Das ideale Alter für einen Neuanfang im Job? Mitte 40

 

Man hat sich Erfahrungen und ein Netzwerk erarbeitet und kennt sich selbst besser. Die Kinder sind bald aus dem Haus, und der Immobilienkredit ist zu einem Großteil abgezahlt. Mitte 40 ist die beste Zeit für einen beruflichen Neuanfang, sagt Mediencoach Attila Albert in seiner kress-Kolumne. So überwinden Medienprofis die Hürden.

Wenn es ein ideales Alter gibt, um beruflich noch einmal von vorn zu beginnen, dann ist das wahrscheinlich Mitte 40. Man hat sich Erfahrungen und ein Netzwerk erarbeitet und kennt sich selbst besser als zu Beginn des Berufsleben. Man weiß, welcher Arbeitsstil und welche Firmenkultur zu einem passen und womit man nie wieder etwas zu tun haben möchte. Auch privat passt es oft besser: Die Kinder sind vielfach schon Teenager und bereiten sich darauf vor, das Haus in Richtung Ausbildung oder Uni zu verlassen. Wer schon früh eine Immobilie gekauft hat, der hat nicht selten bereits einen Großteil seines Kredits abgezahlt.

Eigentlich könnte man es sich in dieser Lebensphase leisten, die neue Freiheit zu nutzen und wieder etwas für sich selbst zu tun. Kalkulierte Risiken einzugehen, um sich nun selbst weiterzuentwickeln. Typische Ziele sind: Neuen Spaß an der Arbeit finden, auf eine positive Weise gefordert zu sein, wieder etwas dazulernen, etwas Sinnvolles zu tun. Der Wunsch nach mehr Geld ist vielfach gar nicht so entscheidend. Klassische Journalisten in den großen Medienhäusern haben nicht selten noch Altverträge und verdienen damit über dem heutigen Durchschnitt. 80 000 Euro pro Jahr oder mehr (ohne Personalverantwortung) findet man in dieser Gruppe durchaus oft. Man sieht sogar bis zu 150 000 Euro auf Verlagsseite.

Mutlose Kompromisse und verschleppte Entscheidungen

Diese komfortable Situation ist gleichzeitig die größte Hürde. "Soll ich das wirklich alles aufgeben? So schlecht habe ich es ja auch nicht!" Oder: "So etwas bekomme ich doch nie wieder! Ich kann doch diesen Vertrag nicht aufgeben." Das sind die Gedanken, die einem Frustanfall immer wieder folgen, und so vergehen die Jahre. Man hat sich über die neueste Umstrukturierung geärgert, kann sich aber auf die nächste Urlaubsreise freuen. Mal wieder ist ein jüngerer Kollege vorbeigezogen. Aber er verdient sicher weniger als man selbst. Mitte 40 ist oft das Alter der mutlosen Kompromisse und verschleppten Entscheidungen.

Wie es im Leben dann aber so ist: Wenn man nicht selbst entscheidet, dann tun es andere. Mit Mitte 40 ist man in den Augen vieler Medienunternehmen bereits zweite Wahl, auch wenn das nicht unbedingt eine kluge Strategie ist. So gehen attraktive Jobs häufig an zehn Jahre jüngere Kollegen. Auch die Gesundheit entscheidet in diesem Alter bereits mit: Viele Medienprofis kämpfen mit Erschöpfung oder gar einem Burnout, sei es durch jahrelange Überlastung, ungesunden Lebensstil (Pendeln, Dienstreisen) oder einfach Unglücklichsein in dem angeblich so guten Job. Der Vertrag gibt viel, kostet einen aber eventuell noch mehr.

Freude, Glück und Leidenschaft sind erlaubte Kriterien

Kürzlich las ich in dem Buch "Stars in Gummistiefeln: Die Gartentricks der Prominenten" des ehemaligen People-Journalisten Frank Gerdes (u.a. Gala, Bunte, BZ, Bauer). Ich hatte mir Zeit damit gelassen, da ich selbst kein Gärtner bin. Es stellte sich als die behutsam erzählte Geschichte seines Neuanfangs nach einem Burnout heraus. Gerdes, Jahrgang 1971, gab seine Stelle aus gesundheitlichen Gründen auf, und das eher gezwungen als freiwillig. Er betreibt jetzt den Blog "Franks kleiner Garten", über den auch Produkte verkauft werden. Im Buch hat er mich als seinen Coach erwähnt und mir diesen Hinweis hier gestattet.

An einer Stelle im Buch gibt Frank Gerdes ein Gespräch wieder, das wir geführt haben: "Attila berät mich einmal die Woche. 'Woran hast du Spaß? Was könnte dir nachhaltig Freude bereiten?', fragte er mich das letzte Mal. Ich musste wirklich sehr lange nachdenken, bevor ich ihm nur eine halbwegs passable Antwort geben konnte. Und natürlich kam auch unweigerlich die Frage nach dem Glück. Ja, er wollte tatsächlich wissen, was mich im Job glücklich machen könnte. Auch da musste ich lange überlegen, und mir fiel nichts mehr ein.'" Es muss ihn überrascht haben, offenkundig waren das vorher gar keine Kriterien mehr.

Aber neben dem größeren Mut, seine Möglichkeiten und Freiheiten voll zu nutzen, gehört dieser Punkt zum Neuanfang: Wieder etwas tun, das Freude und Spaß macht, das eigene Leidenschaften aufnimmt und neu entfacht. Das sind erlaubte Wünsche und mit Mitte 40 auch Aspekte der grundsätzlichen Lebensqualität. Mit Mitte 20 kann man sich problemlos sagen, dass man sich "später" mehr um sich selber kümmern wolle. In der rechnerischen Lebensmitte ist dieser Zeitpunkt gekommen - nicht etwa erst mit der Pensionierung. Wer Mitte 40 ist, kann sich etwas herausnehmen und sollte diese Chance auch nutzen.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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