Aufgabe und Möglichkeit hat, sich aktiv einzubringen – im Geschäftsleben, durch gesellschaftliches, wissenschaftliches oder politisches Engagement, aber auch im persönlichen Leben. Mit dem diesjährigen Motto "What are you adding?" – Betonung auf YOU – wollen wir den jetzt notwendigen internationalen Diskurs mit herausragenden Vorbildern unserer Zeit anregen.

kress.de: Auf welchen Wegen kann jeder einzelne Nutzer Ihrer Meinung nach denn die digitale Welt wieder zurück zu einer besseren führen?

Steffi Czerny: Ich würde die digitale Welt nicht per se als eine schlechte verurteilen. Im Gegenteil – ich sehe viele positive Entwicklungen wie die Früherkennung von Krankheiten oder der Zugang zu Bildung selbst in den abgelegensten Teilen dieser Welt. Dennoch stehen wir vor großen Herausforderungen, das ist unbestritten. Genau deshalb werden wir bei DLD auch Beispiele und Lösungen aufzeigen, wie sich jeder Einzelne aktiv einbringen kann. Hierfür holen wir unter anderem Klimaaktivisten auf die Bühne und diskutieren zum Beispiel mit engagierten Journalisten wie Maria Ressa, die von dem Drogenkrieg auf den Philippinen berichtet und hierfür schon mehrfach inhaftiert wurde. Ihr bewundernswerte Einsatz zeigt, wie wichtig Freie Rede und Demokratie in einer digitalisierten Welt sind.

kress.de: Wenn Sie auf die Schwerpunkte der vielen DLD-Veranstaltungen, auch im Ausland, zurückblicken: Um welche Debatten, die ursprünglich vielleicht noch marginal, exotisch oder gar esoterisch erschienen, kommt man heutzutage aus Ihrer Sicht gar nicht mehr herum?

Steffi Czerny: Wir hatten bei DLD bereits Künstliche Intelligenz und Urban Air Mobility auf der Agenda, als diese Themen noch weit in der Zukunft lagen. Mittlerweile hat der erste bemannte Flug eines autonomen Flugtaxis stattgefunden, und Künstliche Intelligenz ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Eine ähnliche Entwicklung sehe ich bei Quantum Computing, das ein zentrales Thema im diesjährigen DLD-Programm ist. Auch wenn es uns heute noch schwer fällt zu verstehen, wie drastisch Quantencomputer sämtliche Lebensbereiche verändern werden, sollten wir uns hiermit schon jetzt auseinandersetzen. Denn dieser Technologie steht eine ähnliche Entwicklung wie dem Internet bevor: Vor der Jahrtausendwende hätte auch noch keiner vermutet, wie sehr das Internet alles verändern würde.

"Die Auswahl der Speaker und Themen ist nicht danach ausgelegt, unangenehmen Themen aus dem Weg zu gehen und das Programm ausschließlich auf die Geschäftsfelder von Burda abzustimmen."

kress.de: Die DLD-Veranstaltungen sind trotz ihrer großen Freiheiten in der Inspiration und im Anregen auch ein Burda-Geschäftsfeld. Wie schwer fällt es Ihnen manchmal, in der Themenwahl Konflikten mit eigenen Hausinteressen aus dem Weg zu gehen, wenn es etwa um Fragen der Leser-Datentransparenz oder der Kritik an Social-Media-Strategien geht?

Steffi Czerny: DLD ist eine offene, interdisziplinäre Plattform, die die dringlichsten Fragen der Digitalisierung mit den wichtigsten Playern der Branche diskutiert. Hierbei ist die Auswahl der Speaker und Themen nicht danach ausgelegt, unangenehmen Themen aus dem Weg zu gehen und das Programm ausschließlich auf die Geschäftsfelder von Burda abzustimmen. Wir können die Digitalisierung nur dann ganzheitlich diskutieren, wenn wir auch kritische Themen auf die Agenda nehmen und polarisierende Speaker am Diskurs beteiligen. Wenn wir uns aus Angst vor Kritik bei der Auswahl von Themen und Speakern einschränken lassen, verliert eine Plattform wie DLD ihr Kraft zu inspirieren und Visionen zu vermitteln.

kress.de: Sie haben über die Jahre hinweg DLD zu einer Marke gemacht und zahlreiche Ableger gegründet. Wie viel Ausdehnung und Marken-Wachstum gibt die ursprüngliche reine Konferenzidee denn für die Zukunft noch her?

Steffi Czerny: Ich habe noch so viele Ideen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll! Wir haben den Anspruch, uns immer weiterzuentwickeln, neue Länder, Themenfelder und Formate zu erschließen. Im vorigen Jahr sind wir im Rahmen des ersten DLD Hike mit der DLD-Community wandern gegangen, in diesem Jahr werden wir im Frühjahr einen DLD Health veranstalten. Es gibt also nach wie vor viel Wachstumspotential!

kress.de: Welche Themen sind im aktuellen Programm diejenigen, die Ihnen persönlich besonders am Herzen liegen?

