Job-Kolumne: So werden die letzten Berufsjahre auch die besten

 

Viele Medienhäuser drängen Mitarbeiter ab Mitte 50 aus dem Unternehmen. Gleichzeitig gelingt es oft, wenige Jahre vor dem Rentenalter oder sogar noch darüber hinaus neue berufliche Schwerpunkte zu setzen. Mediencoach Attila Albert über Strategien für die letzte Karrierephase.

Kürzlich klingelte es abends an meiner Haustür: Spontaner Besuch, wie man es im Zeitalter der wochenlangen Vorplanungen gar nicht mehr kennt. Zwei ehemalige Kolleginnen, mit denen ich einmal in einer Redaktion gearbeitet habe, standen draußen, beide inzwischen pensioniert und gerade in der Nähe gewesen. Wir tranken heiße Schokolade, sprachen über alte Zeiten und neue Pläne. Schnell beeindruckte mich dabei die jugendliche Begeisterung, die sie noch immer zeigten. Sie wollten weiterarbeiten: Schreiben, fotografieren und Neues ausprobieren, nun aber zu ihren Bedingungen und mehr nach ihren Interessen.

Für Angestellte ist Mitte 40 der beste Zeitpunkt, um beruflich noch einmal durchzustarten. Doch die Erfahrung zeigt: Wer wirklich will, findet mit ein wenig Geduld in jedem Lebensalter eine Gelegenheit. Zwar gibt es in vielen Medienhäuser die Tendenz, die vermeintlich zu teuren oder unflexiblen Mitarbeiter ab Mitte 50 aus dem Unternehmen zu drängen. Gleichzeitig kann es gelingen, auch noch wenige Jahre vor dem Rentenalter oder sogar darüber hinaus neue berufliche Schwerpunkte zu setzen. Aber welche Strategien empfehlen sich für die letzte Karrierephase?

Wissen und Erfahrungen weitergeben

Das Schweizer Nachrichtenportal Nau.ch vermeldete vor einigen Tagen eine interessante Personalie in eigener Sache: Ab diesem Monat würde die Reporterin Gabriela Battaglia, vorher beim BLICK tätig, für das Portal arbeiten. Ausdrücklich wurde ihr Alter herausgestellt: 61 Jahre. Chefredakteur Micha Zbinden kündigt an, dass sie die Gerichtsberichterstattung aufbauen solle: "Da ist viel Wissen, Erfahrung und ein funktionierendes Beziehungsnetz gefragt. Battaglia wird zudem mithelfen, unsere Talente weiter zu formen und zu fördern." Sie erklärte, dass sie es kaum erwarten könne, ihre Erfahrungen weitergeben zu dürfen.

Die Rolle eines Mentors ist eine erste reizvolle Option: Wissen, Erfahrungen und Kontakten weitergeben - ohne Angst vor nachwachsender Konkurrenz. Das nützt dem Unternehmen, dem jüngeren Kollegen sowieso. Für den Mentor ist es befriedigend, noch einmal an den eigenen Karriere-Anfang zurück zu denken, weiterhin gefragt zu sein und zu werden. Mentoring kann sich ganz nebenbei aus dem Alters- und Erfahrungsgefälle ergeben, aber auch offiziell und strukturiert über die Personalabteilung organisiert werden. Falls Sie dieser Weg interessiert, einfach einmal dort nachfragen und sich anbieten.

Frühzeitig mit dem Arbeitgeber sprechen

Nicht selten kommt es vor, dass Medienprofis nach Ablauf ihres Vertrages (meist automatisch z. B. mit dem 65. Geburtstag) als freie Mitarbeiter weiterbeschäftigt werden: Sie führen gewisse Aufgaben weiter, sind nun aber nur noch tageweise in der Redaktion oder arbeiten ganz von zu Hause aus. Im Grunde handelt es sich dabei um Outsourcing. Der ehemalige Angestellte wird zum Subunternehmer, der sich zur Rente etwas dazu verdient. Für das Unternehmen hat diese Lösung einige Vorteile: Man muss diesen Mitarbeiter nicht einarbeiten, kann eine Planstelle einsparen oder in ein anderes Team verlegen.

