Christian Lindner rät Medienhäusern: Stellt auch Leute mit Brüchen statt nur glatt Durchstudierte ein

 

"Wer nur 'glatt Durchstudierte' einstellt, konzentriert ungewollt noch mehr lauen deutschen Mittelstand in seinen Redaktionen. Also zu wenige Kinder von Arbeitern oder Migranten. Kaum junge Menschen, die an den Rändern unserer Gesellschaft aufgewachsen sind." Aus Christian Lindners kress pro-Kolumne "Personalfragen".

Sie kennen das: Sie haben eine Stelle zu besetzen, oder mehrere - etwa bei der Entscheidung für Volontäre oder Medienkaufleute. Vor Ihnen liegen die Bewerbungsmappen. Wen laden wir ein? Routiniert scannen Sie Aufmachung, Anschreiben, Foto, dann den Lebenslauf. Gute Vita, schlechte Vita? Faszinierend oder fragwürdig? Die unbedingt, den eher nicht? Wie Sie diese Fragen beantworten, hängt davon ab, was für ein Typ Sie sind - und welchem Typus Sie eine Chance geben, bewusst oder unbewusst. Cornelius Winter, CEO der Kommunikationsberatung "365 Sherpas", entscheidet dabei sehr bewusst. "Bei uns werden Bewerber, die einfach nur glatt durchstudiert haben, gleich aussortiert", verriet er beim "PR Report Camp" in Berlin. Bei diesem Format kommen Studenten und junge Talente des PR-Fachs unkompliziert mit Chefs dieser Branche in Kontakt - und beide Seiten lernen voneinander. Winter hat damit viele Studenten im Saal irritiert: Karriere-Coachs raten zum zügigen Studium - und dann sagt ein Auswahl-Gott, dass "glattes Durchstudieren" für ihn ein Raus-Kriterium ist, dass er stattdessen "Brüche im Lebenslauf" will?

Was für ein Typus sind Sie bei der Suche nach Typen für Ihr Haus?

Auch bei Medien spricht alles für die Methode Winter. Ja, auch mir imponierten die makellosen CVs so vieler perfekter junger Frauen. Nie sitzengeblieben, schon in der Schule im Ausland, nur gute Noten, Abitur mit 1,x, mit Erasmus ein Semester nach Frankreich, Studium in Regelzeit, edle Examen, vielfältige Praktika klug eingewoben.

Wer diese Bewerberinnen (und ihre selteneren männlichen Pendants) einstellt, geht kein Risiko ein. Diese jungen Frauen und Männer sind erwachsener, als wir es in ihrem Alter waren. Sie sind fachlich und sozial kompetent, fügen sich gut ein, sind engagiert.

Und doch spricht vieles dafür, auch Bewerber mit Sackgassen, Brüchen und zweiten Anläufen im Lebenslauf zu suchen. Oder gar gezielt vermeintliche Exoten, die sich von sich aus nie bei uns bewerben würden, zu recruiten.

Wer nur "glatt Durchstudierte" einstellt, konzentriert ungewollt noch mehr lauen deutschen Mittelstand in seinen Redaktionen. Also zu wenige Kinder von Arbeitern oder Migranten. Kaum junge Menschen, die an den Rändern unserer Gesellschaft aufgewachsen sind. Stattdessen viele kluge junge Leute, die in Elternhaus, Schule und Uni verinnerlicht haben, dass Sicherheit sehr wichtig und Widersprechen angeblich nicht gefragt ist. Glatt durchstudiert - und selbst auch glatt. Eine Folge: Statt der Jungen müssen zu oft die Chefs die Treiber von Veränderung sein.

Wer dagegen für "andere" Bewerber offen ist, tut mehr für die Zukunft seines Hauses. Wilde Schulkarriere, Talent statt Abitur, Mathe 5 / Deutsch 1, ein Handwerk gelernt, Abi nachgeholt, Spätaussiedler, türkisches Elternhaus, das erste Studium abgebrochen, in einer ganz anderen Branche gearbeitet, bei der Bundeswehr gedient, tief gläubig, Ehrenamtler, Schiedsrichter, Ü30, ein eigenes Projekt gewagt und versemmelt, optisch aus der Reihe tanzend: Schon diese Aufzählung zeigt, welche Erfahrungswelten wir erschließen, wenn wir in puncto Nachwuchs aus den gepflegten Einfamilienhaus-Ghettos ausbrechen.

Ja, das ist nicht ohne Risiko. Brüchige sind anstrengender als Glatte, sind uns nicht so sicher wie die, denen viel an Sicherheit liegt. Aber mit untypischen Bewerbern bilden wir in unseren Häusern die deutsche Realität und damit das Leben unserer Zielgruppen besser ab.

Wenn Sie nicht eh schon ein Faible für Bewerber mit Brüchen haben: Probieren Sie's aus! Sie werden merken: Es ist spannend, da draußen. Und - wenn Sie es fordern, fördern und schützen - bald auch drinnen. Erst in Ihrem Medienhaus, dann in Ihren Medien.

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Die Kolumne "Personalfragen" von Christian Lindner ist in der aktuellen Ausgabe von kress pro erschienen. Sie können die 124-seitige kress pro/Ausgabe 10/2019 in unserem Shop kaufen.

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