Steffi Czerny: Neben Künstlicher Intelligenz und Quantum Computing, Führung und Politik liegen mir insbesondere der Klimawandel und die vielen spannenden Künstler am Herzen, die als Seismographen unserer Zeit eine so wichtige Rolle spielen und oft übersehen werden. Das Besondere am DLD ist ja gerade, auch Menschen in Kontakt zu bringen, die sich gegenseitig inspirieren, selbst wenn sie im Alltag oft wenig miteinander zu verbinden scheint – Kreative und Wissenschaftler etwa. Wer weiß schon, wie eng Kunst und Mathematik miteinander verwandt sind? Bei DLD20 werden sich der Oxford-Professor Marcus du Sautoy und der mexikanische Künstler Eduardo Terrazas über den "Creativity Code" unterhalten. Darauf freue ich mich sehr, das wird sicher ein Highlight.

kress.de: Ein oder zwei Geheimtipps für Angebote, die man beim kursorischen Blick auf die Agenda übersehen könnte und nicht auslassen sollte?

Steffi Czerny: Zum Thema Gesundheit haben wir zwei faszinierende Themen: Der britische Forscher Dr. Robin Carhart-Harris wird über die medizinische Wirkung von psychedelischen Drogen sprechen bei der neuen Volkskrankheit Depression. Und der Amerikaner William Li erklärt, wie Ernährung helfen kann, Krebs zu besiegen. Keinesfalls verpassen sollten Sie auch den Facebook-Investor Roger McNamee, der inzwischen sehr kritisch über Mark Zuckerberg denkt, und den Designer Gadi Amit, der unter anderem das Fitbit-Armband gestaltet hat und jetzt an innovativen Hausideen arbeitet. Und natürlich auch Tristan Harris, der als das Gewissen des Silicon Valleys gilt und auf den ich mich besonders freue!

kress.de: Rund 150 Speaker haben Sie mit Ihrem Team diesmal wieder zusammengetrommelt. Wie wickelt man so einen Kongress-Tross praktisch ab und wie dick in Zentimetern muss man sich Ihr über die Jahre angewachsenes Adressbuch vorstellen?

Steffi Czerny: Ich habe ein tolles Team, das mich seit Jahren unterstützt und ohne das eine Konferenz- und Innovationsplattform wie DLD nicht möglich wäre! Wir sind nach so vielen Konferenzen perfekt eingespielt und jeder ist ein Experte auf seinem Gebiet. Um unser Netzwerk zu pflegen und immer wieder neue, spannende Speaker zu entdecken, reisen wir zu den wichtigsten internationalen Konferenzen. Darüber hinaus sind wir neben unseren Konferenzen mit Networking-Veranstaltungen zum Beispiel in Palo Alto oder in New York auf der ganzen Welt präsent.

"So sehr ich es auch genieße, für DLD die spannendsten Länder dieser Welt zu bereisen, so sehr liebe ich es, in meiner Heimat am Tegernsee zu sein."

kress.de: Ein wichtiger DLD-Anspruch ist, die weltweiten Visionäre nach München zu holen. Sie selbst leben privat ja mit etwas räumlicher Distanz zum Burda-Hauptsitz und zum DLD-Veranstaltungsort. Wie wichtig ist es für Sie, ab und an den Tegernsee zwischen sich und den Medientrubel zu wissen?

Steffi Czerny: So sehr ich es auch genieße, für DLD die spannendsten Länder dieser Welt zu bereisen, so sehr liebe ich es, in meiner Heimat am Tegernsee zu sein. Ich war schon immer sehr naturverbunden und finde in langen Spaziergängen in den Bergen den perfekten Ausgleich zum Berufsalltag, aber auch immer wieder neue Ideen und Impulse.

kress.de: Die Planung, Organisation und Durchführung der diversen DLD-Veranstaltungen dürfte ja längst zu einem Ganzjahresgeschäft für Sie geworden sein. Wann können Sie DLD-freien Gedanken nachhängen und wie und wo laden Sie Ihre Batterien auf?

Steffi Czerny: Spannende Menschen laden meine Batterien auf, allerdings gerne Face-to-Face und nicht über Social Media.

kress.de: DLD ist ein Plattform zum Vernetzen, auch die kressköpfe ermöglichen das ja. Sie führen ein kressköpfe-Profil. Wie wichtig ist das Netzwerken für Sie?

Steffi Czerny: Netzwerken ist bei meinem Beruf essentiell, und ohne die Pflege von Kontakten wäre unser internationales DLD-Netzwerk nicht zu dem geworden, was es ist.

kress.de: Entscheidend dürfte ja sein, stets auf der Höhe der aktuellen Digital-, Medien- und Gesellschaftsdebatten zu bleiben. Welche Neuigkeiten und beruflichen Inspirationen ziehen Sie aus Ihrer Lektüre von kress.de und kress pro?

Steffi Czerny: Als ausgebildete Journalistin interessiert mich sehr, was in der Medienbranche passiert und was die führenden Köpfe unserer Branche umtreibt. Hierzu bringt mich die Lektüre von kress.de und kress pro auf den neuesten Stand, und ich habe hier auch schon neue Impulse dafür gewonnen, wen man unbedingt zu DLD einladen sollte.

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