Wer diese Variante anstrebt, sollte mindestens ein Jahr vor dem Ausscheiden das Gespräch mit seinem Chef suchen. Das gibt ihm ausreichend Zeit, über die Neugestaltung der bisherigen Stelle nachzudenken und ob sie überhaupt wieder besetzt werden soll. Sie selbst sollten sich frühzeitig über die Zuverdienstgrenzen und Steuerpflichten als Rentner beraten lassen. Entscheiden Sie auch, wie flexibel Sie sein wollen und welches zeitliche Pensum Sie anstreben. Wer beispielsweise zusagt, jede Woche beim Heftschluss mitzuredigieren, kann nicht so einfach spontan verreisen, sondern bleibt gebunden wie ein Arbeitnehmer.

Eine weitere Option ist der nochmalige Neuanfang in einem Alter, in dem andere langsam an eine Teilzeitregelung denken. Sei es eine Selbstständigkeit, eine beratende Tätigkeit (z. B. Formatentwicklung) oder auch innerhalb des aktuellen Arbeitsverhältnisses. Ich hatte einmal einen Vorgesetzten, der mit Mitte 50 noch einmal ans andere Ende Deutschlands zog, um dort eine neue Redaktion mit aufzubauen. Hier liegt der Reiz klar darin, sich noch einmal selbst herauszufordern, wieder etwas Neues zu lernen und aus der Routine auszubrechen. Dieser Weg erfordert ein wenig Abenteuerlust, gibt aber enorme neue Energie.

Über Technologie und Trends informiert bleiben

Auf vier Dinge sollten Sie in den letzten Berufsjahren in Bezug auf die eigene Einstellung achten, wenn Sie weiterhin relevant und gefragt bleiben wollen.

  • Halten Sie sich nicht zu oft mit Sentimentalitäten auf ("Also, früher war das so...", "Ich weiss noch, als wir..."). Verklären Sie die Vergangenheit nicht allzu sehr. Nehmen Sie Teil an den heutigen Themen der Redaktion und Ihrer Kollegen. 

  • Seien Sie informiert und routiniert, was Technologien in der Redaktion angeht (Software, Geräte, Werkzeuge). Dass man einmal eines der ersten Nokia-Handys hatten oder schon bei MySpace dabei war, reicht nur für eine nette Anekdote.

  • Gleiches gilt für die Themen unserer Zeit: Was tut sich in der Populärkultur (Musik, Filme, Bücher), aber auch in Gebieten wie Politik, Wirtschaft und Wissenschaft? Ein Medienprofi muss im Heute leben, nicht vom Bestand seiner Anfangsjahre.

  • Teilen Sie Ihr Wissen, hören Sie aber auch zu. Was sind die Sorgen und Themen der jüngeren Journalisten, wie arbeiten sie? Zuhören ist ausgedrückter Respekt. Nicht selten kann aber auch der erfahrenste Profi immer noch etwas dazulernen.

Mancher mag sich fragen: All diese Mühe so kurz vor der Rente? Das ist natürlich, neben finanziellen Erwägungen, eine persönliche Entscheidung. Allerdings: Mit zunehmendem Alter werden die Lebensjahre wertvoller, und mit dem Job verbringt man die meisten seiner wachen Stunden. Daher sollte er insgesamt glücklich machen, sich sinnvoll und aufregend anfühlen. Kompromisse müssen häufig sein, sollten aber nicht zum Dauerzustand werden. Wenn Sie die Chance sehen und es soweit ist: Versuchen sie, Ihre letzten Berufsjahren zu ihren besten zu machen.

Zum Autor: Attila Albert (46) begleitet mit seiner Firma Media Dynamics seit mehreren Jahren Medienprofis bei der beruflichen und persönlichen Neuorientierung. Albert hat selbst mit 17 Jahren als Journalist zu arbeiten begonnen. Anfangs bei der "Freien Presse" in Chemnitz, eine der größten deutschen Regionalzeitungen, später insgesamt 23 Jahre bei Axel Springer, unter anderem als Textchef und für Sonderaufgaben bei der "Bild"-Bundesausgabe, danach als Autor bei der Ringier AG in Zürich. Berufsbegleitend hat er sich in den USA zum Coach ausbilden lassen sowie vorher ein dreijähriges Webentwickler-Studium absolviert.

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